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Russlanddeutsche - Gelangweilter Blick auf die Wahl in Moskau

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Russlanddeutschen wird oft vorgeworfen, sie seien die fünfte Kolonne Moskaus. Für die politischen Verhältnisse in Russland interessieren sich die wenigsten. Dafür gibt es Gründe.

Familie Stadler - Vater Ewald, Mutter Galina, Sohn Alexej und Tochter Nina (v.r.n.l.) - sitzt in einem ihrer zwei Zimmer, die sie im Aussiedlerheim für Russlanddeutsche in Stendal bewohnt
Russlanddeutsche im Aussiedlerheim (Archivbild) Quelle: picture-alliance / ZB

Der Märzmorgen ist kalt. Mütter und Väter bringen ihre Kinder zur Frankfurter Alexander-Puschkin-Schule. Die Mädchen und Jungen eilen rasch in die warme Schule, die Eltern müssen zur Arbeit. Die Puschkin-Schule ist eine bilinguale russisch-deutsche Privatschule. Auskunft über die Verhältnisse in Russland kurz vor der Präsidentschaftswahl will hier niemand geben. Auch nicht über Herkunft oder ethnische Zugehörigkeit. Alle sind freundlich, aber busy - und der Blick nach Osten jetzt unwichtig.

"Russlanddeutsche sind Deutschland gegenüber äußerst loyal"

Wolfgang Schälike, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-russischen Kulturinstituts in Dresden, überrascht das nicht. Verheiratet mit einer russischen Frau kennt er die Community gut. Die Stimmung sei durchwachsen, auch bei denen, die noch die russische oder eine doppelte Staatsbürgerschaft haben und den neuen Präsidenten im fernen Moskau hierzulande wählen können. "Die einen gehen zur Wahl, weil sie sich damit wie durch eine Nabelschnur mit der Heimat verbunden fühlen, die anderen betrachten diese Wahl als Farce", sagt er. Die russische Botschaft hat in der Bundesrepublik an 13 Orten Außenstellen eingerichtet, in denen man vorab wählen konnte. So auch im Dresdener Kulturinstitut, wo bereits am 4. März Wahltag war. Wie hoch die Wahlbeteiligung war, kann Schälike noch nicht sagen. Aber vor sechs Jahren, als Wladimir Putin in Russland zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, waren es gerademal zehn Prozent.

Dieses Desinteresse wundert Waldemar Eisenbraun schon gar nicht. Er ist Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Der Verband vertritt rund drei Millionen Russlanddeutsche hierzulande. Viele von ihnen wollen mit Russland als Erben der Sowjetunion wenig zu tun haben. Das kommunistische Riesenreich unterdrückte und deportierte viele ihrer Familien nach Kasachstan und Sibirien. So kommt ein Großteil der hier lebenden sogenannten Russlanddeutschen auch gar nicht aus Russland, sondern aus Kasachstan oder der Ukraine. Von einer doppelten Staatsbürgerschaft halten nur wenige etwas. "Russlanddeutsche sind Deutschland gegenüber äußerst loyal", sagt Eisenbraun.

Viele besitzen nur eine Staatsbürgerschaft

Dennis Spies von der Universität Köln hat dazu Zahlen: Zwei Drittel der Russlanddeutschen besitzen nur eine Staatsbürgerschaft - die deutsche. Ein Drittel verfügt über zwei Staatsbürgerschaften. Davon wiederum zwei Drittel die russische und ein Drittel überwiegend die kasachische oder ukrainische. Spies legte in Zusammenarbeit mit Kollegen von der Universität Duisburg-Essen im vergangenen Jahr die erste repräsentative Studie zum Wahlverhalten von Migranten vor - darunter auch 500 Russlanddeutsche. Die Wissenschaftler fragten auch, welche russische Partei Russlanddeutsche mit russisch-deutscher Staatsbürgerschaft wählen würden. "In dieser Gruppe gaben 50 Prozent der Befragten an, sie würden gar nicht zur Wahl gehen", sagt Spies. Das sei ungewöhnlich. "In der Regel geben die meisten Menschen nicht zu, dass sie nicht wählen."

Russlanddeutsche

Leider wählten viele Russlanddeutsche auch nicht in Deutschland, klagt Eisenbraun von der Landsmannschaft. "Das ärgert mich sehr." Seine Landsleute zweifelten oft daran, dass sie mit ihrer Stimme etwas bewegen könnten. Das habe etwas mit kultureller und politischer Prägung zu tun, sagt Viktor Funk. "Vor ihrem Leben in Deutschland haben sie nie eine Demokratie kennengelernt." Funk wurde 1978 in Kasachstan geboren und kam 1990 mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Deutschland. In seinem jüngst erschienenen Buch "Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich" schreibt er über Integration in die hiesige Gesellschaft. Autoritätsgläubigkeit und konservative Werte bestimmten bis heute das Leben vieler Russlanddeutscher - selbst noch das der Nachgeborenen. Das allerdings ist keine Besonderheit. Migrationsforscher gehen davon aus, dass gelungene Integration drei bis vier Generationen dauert, egal woher die Migranten kommen.

Menschen fallen nicht auf Putins Lockrufe rein

Das ist auch in Moskau bekannt. Wilfried Jilge von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik weiß, dass Putin immer dort versuche Einfluss zu nehmen, wo er und seine Anhänger innere Schwächen in EU-Mitgliedsstaaten zu erkennen glauben; beispielsweise in der Flüchtlings- und Integrationspolitik. Dann bemühten die Kremlgetreuen gern die russische Sprache als Legitimation für ihre Einmischung. Auch wenn Putin damit als selbsternannter Hüter traditionalistischer Werte die konservativen Wertvorstellungen mancher Russlanddeutscher bedienen mag, seien sie dennoch nicht die fünfte Kolonne Moskaus, sagt Jilge. Dazu hätten sie in der Sowjetunion zu traumatische Erfahrungen gemacht und seien in ihrer Zusammensetzung als Gruppe viel zu differenziert.

Und zu selbstbewusst, sagt Eisenbraun von der Landsmannschaft. So leicht fielen sie auf Putins Lockrufe nicht rein. Die Nachricht von der massenhaften Rückkehr Russlanddeutscher sei eine Fake News. Dennoch bleibt dem Verbandsvorsitzenden nicht verborgen, dass der Blick nach Osten manche Familie seiner Landsleute vor Zerreißproben stellt. Die Krise in der Ukraine sei so ein Beispiel.

Viele Russlanddeutsche nutzten deutsche und russische Medien, die bestimmte Ereignisse oft diametral entgegengesetzt bewerteten. "Auch wir beobachten mit Sorge die geopolitischen Entwicklungen", sagt Eisenbraun. "Dabei lassen sich auch Strategien erkennen, die die Reaktion Russlands rechtfertigen können." Damit Deutsche aus Russland sicherer in ihrem Urteil werden, will Eisenbraun das politische Fortbildungsprogramm seines Verbands ausbauen. Ein Antrag auf Unterstützung durch die Bundeszentrale für politische Bildung sei bereits gestellt.

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