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Hochgiftiges Rizin - Biowaffen für den Dschihad

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Der Rizin-Fund in der Wohnung eines 29-Jährigen weckt Erinnerungen: Schon vor 15 Jahren fanden Ermittler Zutaten für die Herstellung des Toxins - und konnten Anschläge verhindern.

SEK Beamte mit Atemschutzmasken verlassen ein Hochhaus.
Ermittler haben in der Wohnung eines Mannes in Köln hochgiftiges Rizin gefunden. Quelle: dpa

Auf dem Video ist eine Hand zu sehen, wohlverpackt in einen Gummihandschuh, die nach einer metallenen Schüssel auf einem Schrank greift. Dann fährt das Bild auf ein paar kleine braune Gegenstände zu, die beinahe wie Bohnen aussehen. Unscheinbar, aber tödlich, denn es sind tatsächlich Bohnen, in diesem Fall Bohnen der Castorpflanze. Aus ihnen wird ein hochgefährliches Gift gewonnen. "Operation Frühlingserwachen", so hatten die Fahnder die Razzien in Manchester, Bournemouth und London genannt. Und was sie fanden, damals im Januar 2003, hat sie wachgerüttelt. Eine der Durchsuchungen ist auf einem Polizeivideo festgehalten.

Rizin ist tödlicher als das Gift einer Kobra

In einer kleinen Wohnung mitten in der britischen Hauptstadt entdeckte die Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard ein regelrechtes Kabinett des Schreckens. Schrank und Kommode vollgestopft mit Chemikalien. Anleitungen für die Herstellung von Toxinen wie Botulinum, Zyanid und Rizin. Einige Plastikschüsseln zum Anrichten einer tödlichen Mixtur und, noch mit Originalverpackung, eine stählerne Handmühle, um das Beweisstück MW 28 - die Castorbohnen - zu dem tödlichen Rizin zu verarbeiten.

In einem winzigen Papierumschlag befand sich, als graues Pulver, der gefährliche Stoff. Ein Anschlag auf Teile der Londoner Wasserversorgung mit diesen Zutaten würde hunderte, wenn nicht tausende Menschen vergiften, eine große Zahl von ihnen würde sterben. Denn Rizin ist tödlicher als das Gift einer Kobra, eine nadelkopfgroße Menge reicht aus, um einen erwachsenen Menschen zu töten. Es kann in Wasser gelöst oder Nahrungsmitteln beigemischt werden. Erst nach Stunden würden die Opfer die Symptome bemerken.

Bereits 2003 konnte Anschlagsserie vereitelt werden

Rizin attackiert die Zellen, stoppt die Produktion wichtiger Proteine, verursacht so Atemnot, innere Blutungen und Organversagen. Es gibt kein Gegenmittel. "Die Wirkung auf die Öffentlichkeit - wenn die Terroristen Erfolg gehabt hätten - wäre unkalkulierbar gewesen", sagte damals Peter Clarke, der Chef der Londoner Anti-Terror-Polizei. "Es ist kaum zu unterschätzen, wie viel Angst und Lähmung so etwas im ganzen Land ausgelöst hätte."

Einen ähnlichen Fund hatte kurz zuvor die französische Polizei bei einer Razzia in Lyon gemacht. Und auch in Spanien fielen den Ermittlern Ende Januar 2003 die Zutaten für einen solchen Giftanschlag in die Hände. In allen drei Fällen wurde eine Reihe von Nordafrikanern verhaftet, und alle drei Zellen standen miteinander in Kontakt. Wenn die Terroristen nur etwas vorsichtiger gewesen wären, hätte Westeuropa schon im Jahr 2003 eine koordinierte Anschlagsserie erlebt.

Köln: Aufwendige Ermittlungen

An dieses Szenario fühlen sich die Terrorfahnder heute erinnert. In seiner Wohnung in Köln-Chorweiler hatte der Tunesier Sief Allah H. ein ähnliches Giftlager wie damals in der Londoner Wohnung. Noch längst sind nicht alle beschlagnahmten Gegenstände - Gläser, Dosen, Mahlwerke und Papiere - analysiert, denn die Untersuchung könnte für die Experten lebensgefährlich sein. Es wird deshalb noch Tage dauern, bis mögliche Verbindungen des Terrorverdächtigen zu islamistischen Netzwerken bewiesen werden können.

Aber schon jetzt ist den Ermittlern aufgrund der Überwachung des 29-Jährigen in den vergangenen Wochen klar, dass er ein Verehrer des sogenannten Islamischen Staates (IS) ist und dass er sich für Anleitungen zur Herstellung von biologischen Kampfstoffen interessierte. Mehrfach hatten Gruppen, die der Terrormiliz IS und Al Kaida nahestehen, in den vergangenen drei Jahren solche Leitfäden per Internet und Sozialen Medien verbreitet.

IS und Al Kaida wollen mit Attacken Handlungsfähigkeit beweisen

Rizin, so die Empfehlung, solle konventionellen Sprengstoffen beigemischt oder nach einem Bombenanschlag in einem Bus, einem Restaurant oder Einkaufszentrum ausgebracht werden, um Überlebende und eintreffende Rettungskräfte zu vergiften. In jüngster Zeit registrieren Terrorermittler in Europa, dass in islamistischen Netzwerken die Diskussion über den Einsatz chemischer und biologischer Kampfstoffe zugenommen hat. Sowohl der IS als auch Al Kaida, so scheint es, wollen mit solchen Attacken ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Erst vor wenigen Wochen waren in Paris zwei terrorverdächtige Brüder verhaftet worden, die sich Anleitungen zur Herstellung von Rizin beschafft hatten, um einen Giftanschlag auszuführen. Bisher konnten deutsche Ermittler keine direkte Verbindung zwischen dem Fall in Frankreich und dem jetzt verhafteten Sief Allah H. feststellen. Und doch erinnert die Lage an die Vorfälle des Jahres 2003, in dem in Spanien, Frankreich und Großbritannien eine koordinierte Angriffswelle mit biologischen Kampfstoffen vereitelt werden konnte. 

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