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Ukraine - Roma: Zuhause, aber nicht willkommen

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Etwa 70.000 Roma leben in der Ukraine - fast alle perspektivlos und diskriminiert, viele unangepasst und teils kriminell. Jetzt schlägt ihnen eine Welle der Gewalt entgegen.

Karte: Ukraine - Uschhgorod
Karte: Ukraine - Uschhgorod
Quelle: ZDF

Roland Brugos ist so etwas wie der inoffizielle Bürgermeister von Radvanka, einem Stadtteil von Uschhgorod. Er führt uns in eine Bar in der Stadt. Wir sollen hier erst einmal Kwas, einen Brottrunk, der ganz typisch in dieser Region Europas ist, probieren. Auch Uschhgorod, eine Stadt direkt an der Grenze zur Slowakei, hat der Sommer fest im Griff: Die Temperatur steigt heute auf über 30 Grad an, Wind ist nicht vorhanden, nur Staub liegt in der Luft. "Kwas erfrischt", sagt Roland. Doch der Kellner schickt uns gleich wieder weg: Kwas sei ausverkauft, heißt es lapidar. Andere Getränke hat er angeblich auch nicht mehr da.

Kriminalität ein großes Problem

Im kleinen Stadtbad am Ufer des Flusses Usch erzählt Roland, dass hier Roma unerwünscht sind. Selbst er wurde letztens abgewiesen, obwohl er ein bekanntes Gesicht in Uschhgorod ist. Genau so war es heute in der Bar. Der Kellner wollte keine Roma in seinem Laden. Lieber macht er zu, als uns zu bedienen, sagt Roland. So sei das Leben hier.

Roland kennt jeden und jeder kennt ihn. Mit seinem alten Lada fährt er die holprigen Straßen ab, ein Pläuschen hier, ein Scherzchen dort. Man mag ihn, weil er sich kümmert. Radvanka ist die größte Roma-Siedlung in der Ukraine. Etwa 10.000 Roma leben hier, aber so ganz genau weiß das wohl niemand. Zwischen dem Fluss und dem Bahndamm haben sie sich Verschläge gezimmert, die an die Favelas in Südamerika erinnern. Viele von den Bewohnern verlassen Radvanka nie. Höchstens um als Tagelöhner zu arbeiten - oder in der Stadt etwas zu klauen, sagt Roland. Kriminalität sei ein Problem – auch wenn man das nicht gerne zugibt. Offiziell verdienen die Roma ihr Geld mit Metallhandel. Einige ziehen im Sommer in die Großstädte der Ukraine, um dort Saisonarbeit aufzunehmen.

Rechtsradikale zünden Zeltlager an

Gegenüber diesen Wanderarbeitern erreichte der Antiziganismus, so nennt man in der jüngsten Vergangenheit wohl seine grausamste Form: Ende Juni wurde ein Zeltlager der Roma von nationalistischen Gruppen bei Lemberg angegriffen. Ein junger Mann wurde erstochen, vier weitere Menschen schwer verletzt. Immer wieder kam es zu tätlichen Übergriffen auf die Wanderarbeiter oder Anschläge auf ihre Zeltlager in Lemberg, Ternopil oder Kiew.

Klara
Klara
Quelle: ZDF

In Radvanka ist auch Klara zu Hause. Zu fünft wohnt sie mit ihrer Familie in einem kleinen Raum. Badezimmer und Privatsphäre gibt es hier nicht. Im Sommer ist es glühend heiß und der Müll riecht, im Winter ist es klirrend kalt. Eine offene Feuerstelle im Haus soll Wärme liefern. Klara wurde erst Opfer eines Angriffes in Kiew, später in Lemberg. Sie war als Wanderarbeiterin unterwegs. In Lemberg kamen mitten in der Nacht maskierte Nationalisten, warfen Steine auf die Zelte. Als Klara und die Anderen flüchten wollten, wurden sie geschlagen. Die Zeltsiedlung wurde niedergebrannt.

Wie ein Staat im Staat

Lange Zeit wurde einfach weggeschaut. Mittlerweile lässt sich die Polizei auch in Radvanka sehen. Der Staat erkennt, dass es ein Problem gibt. Doch wirklich sicher fühlen sich die Bewohner selbst hier nicht mehr, erzählen sie uns. Im Laufe der Jahre hat sich Radvanka zum Staat im Staat entwickelt, der über Generationen die Identität und Kultur der Bewohner geprägt hat. Die Roma klären ihre Angelegenheiten selbst. Bislang brauchten sie keine Polizei, sie wollten sie vielleicht auch gar nicht. Fremden gegenüber ist man skeptisch eingestellt. Der Rechtsstaat wurde hier außer Kraft gesetzt, könnte man meinen.

Miroslav Horvath ist die Stimme der Roma von Radvanka. Er ließ sich in den Stadtrat wählen und vertritt seitdem die Interessen der Roma. Gemeinsam mit Roland haben sie erreicht, dass es mittlerweile zentrale Frischwasserstellen im Viertel gibt und Stromleitungen gezogen werden. Miroslav spricht die Diskriminierung und den Rassismus im Land offen an. Er fordert Integration durch Arbeit. Am liebsten wäre es ihm, wenn Roma in der Verwaltung und Polizei arbeiten würden. Das würde die Integration beschleunigen und die Akzeptanz fördern – im ganzen Land, nicht nur in Uschhgorod.

Integration versus Identität

Zora hat zum ersten Mal legale Arbeit. Er arbeitet bei der Straßenmeisterei, einfache Tätigkeiten, aber sein Tagesablauf ist seitdem geregelt. Miroslav hat ihm den Job vermittelt. In seinem Verschlag am Siedlungsrand von Radvanka zeigt er uns stolz das Hochzeitsfoto seiner Tochter. 16 Jahre alt ist die Tochter jetzt, das Foto aber schon vor fünf Jahren entstanden. Opa ist Zora schon länger.

In Radvanka blickt man ehrfurchtsvoll zu Miroslav auf. Er ist einer von ihnen und hat den Absprung geschafft. Er wird auch draußen akzeptiert und setzt sich ein. Obwohl Miroslav ein Vorbild ist, scheinen doch viele Bewohner Radvankas resigniert zu haben. Sie haben sich mit ihrer Situation abgefunden und halten zusammen. Viele fürchten, durch die Integration ihre Identität zu verlieren. Sie wünschen sich aber gleichzeitig mehr Akzeptanz und weniger Antiziganismus. Vor allem aber möchten sie, dass sie sich in der Ukraine, ihrem Zuhause, nicht mehr fürchten müssen.

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