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Kritik am Westen - Russen hadern mit dem Mauerfall

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Als die Berliner Mauer fiel, hielt sich die Sowjetunion zurück, schnell akzeptierte sie die deutsche Wiedervereinigung. 30 Jahre später ist der Blick zurück nicht ohne Kritik.

Der Kreml in Russland
Quelle: Christian Charisius/dpa

So mancher Russe - und auch Präsident Wladimir Putin - wirft der damaligen sowjetischen Führung Naivität im Umgang mit dem Westen vor, die der NATO die Ausdehnung gen Osten ermöglichte. Moskau habe dem Westen die Hand gereicht, in der Hoffnung auf eine neue Ära der Partnerschaft, sei aber von den westlichen Mächten übers Ohr gehauen worden, lautet die Lesart.

Präsident Michail Gorbatschow hatte im Zuge seiner Öffnungspolitik die kommunistischen Regierungen in Osteuropa zu liberalen Reformen ermutigt und sich nicht dagegengestellt, als die Regime unter dem Druck prodemokratischer Kräfte auseinanderbrachen. Wie auch in der DDR.

Selbst Gorbatschow überrascht von den Entwicklungen

Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 stimmte Gorbatschow schnellen Gesprächen zur Wiedervereinigung zu. Damit sei "eine Quelle der Spannung im Zentrum Europas" beseitigt worden, erklärte Gorbatschow kürzlich in einem Interview der russischen Tageszeitung "Iswestija" zum Mauerfall am 9. November. Es habe geholfen, die Beziehungen zu Deutschland massiv zu verbessern.

Wie schnell alles ging, überraschte allerdings auch Gorbatschow. Er habe zwar den demokratischen Wandel in Ostdeutschland und in den Ländern des Ostblocks begrüßt, sagte er der "Iswestija". Doch dass die Mauer so rasch fallen würde, damit habe er dann doch nicht gerechnet. "Nicht nur wir, sondern auch unsere westlichen Partner gingen nicht davon aus, dass das Tempo der Geschichte so schnell sein würde", erklärte der ehemalige sowjetische Präsident.

Michail Gorbatschow fordert Abschaffung aller Atomwaffen. Archiv
Michail Gorbatschow: Schnelles Tempo der Geschichte
Quelle: -/kyodo/dpa

Am Morgen nach dem Mauerfall rief Gorbatschow das Politbüro zusammen, um über eine Antwort der Sowjetunion zu beraten. "Das Politbüro entschied einstimmig, dass der Einsatz von Gewalt völlig ausgeschlossen sein müsste", wird er im Interview zitiert. Zwar hätten einige gerne mit Hilfe von Panzern "die Ordnung wiederhergestellt", hätten das aber nicht vorgebracht. "Jede andere Entscheidung hätte äußerst ernste, erhebliche Konsequenzen haben können, hätte der Beginn eine Katastrophe sein können", sagt der damalige Übersetzer Gorbatschows, Pawel Palaschtschenko.

Mehr als 300.000 sowjetische Soldaten in der DDR

Die Sowjetunion hatte mehr als 300.000 Soldaten und mehr als 12.000 gepanzerte Fahrzeuge in Ostdeutschland stationiert. "Sie hätten praktisch die gesamte Grenze mit ihren Panzern schließen können, aber sie blieben in ihren Kasernen", erklärt Vladislav Zubok, Experte für Sowjetgeschichte an der London School of Economics. "Der sowjetischen Führung war klar, dass es nicht möglich war, die Paste wieder in die Tube zu drücken. Eine neue Ära begann."

Er sei erleichtert gewesen, dass die Sowjetführung nicht versucht habe, gewaltsam die Kontrolle zurückzugewinnen, sagt Nikolai Andrejew, der vor 30 Jahren als Oberst in Deutschland im Einsatz war. "Ich war glücklich, dass alles friedlich verlief, ohne militärischen Konflikt, ohne Schüsse und Blutvergießen."

Der Reporter Wjatscheslaw Mostowoi, der für das sowjetische Staatsfernsehen über den Mauerfall berichtete, ergänzt: "Ich war mir sicher, dass unsere Militäreinheiten keine radikalen Maßnahmen ergreifen würden. Gorbatschows Politik garantierte das." Drei Jahrzehnte später werden Gorbatschow aber von vielen Russen schwere Versäumnisse vorgeworfen. Er habe den Verbündeten Ostdeutschland verraten und die russischen Interessen in Gesprächen mit den Westmächten verwirkt, heißt es. Zu den Kritikern gehört auch der jetzige Präsident Putin.

Putin wirft Gorbatschow Fehler vor

Der damalige Staatschef habe Versprechungen, dass die NATO sich die Ostblockstaaten nicht einverleiben wolle, blauäugig vertraut, statt sich eine schriftliche Garantie geben zu lassen. "Gorbatschow hat einen Fehler gemacht", resümiert Putin. "In der Politik muss man die Dinge dokumentieren. Und er sprach nur darüber und dachte, damit sei es getan."

Gorbatschow weist das zurück: Es wäre absurd gewesen, die Westmächte um schriftliche Garantien zu bitten, dass die Mitglieder des Warschauer Paktes nicht der NATO beitreten würden, wird er zitiert. Denn das hätte bedeutet, das östliche Militärbündnis für tot zu erklären, bevor es sich überhaupt auflöste. Das war erst im Juli 1991.

"Die Sowjetunion war in der Krise"

Während Deutschland den Weg der Wiedervereinigung beschritt, begann die Sowjetunion inmitten von Wirtschaftskrise und politischer Instabilitäten zu zerfallen. Der Kreml konnte kaum seine Rechnungen zahlen, was die Regierung in eine schwache Verhandlungsposition brachte. "Die Sowjetunion war in der Krise und konnte nicht auf Augenhöhe mit dem Westen verhandeln", sagt der Londoner Sowjet-Experte Zubok.

Tom Brokaw (79) war der erste englisch-sprachige Fernsehreporter, der live aus Berlin vom Fall der Mauer berichtete. Im Gespräch mit Elmar Theveßen berichtet er, wie sein Team die Nachricht von der Reisefreiheit aufgenommen hat.

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5 min
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Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme weiter, Russland war auf Finanzspritzen aus dem Westen angewiesen. In den Folgejahren konnte der Kreml der Nato-Erweiterung wenig entgegensetzen. 1999 traten Polen, Ungarn und Tschechien bei. Nach der Jahrtausendwende kamen weitere hinzu, auch die ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken Estland, Lettland, Litauen schlossen sich an.

"Misstrauen gegenüber dem Westen immer noch da"

In Russland wurde das vielfach als Beleg für Aggressivität und Feindseligkeit aufgefasst - bis heute. "Das Misstrauen gegenüber dem Westen, gegenüber den potenziellen Partner auf der anderen Seite, ist immer noch da", sagt Konstantin Kosatschew aus dem Ausschuss für ausländische Angelegenheiten im russischen Oberhaus. Der Westen habe auf der Suche nach einem schnellen Sieg im Kalten Krieg die Chance verwirkt, eine sicherere Welt zu schaffen.

"In gewisser Weise ist dieser Schaden nicht wiedergutzumachen", sagt Kosatschew. "Es hätte eine Win-win-Situation sein können, aber dafür hätten die westlichen Länder viel klüger, viel großzügiger sein sollen."

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