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Ein Monat nach der WM - Russland: Was von der Freude übrig bleibt

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Eine Welle von Stolz und Begeisterung brachte die Fußball-WM für Russland. Euphorie und Wirtschaftswachstum, Offenheit und Lebensfreude genossen die Russen. Was ist davon übrig?

Russische Fans am 25.06.2018
Russische Fans
Quelle: epa

Um 21 Plätze verbesserte sich die Sbornaja Russlands nach der Fußball-Weltmeisterschaft und liegt nun auf Rang 49 im gerade veröffentlichten FIFA-Ranking. Diese Meldung bekam in den russischen Medien natürlich einen würdigen Platz einen Monat nach Abschluss des Turniers und ließ noch einmal Erinnerungen wach werden: Wie hatte doch die Elf unter Leitung von Stanislaw Tschertschessow überrascht, Favoriten zu Fall gebracht, es bis ins Viertelfinale geschafft und eine Welle von Begeisterung und Stolz ausgelöst. Ganz zu schweigen von den riesigen Mengen ausländischer Fußballfans, die den Russen ein Lebensgefühl vermittelten, voll von Ausgelassenheit sowie frei von Zwängen und Ängsten. Es war eine Weltmeisterschaft, die für die FIFA Maßstäbe setzte.

Spuren im Herzen und in den Zahlen

Aber was kam und kommt nach dem 15. Juli, nach dem Schlusspfiff des WM-Finales? Es bleiben Spuren nicht nur in den Herzen der Fußballfans zurück, sondern auch zum Beispiel in den Quartalsdaten der Statistiker. Die Zentralbank konstatierte bereits, dass sich der Anstieg des Bruttosozialprodukts (BSP) im ersten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent beschleunigte, für die russische Wirtschaft wurde ein Plus von 1,8 bis 2,2 Prozent gemeldet, und die Inflationsrate blieb beinahe unberührt. Doch die Reiseveranstalter halten sich in ihren Prognosen zurück. Die Zahl der ausländischen Touristen, die Russland besuchen wollen, wird sich kurz- und mittelfristig kaum spürbar erhöhen. Das Preis-Leistungsverhältnis kann sich ja nach wie vor nicht überall sehen lassen.

Der Alltag hat natürlich auch die Gastgeberstädte der Weltmeisterschaft eingeholt. Die neue Fußballsaison in der 1. und 2. Division bescherte bisher überraschenderweise volle Stadien, was freilich der Sogwirkung des FIFA-Turniers zugeschrieben wird. Doch die ist nicht von langer Dauer. Und nicht jede WM-Austragungsstadt hat eine Mannschaft, die in der Russischen Premierliga spielt. Das gilt unter anderem für Saransk oder Nishnij Nowgorod. Folglich macht man sich da Gedanken, wie man mit den neuen großen und teuren Stadien weiterleben wird.

WM-Erbe wiegt schwer

Die Wolgograder Stadtväter rechnen damit, dass die Unterhaltungskosten für die "Wolgograd-Arena" umgerechnet bis zu 4,5 Millionen Euro pro Jahr ausmachen werden. Für den Haushalt von Stadt und Region – ab dem nächsten Jahr mehr als eine Bürde. Das WM-Erbe wiegt schwer. Kremlchef Wladimir Putin unterstrich dies jüngst in Kaliningrad und forderte, dass ein entsprechendes Programm zur Nutzung der neuen Sportstätten nicht einfach auf dem Papier bleiben dürfe, sondern aktiv umgesetzt werden müsse. Russlands Fußball soll nach dem Fast-Triumph weiter Geschichte schreiben, wofür man jedoch bereits im Kinder- und Jugendbereich das entsprechende Fundament legen muss.      

Jubelnde russische Fans
Russische Fans während der WM (Juni 2018)
Quelle: ZDF

Einen Monat nach dem Triumph der Équipe Tricolore ist Fußball derweil nicht mehr das Thema Nr. 1 für die Russen. Es sind die tagtäglichen Probleme und Befürchtungen, die ihr Leben bestimmen. Neue Sanktionen aus den USA lösen Sorgen aus, denn der Kreml will die Oligarchen zu Lasten des kleinen Mannes von der Straße aus der Patsche ziehen. Die anhaltende Rezession, Steuererhöhungen und schleichende Inflation beunruhigen. Ja, und die während der WM auf den Weg gebrachte Rentenreform – Unpopuläres wird in Russland gern so durchgeboxt – wird zwar vehement abgelehnt, doch in Straßen-Protestaktionen wird dies nicht artikuliert. So bleibt alles wie gehabt: Die Weltmeisterschaft bot eine Möglichkeit zum Aufatmen und zur Ablenkung, doch alles Gute hat nun mal auch ein Ende.

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