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"Robotern fällt man nicht zur Last"

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Zukunft der Altenpflege - "Robotern fällt man nicht zur Last"

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In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Können Roboter da Abhilfe schaffen? Ja, aber nur unter strengen Auflagen, fordert die Ethikerin Ammicht Quinn.

Pflegeroboter "Robbie" vom Typ Pepper
"Der Roboter darf menschliche Pflegearbeit nur ergänzen und unterstützen, aber nicht ersetzen", sagt die Ethikerin Regina Ammicht Quinn.
Quelle: imago

heute.de: Wie möchten Sie mal im Alter gepflegt werden?

Regina Ammicht Quinn: Mit Ruhe und Empathie.

heute.de: Könnte das auch ein Roboter?

Ammicht Quinn: Roboter können als Therapieinstrument eingesetzt werden. Sie können alte Menschen und das Pflegepersonal körperlich unterstützen - etwa indem sie Menschen heben oder schwere Lasten tragen. Sie können Menschen kognitiv unterstützen, indem sie an Termine oder Medikamente erinnern.
Sie können Menschen überwachen und einen Alarm auslösen, wenn sie gestürzt sind. Und sie können als Gefährten programmiert sein, die die Einsamkeit alter Menschen mindern sollen, indem sie Gespräche mit ihnen führen, sie anregen, über die Vergangenheit zu sprechen oder Gedächtnistrainings zu machen.

heute.de: Überzeugt Sie das?

Ammicht Quinn: In vielen Fällen zielt der Einsatz von Robotern darauf, dass Menschen länger in der eigenen Wohnumgebung bleiben können. Das wünschen sich viele. Die Alternative "zu Hause" oder "im Pflegeheim" ist mir aber zu kreativlos. Wir müssen hier eine größere Fantasie entwickeln und Menschen, die andere Lebensformen im Alter entwerfen, unterstützen.

heute.de: Kann ein Roboter auch alte Menschen waschen, gar im Intimbereich?

Ammicht Quinn: Unterschiedliche Studien besagen, dass viele Menschen im Alter lieber von einem Roboter im Intimbereich gepflegt werden wollen als von Pflegekräften oder Angehörigen. Scham ist eine starke Emotion. Und Scham wirkt hier doppelt: als Scham darüber, gezwungenermaßen das Intime offenzulegen - und als Scham darüber, anderen zur Last zu fallen.

Robotern fällt man nicht zur Last.

Robotern fällt man nicht zur Last. Allerdings ist vielen Menschen nicht klar, dass Roboter für bestimmte Aufgaben Kamera-Augen brauchen und Daten erzeugen, die wiederum das Intime offenlegen können.

heute.de: Welche Risiken sind mit Robotern in der Pflege verbunden?

Ammicht Quinn: Die Unterstützung im Tagesablauf schreibt vor, wie ein Tagesablauf auszusehen hat. Durch Kameras und Sensoren sind Menschen im Alter durchgehend überwacht. Die Nutzung der Daten ist unklar, die Privatheit ist nicht gewährleistet.
Der Einsatz von Robotern steckt also voller Wertekonflikte - etwa zwischen dem Wert von Sicherheit und möglichst schneller Hilfe im Notfall und dem Wert von Privatheit und Freiheit. Technologien können solche Wertkonflikte nicht lösen. Sie müssen von Menschen erkannt und ausgehandelt werden.

heute.de: Kann ein Pflege-Roboter im Zweifel empathischer sein als eine gestresste Pflegerin, die nicht viel mehr als den Mindestlohn verdient?

Ammicht Quinn: Roboter, die als Gefährten programmiert sind, sind geduldig. Sie werden nicht nervös, wenn sie immer wieder dieselbe Geschichte hören, dieselben Fragen gestellt bekommen oder auf dieselben Sorgen reagieren müssen. Sie werden nicht aggressiv oder sogar gewalttätig.

Positive Emotionen wie Geduld, Zuwendung oder Zuneigung aber werden in die Roboter hineingelesen. Reicht eine subjektive Zufriedenheit - auch wenn sie auf Täuschung beruht?

heute.de: Der israelische Philosoph Yuval Harari argumentiert: Roboter sollten Routine-Aufgaben übernehmen - dann bleibe dem Pflegepersonal mehr Zeit für menschliche Anliegen wie gute Gespräche, etwa beim Spazierengehen.

Ammicht Quinn: Momentan haben wir die paradoxe Situation, dass Roboter trainiert werden, um möglichst menschenähnlich zu funktionieren, während das Pflegepersonal immer wieder gezwungen wird, eher roboterähnlich die Arbeit zu verrichten: effizient, zeitgebunden, quantifizierbar.

In guter Pflege lassen sich Routinearbeiten und Fürsorge nur schwer trennen.

In guter Pflege lassen sich Routinearbeiten und Fürsorge nur schwer trennen. Der Alltag ist also das Gegenteil von Hararis durchaus charmanter Idealvorstellung. Auch Routinearbeit erfordert Empathie: Dort, wo Menschen berührt werden - etwa beim Strümpfe anziehen -, ist Routinearbeit nie nur Routinearbeit.

heute.de: Ist der Einsatz von Robotern in der Pflege an sich ethisch problematisch?

Ammicht Quinn: Nein, die Nutzung von Robotern für die Pflege kann sinnvoll sein - unter Bedingungen. Die Nutzung muss am tatsächlichen Bedarf orientiert sein und nicht daran, was technisch möglich ist. Es muss akzeptiert werden, dass Menschen die Interaktion mit Robotern verweigern. Und der Roboter darf menschliche Pflegearbeit nur ergänzen und unterstützen, aber nicht ersetzen.

heute.de: Welche ethischen Bedenken haben Sie?

Ammicht Quinn: Durch Roboter könnten wir versucht sein, den Pflegenotstand durch Technik zu bewältigen. Wir brauchen aber einen Kulturwandel: für andere zu sorgen und Fürsorge anzunehmen, ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Pflege und Fürsorge sind damit nicht nur ein Thema des Alterns oder der Kindheit. Wir alle sind lebenslänglich auf die Pflege und Fürsorge anderer angewiesen.

heute.de: Ist uns das zu wenig bewusst?

Ammicht Quinn: Pflege war und ist häufig eine unsichtbare, unbezahlte oder unterbezahlte Frauenarbeit. Wenn mit Robotern es lediglich gelingt, den Status quo aufrecht zu erhalten, ist dies ganz und gar nicht ausreichend. Der englische Begriff "care" heißt Pflege und Sorge. Pflege- und Sorgearbeit muss neu bewertet und neu finanziert werden - und aus der Nische herausgeholt werden, die Pflege und Sorge herablassend als Frauenarbeit betrachtet.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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