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Eine Tomate, frei für alle - Mit der Open-Source-Tomate gegen den Klimawandel

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Mit Saatgut werden weltweit harte Geschäfte gemacht - das hat soziale Folgen und wirkt negativ aufs Klima. Dem stemmt sich die Stadt Dortmund mit einer speziellen Idee entgegen.

Früchte der Tomatensorte Sunviva
Früchte der Tomatensorte Sunviva - frei für alle
Quelle: Stadt Dortmund

Pflanzensorten sind käuflich, so richtig besitzbar. Es ist möglich, eine Art Patent für Sorten zu kaufen, sodass andere sie zwar anbauen, aber nicht weiterentwickeln dürfen. So kommt es, dass zum Beispiel im Gemüseregal im Supermarkt immer dieselben wenigen Sorten liegen. Sie stammen alle vom selben Saatgut, von denselben Konzernen. Die drei Firmen, die den Saatgutmarkt dominieren, sind Bayer, ChemChina und DowDuPont. Sie besitzen die Samen, die weltweit auf Ackern gestreut werden und ausgereift im Supermarkt landen.

Kombipaket: Saatgut- und passendes Pestizid

Ihr Saatgut ist extra so verändert, dass es immer neu gekauft werden muss. Es ist Hybrid-Saatgut. Hybride sind gezüchtete Kreuzungen. Sie werden so gezüchtet, dass sie zum Beispiel besonders groß sind oder eine intensive Farbe haben. Meistens ist die erste Generation dieser Pflanzen sehr ertragreich. Allerdings nur bei der ersten Aussaat. Danach wird die Ernte ungleichmäßig oder fällt ganz aus. Manche Hybride sind nämlich steril und können sich nicht fortpflanzen. Wer im nächsten Jahr wieder ernten möchte, muss neue Samen kaufen.

Standbild: Der Kampf um die Saaten

Die Konzerne erhöhen die Abhängigkeit, indem sie mögliche Alternativsorten aufkaufen. Und ihre Sorten können sie teuer verkaufen, weil es kaum konkurrierende Firmen gibt. Das teure Saatgut können sich nicht alle Landwirte leisten. Die Konzerne verdienen trotzdem genug mit ihrem Geschäft, weil sie die Samen meistens im Kombipaket mit Pestiziden verkaufen.

Die führenden Saatgutfirmen sind alle drei Pestizidproduzenten. Sie stimmen ihre Produkte so ab, dass nur ihr Saatgut resistent ist gegen die Pestizide und es am besten zusammen angebaut wird. So behalten sie die Kontrolle. Das amerikanische Unternehmen Monsanto, das mittlerweile zu Bayer gehört, hat zum Beispiel in den 80ern Soja-Saatgut entwickelt, das genetisch so verändert ist, dass es gegen Monsantos Glyphosat resistent ist. Den Markt für Gentech-Saatgut dominiert Monsanto mittlerweile zu 90 Prozent.

"Das Problem hat sich zugespitzt"

Für Landwirte bedeutet das Saatgut-Geschäft Abhängigkeit. Für die Natur bedeutet es weniger Vielfalt. "Das Problem hat sich in den letzten Jahren extrem zugespitzt. Das Saatgut wurde vereinheitlicht. Es ist eine globale Massenware", beschreibt es Christian Nähle, Mitarbeiter der Klimaschutzstelle der Stadt Dortmund.

Tomatensorte Sunviva
Tomatensorte Sunviva
Quelle: Stadt Dortmund

Wenn Sorten nicht mehr gesät werden, sterben sie tendenziell aus. Schon 75 Prozent aller Nutzpflanzen gingen laut Schätzungen im 20. Jahrhundert unwiederbringlich verloren. Es gibt zwar Saatgutbanken, die seien aber nie so stabil, sagt Nähle.

Auf der norwegischen Arktisinsel Spitzbergen gibt es einen solchen Saatguttresor. Rund 900.000 Saatgutproben lagern dort im ewigen Eis. Dort sollen sie sicher sein. Schon mehrfach musste aber an dem Gebäude nachgebessert werden, weil der Permafrost unter der Anlage schmilzt und Wasser in die Zugangstunnel der Datenbank eindringt. Der sicherste Weg, Samen zu schützen, ist also, sie weiter anzupflanzen. Nähle bestätigt: "Was nicht benutzt wird, ist besonders bedroht."

Gegeninitiative: Open Source-Saatgut

Als Weg aus der Abhängigkeit unterstützt die Stadt Dortmund aktuell eine Open Source-Saatgutvariante. "Sunviva" heißt die süße, gelbe Cocktailtomate, deren Samen kostenlos in Dortmund verteilt wurden. Die Sorte ist samenfest. Sie kann sich anders wie ein Hybrid fortpflanzen, und sie steht unter der Open Source-Saatgutlizenz.

Dortmunder Tomate in Saatkörben
Dortmunder Tomate in Saatkörben

Das ist im Prinzip vergleichbar mit einer freien Computersoftware. Jeder, der die Samen pflanzt, geht damit den Lizenzvertrag ein. Er erlaubt, dass die Samen frei und kostenlos verwendet werden dürfen. Sie dürfen vermehrt und weiterentwickelt werden. So kann sich die Sorte so entwickeln, dass sie regional gut überleben kann. Dass sie beispielsweise zum Klima und zum Boden vor Ort passt.

Wenn sich die Ökosysteme auf der Welt wie vorhergesagt in Zukunft durch den Klimawandel ändern, werden die Pflanzen überleben, die am besten angepasst sind. Dafür braucht es individuelle Samen. "Wir wollen die biologische Vielfalt erhalten, weil das immer Resistenz bietet. Einheitliche Massenware passt nicht überall", erklärt Christian Nähle.

Wenn überall dasselbe Saatgut gepflanzt wird, kann das niemals so standortgerecht sein. Wenn es hingegen viele verschiedene Sorten gibt, gibt es viele verschiedene Gene, von denen die Natur die Passendsten auswählt. Vielfalt stabilisiert ein Ökosystem. "Das trägt immer zur Stabilität bei und natürlich auch zum Geschmack, also kultureller Vielfalt."

Wer wird künftig über das Pflanzengut herrschen? Zehn Milliarden Menschen müssen 2050 ernährt werden. Eine riesige Aufgabe und ein riesiges Geschäft. Saatgut spielt dabei eine wichtige Rolle. Längst ist es zum profitablen Wirtschaftsfaktor - sehen Sie hier eine Dokumentation über den Kampf um die Saaten:

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28 min
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