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Russland 2018 - Bilanz einer WM

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FIFA-Präsident Gianni Infantino griff gleich zu einem Superlativ. Diese Weltmeisterschaft sei die beste der Geschichte gewesen. Aber ist das wirklich so?

Vladimir Putin und Gianni Infantino umarmen sich auf der Bühne im Bolschoi-Theater
Vladimir Putin und Gianni Infantino umarmen sich auf der Bühne im Bolschoi-Theater
Quelle: dpa

Die sportliche Bilanz: als Favoriten gehandelte Teams stürzten  früh vom Sockel, vielleicht, weil sie Altherrenfußball spielten. Gastgeber Russland kam mit Zähigkeit gegen alle Erwartungen erstaunlich weit, Überraschungen, neuer, frischer Fußball,  bis ins Endspiel. Und sonst?

Die Sicherheitsbilanz - positiv. Ein angeblich übermüdeter Taxifahrer raste gleich zu Beginn des Fußballfestes in eine Fangruppe. Ein Terrorverdacht bestätigte sich nicht. Ansonsten keine Zwischenfälle. Besucher aus aller Welt nahmen ein freundliches, offenes Gastgeberland wahr. Und dessen Offizielle sonnen sich denn auch in ihrem Erfolg.

Russland heißt die Welt willkommen

Es gab unzählige Begegnungen zwischen Menschen. Heißblütige Südamerikaner etwa trafen auf zurückhaltende Russen, die noch nie einen Ausländer leibhaftig zu Gesicht bekommen hatten. Und sie stellten fest, das sind auch Menschen und nicht - wie die Propaganda glauben machen will - unsere Feinde.

Klischees stürzten auch im Westen. Viele der drei Millionen Besucher kamen mit ihrem Weltbild aus Agentenfilmen. Im russischen Fernsehen wird gern die Geschichte eines Engländers kolportiert, dessen Familie ihn vor der Reise nach Russland genötigt habe, sein Testament zu verfassen. Der Reisende indes meldete sich aus dem vorgeblichen "Land des Bösen" bei seinen Verwandten mit der Ansage: "Kommt her, es ist super hier."

Erfolg für die russische Wirtschaft?

Zehn Milliarden Euro also gut investiert? Es ging ja in erster Linie ums Prestige. Punktsieg für Putin. Die wirtschaftliche Bilanz ist noch unausgegoren. Eisenbahn- und Fluglinien, Wohnungsvermieter, Taxifahrer, Hotels und Restaurants erlebten einen kleinen Boom. Die Getränkeindustrie sowieso. Die Einnahmen, die aus den Millionen Litern, die in den Stadien und Fan-Zonen konsumiert wurden, fließen dagegen ab. In die Kassen der Sponsoren und der FIFA.

Und so können die geschätzten zwei Milliarden Euro, die die Fans aus aller Welt im Land gelassen haben, das Bruttosozialprodukt auch nur um Stellen hinter dem Komma aufhübschen.

Die Langzeitbilanz könnte verheißungsvoller sein. Die Vorbereitung auf die WM hat eine riesige Investitionsmaschine in Gang gesetzt. Infrastrukturverbesserungen, wie Straßen, neue Metrolinien, Flughafenterminals behalten sicher auch nach dem Ende der WM ihren Wert. Und vielleicht können die auch tatsächlich ausländische Investoren ins Land locken, wenn denn das politische Umfeld stimmt. Bislang ist das nicht der Fall.

Zukunft der Stadien unklar

Die Stadien selbst - für die Nutzung an wenigen WM-Tagen in die Landschaft gesetzt -  produzieren in den überwiegenden Fällen allerdings nur Folgekosten, die beim besten Willen nicht eingespielt werden können.

In Kaliningrad etwa kommen zu den Ligaspielen des örtlichen Vereins maximal 5.000 Zuschauer. Das Stadion fasst allerdings 35.000. Der Zweitliga-Verein Dynamo Petersburg wird künftig im Olympiastadion von Sotschi trainieren, 2.300 Kilometer fern der Heimat. Eine Zwangsumsiedlung, um Auslastung vorzutäuschen.

In Nishnij Nowgorod schlagen Erhaltungskosten mit fünf Millionen Euro jährlich zu Buche. In Saransk gibt es gar Überlegungen, die für 210 Millionen Euro errichtete Fußballarena sogar abzureißen. Das käme billiger, als jeder Weiterbetrieb, der allenfalls nach drastischem Rückbau der Zuschauerkapazitäten Sinn machen würde.

Tourismuspotenzial entdeckt

Nun sind dies Probleme, die nahezu jedes Land, das Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften ausgetragen hat, zu bewältigen hat. Aber auch in Russland fehlt es an so etwas wie einem Masterplan, der Kommunen von solchen Verbindlichkeiten entlastet.

Zum ersten Mal in den letzten zehn bis 15 Jahren habe man das touristische Potential dieses Riesenlandes gespürt, sagen Einheimische. Die WM als Impuls für die weitere Entwicklung - momentan wohl nicht mehr als Wunschdenken.

Denn - nach der Abschlussfeier im Moskauer Luschniki-Stadion kehrt der Alltag zurück.  Dann dürfte nicht nur Schluss sein mit dem jetzt noch so freundlichen Auftreten der Polizei, die - noch - zahlreiche Regelverstöße wie etwa Menschenansammlungen oder Trinken in der Öffentlichkeit toleriert.

WM-Kosten tragen die Bürger

Die politische Großwetterlage deutet auch eher auf ein Ende der neuen Liberalität hin. An Visaerleichterungen ist nicht gedacht. Im Gegenteil gibt es immer weniger Mehrfacheinreise-Genehmigungen nach Russland. Gleich zu Beginn dieser WM beriet überdies das russische Parlament eine Gesetzesnovelle, die Vermieter künftig verantwortlich macht für das Wohlverhalten ihrer Gäste. Sollten die etwa Menschenrechtler treffen, obwohl sie sich bei der Einreise als Tourist deklariert haben, drohen dem Vermieter hohe Geldstrafen. Das dürfte viele Russen in ihrer jetzt erlebbaren neuen Gastfreundschaft wesentlich zurückhaltender machen. Abschottung, wie gehabt, statt vorbildlichem Gastgeber.

Auch die immensen Kosten dieser besten WM aller Zeiten sollen wieder eingespielt werden. Die Mehrwertsteuer geht um zwei Punkte nach oben. Lebensmittel, Wohnungen, Benzin werden teurer. Das Renteneintrittsalter wird schrittweise erhöht. Um fünf Jahre bei Männern, bei Frauen sogar um acht Jahre. Dagegen richtet sich Protest. In der Woche nach Ende der WM soll es zu landesweiten Protestveranstaltungen kommen. Womöglich produzieren die dann wieder die unschönen Bilder, die in der Vergangenheit aus Russland kamen, wenn Demonstrationen aufgelöst wurden.

Vier Wochen Fußballfieber. Wohl nur eine Atempause für Russland und keine Trendwende zu neuer Offenheit.

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