"Unser Russland-Problem ist ein chronisches"

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Folgen des Skripal-Anschlags - "Unser Russland-Problem ist ein chronisches"

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Das verschlafene Salisbury ist fast ein Jahr nach dem Giftgas-Anschlag auf Sergej Skripal und seine 33-Jährige Tochter giftfrei. Aber der Real-Thriller ist nicht aufgearbeitet.

Einsatzkräfte in Schutzanzügen an der Bank, an der Skripal gefunden wurde
Einsatzkräfte in Schutzanzügen an der Bank, an der Skripal gefunden wurde
Quelle: dpa

Henry Farmer verkauft Meeresfrüchte, seinen Stand hat er genau dort aufgeschlagen, wo im letzten Jahr noch die Bank stand, auf der die Skripals gefunden wurden. Es ist ein grauer Freitag, fast genau ein Jahr nach den Gift-Vorfällen im letzten Jahr. "Am Anfang waren wir schon besorgt, unseren Verkaufsstand hier aufzustellen. Aber sobald uns das ganze Prozedere einmal erklärt worden war, sind wir bedenkenlos an diesen Ort zurückgekehrt." Aber wie verkaufen sich Muscheln neben der ehemaligen Nowitschok-Bank? "Zu Beginn sind die Einnahmen natürlich zurückgegangen, aber nun sind sie wieder im Normalzustand."

Wer nicht weiß, was hier vor einem Jahr geschehen ist, würde es auch nicht ahnen. Salisbury, ein malerisches, 45.000 Einwohner umfassendes Kleinod, ist eine verschlafe Stadt mit einer beeindruckenden Kathedrale, gut 125 Kilometer westlich von London gelegen. Der berühmte prähistorische Steinkreis Stonehenge liegt ganz in der Nähe. Ein geschichtsträchtiges Pflaster also, auf dem sich am 4. März 2018 ein Spionage-Thriller ereignete, der international hohe Wellen schlug.

Der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal und seine 33-Jährige Tochter wurden an diesem Märztag bewusstlos auf einer Parkbank mitten in Salisbury gefunden. Offiziellen britischen Angaben zufolge wurden die beiden mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet. Die Skripals befanden sich in kritischem gesundheitlichem Zustand, erst einige Wochen später konnten sie aus dem Krankenhaus entlassen werden. Vier Monate später kam es zu einem weiteren Vergiftungsfall in der Nähe, diesmal mit Todesfolge: Eine Frau kam mit dem Parfümflakon in Berührung, in dem das Nowitschok-Gift vorher transportiert worden war.

Ermittlungen gehen weiter

Am vergangenen Freitag erklärte die britische Umweltbehörde, dass die Dekontamination abgeschlossen und Salisbury wieder ungefährlich sei. "Obwohl dies ein wichtiger Schritt im Dekontaminationsprozess ist,  markiert der heutige Tag aber nicht das Ende der Polizeiermittlungen", erklärte der leitende Polizist.

Mittlerweile befinden sich die beiden Nowitschok-Opfer an einem geheimen Ort. Dean Winsley, Anwohner in Salisbury, erzählt, dass die Parkbank die Lieblingsbank seines Hunds gewesen sei. "Wir alle hier in Salisbury können uns noch gut an diesen Tag im März erinnern", sagt Winsley. "Wir haben noch nie etwas Derartiges in Salisbury erlebt. Wir sind sehr glücklich, dass die Schuldigen gefunden wurden."

Diplomatische Krise

Dabei führte die Affäre zu einer schweren diplomatischen Krise. Großbritannien sieht die Schuld für die Vergiftungsfälle bei Russland. Nowitschok wurde zwischen den 1970er und 1990er Jahren in der Sowjetunion entwickelt. Die britische Regierung ließ im vergangenen März 23 russische Diplomaten ausweisen, Russland reagierte mit der Ausweisung von ebenfalls 23 britischen Diplomaten. Weitere Länder wiesen in der Folge in Solidarität mit Großbritannien russische Diplomaten aus.

Im September 2018 veröffentlichten britische Behörden die Namen zweier Verdächtiger im Fall, die im russischen Militärgeheimdienst tätig sein sollen. Außerdem kam die Möglichkeit der Beteiligung eines dritten Mannes auf. James Nixey, Vorsitzender des Russland- und Eurasien-Programms des Chatham House, einer Denkfabrik in London, sagte dazu, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass ein dritter Mann involviert gewesen ist. Über diesen sei allerdings noch fast nichts bekannt.

Das "Russland-Problem" und der Alltag

Nixey sagt, die Affäre habe die entsetzliche Beziehung zu Russland noch weiter verschlimmert. Er verwendet, wenn er Wladimir Putins Politik beschreibt, Donald Trumps Slogan: "Make Russia great again." Die ganze Affäre hat Nixey zufolge zwei Botschaften, eine abschreckende an russische Doppelagenten und eine trotzige an westliche Regierungen. Obwohl er einen neuen Kalten Krieg nicht sieht, zeichnet er ein düsteres Bild. "Unser Russland-Problem, oder auch Putin-Problem, ist ein chronisches. Daher wird es eher weitere Tiefpunkte als Höhepunkte geben."

Das pittoreske Salisbury indes war wohl der letzte Ort, an dem ein solch toxischer Vorfall erwartet worden wäre. Die Bewohner der idyllischen Kleinstadt scheinen nun wieder ganz in ihrem Alltag zu sein. Das ehemalige Haus der Skripals allerdings, ist noch immer eingehüllt in eine weiße Schutzfolie.

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