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Saudi-Arabien - "Kronprinz Salman muss liefern"

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Wo steht Saudi-Arabien, nachdem die USA aus dem Atomabkommen aussteigen? Vor allem wirtschaftlich muss der Kronpzinz liefern, sagt Experte Sons dem 3sat-Magazin makro.

makro: Saudi-Arabien steht mittlerweile in Konflikt mit mehreren Nachbarländern. Wie hoch ist die Eskalationsbereitschaft des Kronprinzen Mohammed bin Salman, seine Landsleute nennen ihn MbS?

Sebastian Sons: Saudische Kollegen sagen, MbS renne mit vollem Tempo auf eine Klippe zu, wolle aber nicht springen. Damit meinen sie: Iran zu provozieren ist durchaus Mittel zum Zweck, doch einen direkten Krieg will niemand in Saudi-Arabien - auch nicht MbS. Allerdings trägt die harsche Rhetorik und die Interventionsbereitschaft zum Beispiel im Jemen dazu bei, die Region weiter zu destabilisieren. Hinzu kommt: Iran hat seinen Einfluss in der Region ohne Frage ausgeweitet. Das bedroht Sicherheitsinteressen Saudi-Arabiens, so dass eine Annäherung sehr unwahrscheinlich ist.

makro: Der saudische Kronprinz , hat sich kürzlich auf seiner USA-Reise charmant und weltoffen gezeigt. Gleichzeitig führt er im Jemen Krieg und sperrt seine Kritiker weg. Wie bringen wir beide Bilder in Einklang?

Sebastian Sons
... ist Islamwissenschaftler und Associate Fellow des Programms Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er ist unter anderem Autor des Sachbuchs "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien - Ein problematischer Verbündeter". Er bereist Saudi-Arabien regelmäßig und war zuletzt im April 2018 im Land.
Quelle: Sebastian Sons

Sebastian Sons: MbS sieht sich als Sprachrohr der jungen Generation. Er will ein "neues" Saudi-Arabien schaffen, das in der Welt als modern und offen wahrgenommen wird. Dafür verfolgt er nach innen eine Politik des radikalen Wandels und der Modernisierung, die zu mehr gesellschaftlicher Öffnung und wirtschaftlicher Diversität führen soll. Gleichzeitig geht er mit harter Hand gegen Kritiker vor.

Bei meinen Besuchen im Königreich äußern sich die meisten euphorisch über MbS: Endlich sei da jemand, der Klartext redet, das Land radikal verändert und gegen Korruption und Armut vorgeht. Seine Außenpolitik ist von der Feindschaft mit Iran geprägt. In Iran sieht er eine existenzielle Bedrohung, den Revolutionsführer bezeichnet er als "neuen Hitler". Beides passt jedoch zusammen, denn MbS will sich mit dieser Politik als "Beschützer der Nation" und Erneuerer präsentieren. Damit will er seine Macht konsolidieren. Er betreibt somit populistische Politik, dient doch das Feindbild Iran dazu, die inneren Reihen zu schließen und eine Wagenburgmentalität zu schaffen.

makro: Weg von der Ölabhängigkeit versucht Saudi-Arabien sich zu erneuern. Aber das Reformprogramm "Vision 2030" kommt nicht voran. Woran hapert es? 

Sons: Auch wenn viele Ziele der Vision noch nicht erreicht sind, eines ist klar: Sie hat die öffentliche Debatte in Saudi-Arabien verändert. MbS spricht sehr selbstkritisch von Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Man habe das Öl als Selbstverständlichkeit angesehen. Diese Mentalität will er ändern und spricht damit vielen jungen Menschen aus der Seele. Das ist durchaus ein Erfolg, doch dafür muss er die Jugendarbeitslosigkeit senken. Das ist ihm noch nicht gelungen. So kritisieren einige seinen Aktionismus, jeden Tag neue Änderungen und Megaprojekte anzukündigen. Es wolle zu viel zu schnell.

makro: Wie hoch ist der wirtschaftliche Druck auf MbS?

Sons: MbS muss liefern. Es gibt durchaus Armut in Saudi-Arabien, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Auch machen sich die Subventionskürzungen bemerkbar. So habe ich bei meinem letzten Besuch festgestellt, dass viel weniger Autos auf den Straßen sind. Meine saudischen Kollegen bestätigen diesen Eindruck und machen das daran fest, dass durch die gestiegenen Benzinpreise die Menschen nicht mehr aus reinem Vergnügen das Auto nutzen. Viele nehmen diese Einschränkungen der Lebensqualität zwar noch in Kauf, erwarten aber Fortschritte. Gelingt es MbS also nicht, Jobs zu schaffen, droht ihm Kritik.

Karte von Saudi-Arabien
Quelle: ZDF

makro: Der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco hat erstmals eine Frau in den Verwaltungsrat berufen. Ab Juni werden Frauen auch Auto fahren dürfen. Wie stark sind die gesellschaftlichen Veränderungen in Saudi-Arabien tatsächlich?

Sons: Die gesellschaftlichen Öffnungen sind von weiten Teilen der jungen Menschen gewollt und real. Die meisten wollen nicht mehr in einem verschlossenen Land leben, sondern Teil der Welt sein. Das gilt besonders für die Frauen, die ihren Platz im Berufsleben einfordern. Zudem sind die Öffnungen aber auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Man kann es sich nicht mehr leisten, Frauen vom Arbeitsmarkt auszuschließen. Deswegen auch die Aufhebung des Fahrverbots: Frauen sind motiviert und gut ausgebildet, aber sie müssen mobil sein, um produktiv arbeiten zu können. Hinzu, sagen viele Frauen, sei es schlichtweg zu teuer, einen Chauffeur zu bezahlen. Das kostet fast ein Drittel eines Monatslohns.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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