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Saudi-Arabien: Die Kehrseite neuer Freiheiten

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Wandel unter Mohammed bin Salman - Saudi-Arabien: Die Kehrseite neuer Freiheiten

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Frauen singen Karaoke, die Sittenpolizei ist weg: Noch nie in seiner Geschichte hat sich Saudi-Arabien so schnell verändert. Doch die neuen Freiheiten haben ihre Schattenseiten.

Maha Schirah
Die Unternehmerin Maha Schirah profitiert von der Liberalisierung der saudischen Gesellschaft.
Quelle: dpa

Dschohara trägt kein Kopftuch über den dunklen Haaren, ein Piercing in der Nase, die Lippen sind dunkelrot geschminkt - und sie singt Karaoke. Mitten in Riad, der Hauptstadt des islamisch-konservativen Königreichs Saudi-Arabien, wo Frauen bis vor Kurzem vor den Blicken der Männer verhüllt wurden. Dschohara bekommt donnernden Applaus.

Dschohara
Dschohara nach ihrem Auftritt
Quelle: dpa

"Das ist eine neue Erfahrung für mich", sagt die 20-Jährige über ihren Auftritt. "Ich bin stolz, dass so etwas heute möglich ist." Und auch Rasha, 25, die später ein englischsprachiges Liebeslied ins Mikrofon haucht, schwärmt. Früher habe es Karaoke in Saudi-Arabien nur im strikt privaten Kreis und auf Einladung gegeben, erzählt sie: "Jetzt kannst du hier einfach hinkommen."

Der rasante Wandel

Saudi-Arabien im Dezember 2019: Das Königreich auf der Arabischen Halbinsel steht am Ende eines Jahres, in dem es sich so rasant gewandelt hat wie noch nie seit seiner Gründung vor bald 90 Jahren.

Von den Straßen weitestgehend verschwunden ist die einst berühmt-berüchtigte Sittenpolizei, die Mutawas, die früher streng darauf achteten, dass Frauen Kleidung nach der rigiden Lesart des Islams in Saudi-Arabien trugen. "Dass wir die Religionspolizei losgeworden sind, war eine der besten Sachen", sagt Maha Schirah, die in Riad einen Co-Working-Space für Frauen gegründet hat.

Freiheiten der Frauen

Vor allem die Frauen erleben Freiheiten, die für sie lange undenkbar waren. Früher durften sie nur mit Kopftuch oder gar Gesichtsschleier auf die Straße, über dem Körper ein langes Gewand, die Abaja. Heute sind es vor allem junge Frauen, die mit offenem Haar zum Einkaufen durch die Shopping-Malls schlendern oder im Büro arbeiten.

Frauen treten bei Pop-Konzerten auf, die früher ebenso verboten waren wie Kinos. Als Anfang des Monats vor den Toren Riads um den WM-Titel im Schwergewichtsboxen gekämpft wurde, saßen Frauen neben Männern auf der Tribüne. Auch Auto fahren dürfen sie heute. Und für Reisen ins Ausland müssen sie sich nicht mehr den Segen eines männlichen Vormunds holen - vorläufiger Schlusspunkt einer Serie von Reformen.

Ein Prinz mit modernen Ansichten?

Mohammed bin Salman, 34 Jahre alt, saudischer Thronfolger eines Landes, dessen Geschicke bisher oft von Greisen bestimmt wurden. "MbS", wie er oft genannt wird, treibt die Reformen voran. Die Uni-Professorin Fausia al-Bakr findet nur gute Worte für den Kronprinzen. "Es ist, als wäre ein Traum wahr geworden", sagt die 55-Jährige. "Die Entwicklung geht viel schneller, als wir dachten. MbS hat jeden einzelnen Teil meines Lebens verändert."

Die Dozentin kann sich gut an die alten Zeiten erinnern. Ende 1990 setzte sie sich zusammen mit anderen Frauen einfach ans Steuer, um gegen das Fahrverbot zu protestieren. Damals griff die Sittenpolizei sofort ein, Fausia al-Bakr und die anderen Frauen landeten auf der Polizeistation. Drei Jahre wurde sie danach von ihrem Job verbannt.

Der Veränderungsdruck auf dem Königshaus

Saudi-Arabien ist ein junges Land, 40 Prozent der Bevölkerung unter 25. Die jungen Saudis sehen täglich über die sozialen Medien oder auf Reisen, welche Freiheiten ihre Altersgenossen in anderen Ländern genießen, und fordern diese ein - nicht so laut wie in anderen Ländern, aber trotzdem wahrnehmbar.

Weil zudem die Staatseinnahmen wegen des Ölpreisverfalls sinken, die Bevölkerung aber wächst, kann die Regierung die Jüngeren nicht derart finanziell unterstützen wie frühere Generationen. Unter den Jüngeren liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 25 Prozent. Die Öffnung der Gesellschaft, Kinos, Popkonzerte, Vergnügungsmeilen - kurz: die Spiele neben dem Brot - verfolgen so nicht zuletzt auch einen Zweck: ein mögliches Aufbegehren der Jungen von Anfang an abzuwenden.

Die Kehrseite: Schweigen über den Khashoggi-Mord

Über noch ein Thema reden in Saudi-Arabien weder Männer noch Frauen gerne öffentlich: den Mord an dem regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi, der im saudischen Konsulat in Istanbul umgebracht wurde. Was genau dort passierte, ist noch immer unklar - ebenso wie die Identität der eigentlich Verantwortlichen. Über einen Prozess gegen elf Angeklagte, der im Januar begann, dringen seit Monaten keine Informationen mehr an die Öffentlichkeit.

So steht weiterhin der Verdacht im Raum, dass mit Mohammed bin Salman ausgerechnet derjenige in den Mord verwickelt ist, dem die saudischen Frauen ihre Freiheiten zu verdanken haben - das ist die dunkle Seite der Liberalisierung des Königreichs.

Freiheiten ja, Kontrolle ist besser...

Kronprinz Mohammed bin Salman macht deutlich, dass er keinen Widerspruch duldet: Während er der Gesellschaft dosiert Freiheiten gewährt, zieht er die Zügel der Kontrolle fester. Seit bald zwei Jahren sitzen mehrere Aktivisten wie die Frauenrechtlerin Ludschain al-Hathlul unter dubiosen Vorwürfen in Haft. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagt, trotz der Reformen seien Frauen weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt. Und selbst wer Mohammed bin Salman still und heimlich kritisiert, dürfte das aus Angst vor Verfolgung öffentlich kaum aussprechen.

Viele achten zudem darauf, dass sie trotz aller neuen Offenheiten bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Bei der "Open-Mic-Night", wie der wöchentliche Karaokeabend der kleinen Agentur Syrup Entertainment heißt, passt Organisator Mustafa Schirah genau auf, dass sich Frauen und Männer nicht unsittlich nahe kommen. Auch Drogen und Alkohol in jeder Form sind strikt untersagt. Schließlich will Mustafa die Lizenz, die er für die Singabende braucht, nicht aufs Spiel setzen.

Kronprinz Mohammed Bin Salman

Saudischer Prinz zu Khashoggi -
Verantwortlich, aber nicht schuldig
 

Der saudische Kronprinz bin Salman übernimmt Verantwortung für die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Khashoggi - will vom Verbrechen aber nichts gewusst haben.

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