ZDFheute

Das Erbe des Völkermords

Sie sind hier:

Ruanda - Das Erbe des Völkermords

Datum:

25 Jahre nach dem Genozid gilt Ruanda als einer der Hoffnungsträger Afrikas. Präsident Kagame führt mit eiserner Faust. Fortschritt und Versöhnung werden von oben verordnet.

Vor 25 Jahren war Ruanda die Hölle auf Erden. Am Abend des 6. April 1994 wurde die Regierungsmaschine des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen, wer dafür verantwortlich ist, gilt bis heute als ungeklärt. Noch in der Nacht begann das Töten. Schätzungen gehen von 500.000 bis zu einer Million Opfern aus, die meisten aus der Tutsi-Minderheit, aber auch gemäßigte Hutu wurden ermordet.

Die Massaker waren von langer Hand vorbereitet. Monatelang wurden Macheten an Hutu-Milizen verteilt, der Propagandaradiosender des Mille Collins befeuerte den Völkermord: "Hier eine Nachricht an alle Kakerlaken, die uns zuhören: Ruanda gehört jenen, die es verteidigen. Und ihr Gewürm seid keine Ruander. Alle haben sich jetzt erhoben, um euch Ungeziefer zu bekämpfen: Das Militär, die Jugend, die Alten und sogar die Frauen. Keine Kakerlake wird uns entkommen.“

Die Weltgemeinschaft schaute zu

Hutu-Milizen errichteten Passkontrollen, um die in alle Richtungen fliehende Tutsi-Minderheit systematisch auszulöschen. Wer Hutu war, wurde oft vor die Wahl gestellt: Er musste sich an den Morden beteiligen oder selbst sterben. Die internationale Weltgemeinschaft hätte den Völkermord verhindern können, ignorierte die Krise jedoch lange. 2500 Blauhelm-Soldaten, die in Ruanda stationiert waren, griffen nicht ein, weil der UN-Sicherheitsrat ihnen ein robustes Mandat versagte. Das Blutbad dauerte rund 100 Tage, dann besiegten die im Exil gegründeten Tutsi-Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) die Hutu-Milizen.

Paul Kagame - Präsident von Ruanda (Archivbild vom 04.07.2017)
Paul Kagame - Präsident von Ruanda
Quelle: imago

Fortan wird Rebellenchef Paul Kagame zum starken Mann in Ruanda. Er regiert bis heute, verordnete dem Land einen Versöhnungskurs. Täter mussten sich in Dorfgerichten, sogenannten Gacaca, verantworten. Drahtzieher wurden vor das internationale Tribunal im tansanischen Arusha gestellt.

In Versöhnungsdörfern leben Opfer und Täter heute Tür an Tür, so auch Laurencia Mukaremera und Thacien Nkundiye. Er hat 1994 ihren Mann getötet.

Es hat mir große Angst gemacht zu wissen, dass ich jederzeit die Nächste sein könnte, die getötet wird. Ich war starr vor Angst. So war es, in dieser Zeit zu leben.
Laurencia Mukaremera, Bewohnerin eines Versöhnungsdorfes in Ruanda

Auch wenn es schwer gewesen sei, Mukaremera sagt, sie hat ihm vergeben. Zwei Jahre habe sie dafür gebraucht. Noch heute überkommt sie die Furcht von damals, wenn sie erzählt: „Es hat mir große Angst gemacht zu wissen, dass ich jederzeit die Nächste sein könnte, die getötet wird. Ich war starr vor Angst. So war es, in dieser Zeit zu leben.“ Und auch für Nkundiye ist das Erlebte noch immer präsent: „Nachdem ich ihn umgebracht hatte, war da überall Blut – auf ihm und auf mir.“ Acht Jahre lang saß er für seine Taten im Gefängnis.

Autoritäre Herrschaft und wirtschaftlicher Aufschwung

Die Versöhnung ist auch von oben verordnet. Es gibt keine Tutsi oder Hutu mehr, nur noch Ruander, das ist das offizielle Gebot der Regierung Kagames und fast jeder im Land kennt diese Worte in- und auswendig. Der 61-Jährige ist eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten Afrikas, gilt vielen als Garant für die Genesung des Landes. Er hat es stabilisiert und wird dafür international hofiert und finanziell unterstützt.

Karte: Ruanda, Demokratische Republik Kongo
Karte: Ruanda
Quelle: ZDF


Heute gilt Ruanda als Musterbeispiel für Fortschritt und Gleichberechtigung in Afrika, es gibt eine flächendeckende Krankenversicherung, die Wirtschaft wächst jährlich um sieben Prozent, im Parlament sitzen mehr als 60 Prozent Frauen. Doch es gibt auch das andere, autoritäre Ruanda. Kagame herrscht mit eiserner Hand, nachdem die Verfassung geändert wurde, kann er theoretisch bis 2034 regieren. Ihm werden schwere Menschenrechtsverletzungen und die massive Unterdrückung der Freiheit und Demokratie vorgeworfen.

Ich finde nicht, dass sich viel geändert hat. Menschen werden immer noch entführt oder ermordet.
Diane Shima Rwigara, Tochter eines wichtigen ehemaligen Unterstützers Kagames

Eine, die Kagames autoritäre Herrschaft zu spüren bekommt, ist Diane Shima Rwigara. Die Tochter eines wichtigen ehemaligen Unterstützers Kagames, der sich mit ihm überwarf und danach in einem Autounfall starb, ist eine der Wenigen, die öffentlich Kritik übt. 2017 wollte sie gegen Kagame bei den Präsidentschaftswahlen antreten.

Ein Jahr verbrachte sie im Gefängnis, erst im Dezember 2018 wurde sie von einem Gericht freigesprochen. Auch sie sieht den Fortschritt, den das Land wirtschaftlich macht, sagt aber: „Ich finde nicht, dass sich viel geändert hat. Menschen werden immer noch entführt oder ermordet.“

mit Material von epd

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.