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Insolvenz - Ryanair-Chef O'Leary: "Korrupter Deal mit Air Berlin"

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Die Mitarbeiter der insolventen Air Berlin bangen um ihre Jobs. Konzernchef Winkelmann glaubt, dass die meisten übernommen werden. Der Hilfskredit des Bundes ist der Konkurrenz ein Dorn im Auge: Ryanair-Boss O'Leary - der selbst indirekte Beihilfen genießt - spricht von einem "korrupten Deal".

Die Fluggesellschaft Ryanair reicht Beschwerde bei der EU-Kommission ein. Der Vorwurf: Die Insolvenz von Air Berlin solle eine Übernahme durch die Lufthansa erleichtern und die staatlichen Beihilfen seien nicht rechtens.

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Nach dem Insolvenzantrag von Air Berlin ist Vorstandschef Thomas Winkelmann zuversichtlich, viele der rund 8.600 Arbeitsplätze retten zu können. "Ich glaube, trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und einen Großteil der Jobs zu sichern. Das kriegen wir hin", sagte Winkelmann der Wochenzeitung "Die Zeit".

Die Hilfe der Bundesregierung für Air Berlin ist umstritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte den Übergangskredit in Höhe von 150 Millionen Euro. Sie erwarte nicht, dass am Ende der Steuerzahler dafür aufkommen müsse. Zehntausende Reisende im Stich zu lassen, "weil Benzin nicht bezahlt werden kann und die Tickets verfallen, das wäre, glaube ich, nicht angemessen gewesen", sagte sie in einer Fragerunde auf Youtube. Winkelmann dankte der Bundesregierung für die Hilfe. "Wir haben ein nationales Desaster abgewendet", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Ryanair-Chef: "Das wäre nicht einmal in Simbabwe erlaubt"

Der Billigflieger Ryanair dagegen warf der Bundesregierung, Air Berlin und Lufthansa ein "offensichtliches Komplott" vor. Die Iren reichten beim Bundeskartellamt und bei der EU-Wettbewerbskommission Beschwerden gegen eine mögliche Übernahme Air Berlins durch die Lufthansa ein. "Diese künstlich erzeugte Insolvenz ist offensichtlich aufgesetzt worden, damit Lufthansa eine schuldenfreie Air Berlin übernehmen kann, und dies widerspricht sämtlichen Wettbewerbsregeln von Deutschland und der EU", teilte das Unternehmen auf seiner Internetseite mit.

Ryanair-Chef Michael O'Leary formulierte im ZDF noch drastischer: "Das ist nicht nur ein Verstoß gegen deutsche und EU-Kartellregeln, das wäre nicht einmal in Simbabwe erlaubt worden. Ich bin auch nicht sicher, ob es in Nordkorea erlaubt wäre." Nur in Deutschland sei ein solch "korrupter Deal" möglich, den die Regierung gemeinsam mit Lufthansa einfädele. Ryanair selbst profitiert allerdings auch von öffentlichen Geldern - nämlich bei den Beihilfen und Vergünstigungen etwa für den Flughafen Hahn in Rheinland-Pfalz.

Winkelmann: "Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Air Berlin verschwindet"

Air-Berlin-Chef Winkelmann nannte den Insolvenzantrag hingegen unvermeidbar. "Eine Insolvenz ist immer eine schlechte Nachricht, das ist kein zynisches Spielchen, das wir hier treiben", sagte er der "Zeit". Air Berlin hatte am Dienstag Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt, der Flugbetrieb ist durch den Kredit des Bundes für etwa drei Monate gesichert.

Winkelmann verhandelt mit Lufthansa und weiteren Interessenten über einen Verkauf von Teilen der Airline - zusammen mit dem neuen Generalbevollmächtigten Frank Kebekus. Winkelmann sagte der "Bild": "Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Marke Air Berlin verschwindet."

Außer der Lufthansa soll Ryanair-Konkurrent Easyjet Branchengerüchten zufolge an Teilen von Air Berlin interessiert sein. Easyjet gab dazu keine Auskunft, sondern teilte mit, dass "die Angelegenheiten eines Wettbewerbers weder kommentiert, noch über mögliche Auswirkungen spekuliert" werde. Auch die Thomas-Cook-Tochter Condor hat Interesse angemeldet.

Merkel: Risiko für Steuerzahler gering

Merkel sagte, die Gefahr, dass am Ende der Steuerzahler die Rettung von Air Berlin bezahlen müsse, sei relativ gering. "Sonst hätten wir diesen Überbrückungskredit oder Brückenkredit gar nicht geben dürfen." Air Berlin stelle noch Werte dar, etwa über deren Landerechte.

Auch Verdi-Chef Frank Bsirske verteidigte den Bundes-Kredit: "Andernfalls hätte die Fluggesellschaft ihre lukrativen Slots und Landerechte sofort verloren, was die Lage auch aus Sicht der Beschäftigten nur noch verschlimmert hätte", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es gebe es eine reelle Chance, die einzelnen Unternehmensteile so zu veräußern, dass auch die Steuerzahler das Geld wiedersähen, das der Bund gewährt habe.

Insolvenzverfahren beginnt im November

Aus der Unionsfraktion des Bundestages kam Widerspruch. "Die 150 Millionen Euro werden wir nie wieder sehen", sagte der CDU-Wirtschaftsexperte Michael Fuchs dem "Handelsblatt". Einer Civey-Umfrage für den "Spiegel" zufolge kommen die Hilfen auch in der Bevölkerung nicht gut an. Fast 60 Prozent von mehr als 5.000 Befragten hätten die Entscheidung der Bundesregierung negativ bewertet.

Das Insolvenzverfahren für Air Berlin beginnt nach Erwartung des Unternehmens am 1. November. Wie der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Kebekus sagte, bekommen die Beschäftigten im August, September und Oktober wie gewohnt ihr Gehalt. "Damit sie nicht bis zum November warten müssen, finanzieren wir das Insolvenzgeld mit einer Bank vor." Winkelmann schrieb den Mitarbeitern, alle Beteiligten arbeiteten daran, "um unseren Flugbetrieb mit Partnern in einen sicheren Hafen zu führen. Unser Ziel ist es, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern."

Große Sorge bei Verwaltung

Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi hat das Kabinenpersonal gute Aussichten auf neue Arbeitsplätze. "Für die Kollegen in Kabine und Cockpit sind die Chancen sehr hoch", sagte Vorstandsmitglied Christine Behle. "Schwierig ist die Zukunft für die Verwaltungsmitarbeiter", ergänzte Behle. "Da machen wir uns große Sorgen, denn jeder mögliche Übernehmer hat ja schon eine Verwaltung." Die meisten Verwaltungsleute, rund 1.200, seien in der Berliner Zentrale beschäftigt. Berlin und Düsseldorf sind mit insgesamt jeweils rund 2.900 Mitarbeitern die größten Air-Berlin-Standorte.

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kritisierte die mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für die Anteilseigner. "Die Aktionäre müssen die Suppe auslöffeln für zehn Jahre unternehmerische Fehlentscheidungen und Missmanagement", sagte Sprecher Michael Kunert. Seit dem Insolvenzantrag hat sich der Aktienkurs von 0,75 Euro auf etwa 0,38 Euro halbiert. Die Aktionäre der ersten Stunde haben fast alles verloren. Der Ausgabepreis für die Aktie im Mai 2006 lag bei 12 Euro.

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