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Wandel unter Kronprinz Salman - Saudi-Arabien: Moderner, nicht liberaler

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Frauen am Steuer, Kinos und Konzerte - eine Zeitenwende für Saudi-Arabien. Doch das Land wird nicht wirklich liberaler, es wird nur ein bisschen moderner.

Besucher einer Kinoeröffnung in Riad am 30. April 2018.
Besucher einer Kinoeröffnung in Riad am 30. April 2018.
Quelle: reuters

Saher ist aufgeregt. Wir fahren zusammen zu einem Autosalon in Dschidda, denn sie will mir ihr Lieblingsauto zeigen. Einen Mustang. Seit Jahren träumt sie davon, in einem offenen Mustang durch ihre Heimatstadt Dschidda zu fahren. Frei, als Frau, vorne am Steuer, nicht hinten auf dem Rücksitz.

Saher sitzt in einem offenen Mustang Probe. Mit so einem Auto will sie ab 24. Juni, wenn auch Frauen in Saudi-Arabien Autofahren dürfen, durch Dschidda kurven.
Saher sitzt in einem offenen Mustang Probe. Mit so einem Auto will sie ab 24. Juni, wenn auch Frauen in Saudi-Arabien Autofahren dürfen, durch Dschidda kurven.
Quelle: ZDF

Saher ist eine mutige Frau mit eigenem Kopf. Als Mutter von sechs Kindern ließ sie sich scheiden, zog ihre Kinder allein auf und engagierte sich immer für die Rechte der Frauen im Königreich Saudi-Arabien. So fuhr sie vor einigen Jahren allein durch Dschidda und wurde sofort festgenommen. Wie eine Drogendealerin sei sie sich vorgekommen, erzählt Saher, immerhin habe die Polizei sie kurze Zeit später wieder frei gelassen. Vielleicht auch, weil sie aus einer einflussreichen Familie kommt. Ihr Vater war Gesundheitsminister bei König Saud, einem Vorgänger des jetzigen Herrschers König Salman.

Frauen im Land - selbstbewusst und gut ausgebildet

Wie so viele der saudischen Frauen ist auch sie im Ausland ausgebildet und freut sich über die Reformen im Land, die der Kronprinz Mohammed bin Salman angestoßen hat. Der Lieblingssohn des saudischen Herrschers ist der eigentliche Machthaber im Königreich. Mohammed bin Salman, im Land nur MBS genannt, schafft im Eiltempo vor allem für Frauen neue Freiheiten. Sie dürfen demnächst selbst Auto fahren, müssen sich Reisen oder medizinische Untersuchungen nicht mehr von ihrem Vormund absegnen lassen und keine lange schwarze Abaya, das traditionelle Gewand, und ein Kopftuch tragen. 

Eine offizielle Kleidervorschrift hat es in Saudi-Arabien nie gegeben. Die Gesetze des islamischen Scharia-Rechts sagen, Frauen sollen dezente und respektvolle Kleidung tragen, ebenso wie Männer. Das heißt aber nicht unbedingt eine schwarze Robe oder einen schwarzen Schleier. Allerdings hatten radikalen Prediger und die Religionspolizei in Saudi-Arabien bisher einen strikten Dresscode gefordert. Die religiösen Sittenwächter, die Muttawa haben Frauen verfolgt und festgenommen, wenn sie ihr Haar nicht richtig bedeckten oder Nagellack trugen. Die Muttawa sind jetzt entmachtet. Sie dürfen niemanden mehr verfolgen oder verhaften. Auch das hat der Kronprinz durchgesetzt.

System der Vormundschaft

Doch die Abaya, so erzählen mir viele Frauen im Land, sei überhaupt nicht das Problem. Es sei das System der Vormundschaft, das sie immer noch einenge und ihrer Freiheit beraube. Dieses Gesetz gibt vor, die Frau von der Geburt bis zum Tod von einem Mann kontrollieren zu lassen. Vom Vater, vom Bruder oder vom Ehemann. Frauen dürfen keinen Pass beantragen, in manchen Krankenhäusern bekommen sie ohne männliche Begleitung Probleme. Sie sind bei Kauf- oder Erbverträgen benachteiligt und dürfen keine größere Anschaffung selbst tätigen, es sei denn, sie haben einen liberalen Vormund, der das Gesetz nur als Formalie ansieht.

Ursprünglich habe dieses Gesetz die Frau schützen sollen, erzählt mir Sofana Dahlan, eine Rechtsanwältin in Dschidda, die sich auf die Scharia spezialisiert hat. So sei der Frau zum Beispiel auf Reisen ein männlicher Vormund als Beschützer beigestellt worden. Doch im Laufe der Zeit sei diese Vormundschaft  "massiv missbraucht" worden und es gelte jetzt, einen neuen "frischen Blick" auf die Gesetze des Islam zu werfen.

Brot und Spiele für das Volk

Ein frischer Blick auf die Gesetze des Islam, neue Freiheiten für die Frauen, Kinos und Konzerte  - Saudi-Arabien ist im Wandel. Was im Westen staunend aufgenommen wird, bedeutet für das Land eine Zeitenwende. "Wir sind ein Land im Übergang", sagt Sofana und fügt hinzu, dass auch sie sich freut, endlich im eigenen Land mit ihren Kindern ins Kino oder Konzert gehen zu können. Freiheiten, die jetzt im streng konservativ wahhabitischen Land seit über 30 Jahren wieder möglich sind.

Doch die Freiheit ist nicht politisch zu verstehen. Es ist ein bisschen wie im alten Rom. Brot und Spiele für das Volk, doch wer sich im Land politisch engagiert oder äußert, lebt gefährlich. Die Zahl der Inhaftierungen und Hinrichtungen ist hoch, der Kronprinz führt das Land skrupellos und autoritär. So wurden vor zwei Wochen mehrere Frauenrechtlerinnen verhaftet, die sich schon seit Jahren für das Recht der Frauen auf Autofahren stark machen. Die Anklage wirft den Verhafteten "verdächtigen Kontakt mit ausländischen Organisationen" vor, die die Aktivitäten der Frauen unterstützten. Außerdem hätten sie "mehrere Personen in sensiblen Regierungsämtern" rekrutiert. Den Frauen drohen lange Haftstrafen. Die Verhaftungen fallen in eine Zeit, in der die Reformen des Kronprinzen kurz vor einem sichtbaren Höhepunkt stehen: Ab dem 24. Juni 2018 sollen die Frauen in Saudi-Arabien Autofahren dürfen.

Der junge Kronprinz - machthungrig und autoritär

Doch der Kronprinz will totale Kontrolle, will das Autofahren als sein Geschenk an die Frauen verstanden wissen. Wir treffen den saudischen Exil-Journalisten Jamal Kashoggi in Washington. Kashoggi sieht die Verhaftungen als Zeichen eines totalitären Regimes: "Das ist völlig unnötig. Diese Frauen, die als Pioniere in den 90er Jahren Auto gefahren sind, sollten gefeiert werden. Weil durch sie letztlich das Fahrverbot für Frauen aufgehoben werde musste. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Frauen werden unterdrückt und verhaftet. Das zeigt eins: Der Kronprinz will die totale Kontrolle, will nur sich als Geber verstanden wissen."

Grundsätzlich seien die Reformen, so Kashoggi absolut notwendig und überfällig gewesen. Die Jugend des Landes habe schon seit Jahren über Twitter und Facebook ein globales Leben geführt. Das Königshaus hätte die Unterhaltung wie Kinos und Konzerte schon viel früher ins Land holen sollen. Warum aber, fragt der Journalist, tausche der Kronprinz religiösen Extremismus gegen politischen aus? Für ihn sehe es so aus, als hielte der Kronprinz die Zeit nicht reif für politische Freiheit. So nach dem Motto: Liebes Volk, ich führe Euch in die Zukunft, stellt mich nicht in Frage und lasst mich regieren.

Motor aufheulen lassen und sich frei fühlen

Saher dagegen will noch einmal Probe sitzen, den Motor aufheulen lassen - in einigen Wochen ist es so weit: Sie darf mit ihrem eigenen Mustang über die Straßen von Dschidda fahren. Für sie ist das die Erfüllung eines Traumes und für die Frauen in Saudi-Arabien ein wichtiger Etappensieg.

Wahhabismus in Saudi-Arabien

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