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Buchmesse in Leipzig - Das rumänische Prinzip Hoffnung

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Rumänien ist Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse - Neuübersetzungen von über 40 Werken feiern Premiere. Von Sprachkomik bis zur Nobelpreisträgerin ist alles vertreten.

Rumänien ist das Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Ein Blick in ein Land, in dem man "Diamanten im Müll" finden kann.

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Mitten in Bukarest. Die Bässe wummern, flackerndes Licht umtanzt die Besucher. Bier fließt in Strömen, günstige Cocktails und der Vorgarten sind der Renner. Die junge Autorin Lavinia Braniste treffen wir im Control. Er gilt als der coolste Club der rumänischen Hauptstadt. Hier im Zentrum tanzt die Jugend die Nächte und den Frust weg. Derzeit lautet die Frage aller Fragen: Bleiben oder gehen? Bereits vier Millionen Rumänen haben das Balkanland seit dem EU-Beitritt vor gut zehn Jahren verlassen. Auf der Suche nach Jobs, persönlichem Glück und einem besseren Leben.

Das Dilemma der Rumänen

"Null Komma Irgendwas" ist der Titel des fulminanten Romans von Lavinia Braniste über das heutige Dilemma der Rumänen. Es geht um den Überlebenskampf ihrer Heldin Christina. Auf ihre kleinen Siege im Alltag folgen verlässlich große Enttäuschungen. Aber es gilt das Prinzip Hoffnung. Lavinia, die 35-jährige Schriftstellerin sagt: "Ich will nicht in einem anderen Land ein Mensch zweiter Klasse sein. Das ist mein derzeitiger Kampf. Kann ich hier bleiben oder muss ich gehen, wie es viele machen. Wie die meisten meiner Freunde und - auch meine Mutter."

Rumänien ist im Aufbruch. Das zweitärmste Land der EU erlebt derzeit einen wahren  Wirtschaftsboom. Doch bei den kleinen Leuten kommt nur wenig an. Korruption durchzieht das Land wie ein Krebsgeschwür. Das Volk protestiert. Immer wieder kommt es zu großen Massendemos. Vor allem die Jugend fordert Reformen. Das Ergebnis: Politiker treten ab. Doch es ändert sich nichts. Drei Regierungschefs wurden in den letzten zwölf Monaten ausgewechselt. Allein fünf Kulturminister gaben sich seit der Nominierung Rumäniens für die Buchmesse in Leipzig die Klinke in die Hand.

Keine Sekunde langweilig

Wir sind mit Mircea Cărtărescu in einem Buchladen im Zentrum Bukarests verabredet. Cărtărescu ist der bedeutendste lebende rumänische Schriftsteller Rumäniens. Seine Trilogie mit über 1.800 Seiten trägt die Titel: Die Flügel. Die Wissenden. Die Körper. "Wer nicht brennt, wer Literatur nicht zu seiner Religion erhebt, der wird nie eine gute Seite schreiben", sagte der renommierte Dichter als er im März 2015 den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung erhielt.

Cărtărescu betont heute, er wolle nicht "Rumäne vom Dienst" sein. Er gehört zu den wenigen Schriftstellern seines Landes, der von seinen Büchern leben kann. Die Auflagen sind gering, die Honorare miserabel. Aber in Rumänien sei es keine Sekunde langweilig, fährt er fort. Die Verhältnisse böten "ein gefundenes Fressen für jeden Satiriker". Cărtărescu lächelt. "In Rumänien spielt Logik keine Rolle. Man findet Diamanten sogar im Müll." Sein jüngstes Buch Solenoid avanciert wieder zum Bestseller. "Literatur muss Antworten auf die großen Fragen geben."

Stabil und korrupt

Für den 61-jährigen Nationaldichter Cărtărescu ist Rumänien eines der stabilsten Länder der neuen EU-Staaten und zugleich eines der korruptesten Länder der Erde. Ein Land mit zwei Gesichtern. Das Drama seiner Balkan-Heimat. Viel Stoff für große Romane, aber:  "All die Vorzüge der rumänischen Gesellschaft werden von dem großen Problem der Korruption überschattet. Die Korruption hat ein solches Ausmaß erreicht, dass die Menschen das eine Kleptokratie nennen."

Nun präsentiert sich Rumänien mit rund 40 neuen Werken auf der Leipziger Buchmesse. Mit dabei: Nachwuchstalente wie Lavinia Braniste oder Klassiker wie Ion Luca Caragiale ("Humbug und Variationen") aber auch Herta Müller, Nobelpreisträgerin und berühmteste Rumäniendeutsche.

Die Geschichten und Gedichte versprechen echte Entdeckungsreisen. Aufregend, spannend, leidenschaftlich. Die Autoren erheben ihre Stimme in einer Gesellschaft, die aus den Trümmern der kommunistischen Ceausescu-Diktatur auferstanden ist und nun den Weg in ein modernes weltoffenes Europa sucht. Literatur kann so aufregend sein wie die Nächte in den Clubs der Hauptstadt Bukarest. Mit wilden langen Partys und dem Balkan-Blues am Morgen danach.

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