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Vertreibung der Rohingya - Wenig Hoffnung ein Jahr nach der Massenflucht

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Auch ein Jahr nach den brutalen Übergriffen der Streitkräfte Myanmars auf die Rohingya leben noch Hunderttausende in Flüchtlingscamps. Die humanitäre Katastrophe hält an.

Ein Jahr nach dem die muslimische Minderheit der Rohingya aus Myanmar vertrieben wurden, haben die in Flüchtlingslagern lebenden Menschen immer noch keine Aussicht auf Rückkehr.

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Der Aufbruch war chaotisch. Ganze Dörfer brannten, die Menschen hatten Angst um ihr Leben. Mehr als 700.000 Rohingya schafften es über die Grenze nach Bangladesch. Viele andere blieben zurück. Familien wurden zerrissen. Die Betroffenen können heute nur per Telefon hören, wie es Kindern, Eltern oder Geschwistern auf der anderen Seite geht - selten und meist bei schlechter Verbindung. Wann sie sich wiedersehen werden, ist überhaupt nicht abzusehen.

Überfüllte Camps, zerrissene Familien

"Mami, Mami!", ruft der 15-jährige Abdullah Razzaq bei seinem wöchentlichen Anruf in den Hörer. "Warum kommt ihr nicht auch hierher?" Was er mit "hier" meint, ist eine gigantische Ansammlung einfachster Hütten inmitten einer vom Monsun verschlammten Hügellandschaft. Einige Teile des Lagers wurden bereits vor mehr als 20 Jahren errichtet, als schon einmal viele Angehörige der Minderheit aus Myanmar flüchten mussten. Seit vergangenem Herbst platzt die provisorische Siedlung aus allen Nähten.

Ein Jahr ist es nun her, dass Abdullah von seiner Mutter sowie von seinem ältesten Bruder getrennt wurde. Es begann mit Anschlägen einer kleinen Gruppe von Rohingya-Rebellen auf Polizei- und Militärposten am 24. August. Dutzende Menschen wurden dabei getötet. Die Reaktion des Staates am Tag danach stellte die Gewaltakte trotzdem weit in den Schatten. Die brutalen Angriffe auf Dörfer der Rohingya zwangen Hunderttausende in die Flucht. Menschenrechtler und Aktivisten sprechen von einem gezielten Versuch, die Minderheit komplett aus dem Land zu vertreiben.

Abdullah war zunächst davon ausgegangen, dass sich der Rest der Familie ebenfalls auf den Weg gemacht hatte. Erst später hörte er, dass die Mutter in den Überresten ihres Dorfes zurückgeblieben war. Die Trennung ist für sie nicht weniger schlimm als für das Kind. "Ich vermisse euch alle sehr. Ich kann nicht mehr richtig essen und nicht mehr richtig schlafen", sagt sie am Telefon.

Rohingya protestieren für ihre Rechte

Militante Rohingya als Vorwand für radikales Vorgehen

Auch die 70-jährige Dildar Begum wurde im vergangenen Jahr von ihren Angehörigen getrennt. Mit ihrem Sohn und dessen Familie war sie an die Grenze geflüchtet. Dort stieg sie mit anderen Rohingya in ein Boot, um den Grenzfluss Naf zu überqueren. Als der Sohn zurück ans Ufer ging, um die Kinder zu holen, wurde er von einer Gruppe von Buddhisten umzingelt und verjagt. Auch Begum kann heute nur per Telefon den Kontakt halten. Und selbst das geht nicht immer. Ihr Sohn müsse sie heimlich anrufen, weil er von buddhistischen Nachbarn beobachtet werde, sagt sie.

Die Verfolgung der Rohingya hat eine lange Geschichte. Schon vor Jahrzehnten wurden ihnen im mehrheitlich buddhistischen Myanmar grundlegende Rechte vorenthalten. Obwohl die meisten seit Generationen im Land leben, wird ihnen seit 1982 größtenteils die Staatsbürgerschaft verweigert, was sie de facto zu staatenlosen Menschen macht. Seit Oktober 2016 nimmt die Regierung Aktionen einiger militanter Rohingya zum Vorwand, um massiv gegen die Minderheit vorzugehen.

Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi in der Kritik

Nach internationalen Protesten versprach die Regierung Myanmars, alle Rohingya-Flüchtlinge wieder im Land aufzunehmen und auf der eigenen Seite der Grenze Camps für sie zu errichten. Bangladesch willigte ein, sie bis dahin zu versorgen. Laut einer Vereinbarung sollte eigentlich bereits im Januar mit der Rückführung der Menschen begonnen werden. Doch dazu kam es nicht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk erklärte, die Voraussetzungen für eine "sichere, würdevolle und nachhaltige" Rückkehr seien in Myanmar noch nicht gegeben.

Die Regierungschefin Aung San Suu Kyi die einst wegen ihres gewaltlosen Widerstands gegen die Militärjunta den Friedensnobelpreis erhielt, steht heute zunehmend selbst in der Kritik. In einer Rede in Singapur verteidigte sie diese Woche erneut das Vorgehen ihres Landes und betonte, dass noch immer eine große Bedrohung von den Rohingya-Rebellen ausgehe.

Aung San Suu Kyi verliert eine Ehrung der Stadt Oxford.
Aung San Suu Kyi, Regierungschefin von Mayanmar, steht wegen des Umgangs mit den Rohingya in der Kritik (Archivbild). Quelle: Aung Shine Oo/AP/dpa

"Wir, die den Wandel in Myanmar selbst durchleben, betrachten ihn mit anderen Augen als die, die bloß von außen zuschauen, und die vom Ausgang unberührt bleiben werden", sagte Suu Kyi. Die "Gefahr durch die terroristischen Aktivitäten", die die humanitäre Krise ausgelöst hätte, bestehe bis heute; solange die Sicherheit nicht gewährleistet sei, könne jederzeit wieder Gewalt ausbrechen. Hilfskräfte und Diplomaten betonen allerdings, dass die massiven Übergriffe der Streitkräfte Myanmars in keinem Verhältnis zu den vereinzelten Anschlägen der Rebellen gestanden hätten.

Rückkehr nur unter Bedingungen

Nun sehen sie das Land in der Pflicht, den Rohingya eine sichere Rückkehr zu ermöglichen. Der örtliche UN-Koordinator Knut Østby betonte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP, dass den Betroffenen "auch ein klarer und planbarer Weg hin zur Staatsbürgerschaft" geboten werden müsse. "Wenn sie zurückkommen, müssen sie, als normale Menschen, einen Platz in der Gesellschaft finden können", sagte er.

Die Lager in Bangladesch weisen ein Jahr nach dem Massen-Exodus derweil längst Merkmale fester Städte auf - mit kleinen Geschäften, Restaurants und Apotheken. Hilfsorganisationen haben auch provisorische Schulen, Spielplätze und sogar Kliniken errichtet. Für die Stromversorgung sind auf den Dächern vieler Hütten Sonnenkollektoren installiert.

Die Bewohner der Lager sind aber nach wie vor verängstigt und verunsichert. Viele haben Zweifel, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden. Mohammad Arif hatte in Myanmar bis zuletzt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Von einem zurückgebliebenen Cousin habe er gehört, dass noch immer bis zu 700 Soldaten im Ort seien, sagt er. "Die Leute, die noch dort sind, leiden noch mehr als wir. Denn sie müssen ständig darüber nachdenken, ob sie wohl überleben oder getötet werden."

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