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Gute Stimmung in Russland - Der Fußball-Impuls funktioniert

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Anders als erwartet hat die russische Nationalmannschaft im eigenen Land WM-Begeisterung geweckt. Schon vor dem Spiel gegen Uruguay hat sie sich fürs Achtelfinale qualifiziert.

WM 2018 - Fans aus Russland, aufgenommen am 14.06.2018 in Sankt Petersburg
WM 2018 - Fans aus Russland
Quelle: dpa

Die Partie in Samara wird zum Testlauf für die WM und die Stimmung im Land. Freundlich sind die Volunteers ja in allen Städten dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Aber in Samara scheinen viele der einheimischen Helfer besonders beseelt davon, vor allem ausländischen Gästen die Attraktivität eines Austragungsort näher zu bringen, der aus ihrer Sicht zu leicht in der falschen Schublade verortet wird. Eine Industriestadt, die es sich nicht wirklich zu besuchen lohnt?

Freiwillige Helfer wie Olga kämpfen dagegen an, indem sie auf Stadtplänen auf viele sehenswerte Punkte zeigen. Etwa die Flusspromenade, die sich über fünf Kilometer am Ufer der Wolga erstreckt und ein sommerliches Strandfeeling verströmt. Oder unweit davon die Brauerei, in der mit der Marke "Zhigulewskoje" angeblich das beste russische Bier produziert wird. Auch die Stippvisite am Monument Slavy lohnt sich: Das Denkmal steht für das kosmische Samara. Mit einer hier gebauten Rakete ist Jurij Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall geflogen.

Initialzündung aus der Kosmos-Arena?

Samara (Kosmos-Arena)
Die Kosmos-Arena in Samara lockt Fans.
Quelle: reuters

Damit ist der Bogen zur Kosmos-Arena gespannt: ein sündhaft teurer Stadion-Neubau im Norden der Millionenstadt, der an ein in der Landschaft drapiertes Raumschiff erinnert, in dem die russische Nationalmannschaft ihr letztes Gruppenspiel gegen Uruguay (Montag 16 Uhr MESZ/live ZDF) bestreitet. Es soll die nächste Initialzündung für die neu entdeckte Fußball-Begeisterung Russlands sein.

Nicht nur das Stadion wird ausverkauft, sondern auch die gewaltige Fanzone am Kuibyschew-Platz voll sein. Samara gefällt sich für einen Tag als Zentrum der WM. Der sich über 50 Kilometer am Ufer der Wolga errichteten Stadt bekommt unweigerlich die Sympathien ab, die neuerdings die Sbornaja erreichen. Late-Night-Talker Iwan Urgant hat die Aktion "Schnurrbärte der Hoffnung" initiiert, mit der die Menschen sich einen Oberlippenbart wie Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow wachsen lassen sollen.

Das Achtelfinale ist schon erreicht

WM 2018: Stanislav Cherchesov
Stanislav Cherchesov setzt auf sein Team
Quelle: dpa

Was für eine Kehrtwende: Vor Turnierbeginn waren beinahe apokalyptisch anmutende Szenarien entworfen worden, dass im Duell gegen die ausgebufften Südamerikaner womöglich das Ausscheiden nach der Vorrunde beklagt werden könnte. Und die Stadt als Synonym für eine Schmach die eigene Fußball-Geschichte eingehen könnte, wie es 2014 in Brasilien Belo Horizonte widerfuhr, die für immer mit einem 1:7-Debakel gegen Deutschland verknüpft bleiben wird.

Das Gegenteil ist nun der Fall: Beide Teams sind mit jeweils sechs Punkten bereits fürs Achtelfinale qualifiziert, dem Gastgeber reicht ein Remis für den Gruppensieg. Ob es dann jedoch womöglich gleich gegen Spanien oder Portugal geht, hängt davon ab, wie vier Stunden später die Parallelspiele in der Gruppe B verlaufen. Für Russland steht nach den Auftakterfolgen gegen Saudi-Arabien (5:0) und Ägypten (3:1) der erste Lackmustest an. Ein Sieg gegen Uruguay würde das Selbstwertgefühl der stolzen Sportnation weiter steigern.

Russische Medien sehr emotional

Archiv: Lenin-Allee in der Stadt Samara in Russland, aufgenommen am 16.07.2015
Samara - Industriestadt im Fan-Fieber
Quelle: reuters

Die russische Mannschaft konnte sich anfangs nicht vom Hochgefühl der Anhänger tragen lassen – dafür waren die Erwartungen selbst bei Staatspräsident Wladimir Putin nach den ernüchternden Vorleistungen zu gering. Also gab sie selbst den Impuls, die Menschen mitzunehmen. Gut war das in den Fanzonen zu beobachten. Nicht viele hatten sich anfangs die russische Flagge auf die Wangen gemalt. Die wenigsten trugen ein Trikot. Aber mit den Übertragungen erreichte die Leidenschaft dieser Mannschaft die Menschen. Der Impuls funktionierte über tausende Kilometer. Ohne Befehl von oben.

Bei den Toren kam es selbst in der Tatarenstadt Kasan auf einmal zu spontanen Umarmungen, auf den Straßen zu Hupkonzerten. Beruhigend: Bei den "Russia-Russia"-Rufe klang kein nationalistisches Triumphgeheul durch. Nur die russischen Medien klangen gleich wieder ein bisschen zu pathetisch: "Wir geben den Russen den Glauben an den Fußball zurück. Dabei herrschte im Land bis vor kurzem noch Fußball-Atheismus", schrieb die Zeitung "Sport-Express" und legte nach:  "Wir reißen die Rivalen in Stücke, schießen unwahrscheinlich viele Tore, fliegen über das Spielfeld, begeistern die ganze Welt." Gemach, gemach: So weit ist es noch nicht.

Aber der Anfang ist gemacht: Viele Russen empfinden Stolz, weil das nur als begrenzt talentiert wahrgenommene Team ein Vorbild sein kann. Weil es sich anders als die regelmäßig in der Geschichte mit Titeln dekorierten Eishockey-Helden nicht auf die individuelle Qualitäten verlassen kann, sondern als Kollektiv auftreten muss, in denen Neid und Missgunst nicht weiterhelfen. Aussagen wie die von Stürmer Artjom Dsjuba kamen beim Fußball-Volk besonders gut an: "Wir sind 23 Brüder", sagte einer der russischen Torschützen, trug seinen Sohn Nikita auf den Schultern und beendete auch gleich das Nachwuchsproblem seines Landes: "Er wird mal Angreifer - wie ich."

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