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Vorbereitung auf UN-Klimagipfel - Schachern um Klimaziele - wo es hakt

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Die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad ist kaum noch zu stemmen. Beratungen in Bonn sollen jetzt wichtige Streitfragen im stockenden Kampf gegen den Klimawandel klären.

Ausgetrocknete Mangrovensümpfe in Cancún, Mexiko
Hier waren einst Mangrovensümpfe - nun ist der Boden bei Cancun in Mexiko ausgetrocknet.
Quelle: dpa

Zehn Tage haben die 3.000 Delegierten in Bonn Zeit, um die Vorbereitung für den nächsten UN-Klimagipfel - die COP25 - im Dezember in Santiago de Chile vorzubereiten. Zwar geht es diesmal um eher technische Details - doch die haben es in sich. An den noch offenen Fragen entscheidet sich, wie wirksam die in Paris 2015 verabredeten Maßnahmen gegen die Erderwärmung sein werden.

Wichtige Punkte bei Klimagipfeln ausgeklammert

Auf der Weltklimakonferenz (COP21) in der französischen Hauptstadt hatte die Staatengemeinschaft vereinbart, die globale Erwärmung auf höchstens 2 Grad, möglichst sogar 1,5 Grad zu begrenzen. Gemeint ist die mittlere Temperatur im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten. Die ambitionierten Ziele erfordern bis 2050 eine Abkehr von Kohle, Öl und Gas sowie einen umfassenden Umbau der Weltwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Wie genau diese Klimaziele erreicht werden sollten, blieb damals offen. Die Unterzeichnerstaaten sollten dazu eigene nationale Maßnahmen (NDCs - nationally determined contributions) definieren. 

Auf der Weltklimakonferenz im polnischen Katowice (COP24) im Dezember 2018 hat man dann die Pariser Ziele in ein Regelwerk zur Umsetzung gegossen. Wichtige Punkte wurden dabei aber ausgeklammert, da die Staaten sich nicht einigen konnten. Nun soll in Bonn ein neuer Anlauf gemacht werden, um doch noch alle Unterzeichner unter einen Hut zu bekommen - und in Chile möglichst ein fertiges Regelbuch zu verabschieden. Vor allem um drei Bereiche gibt es Zank.  

Emissionshandel in der Kritik

Hart verhandelt wird um Artikel 6 des Pariser Abkommens, der die sogenannten Marktmechanismen umschreibt. Dabei geht es darum, dass Länder Klimaschutzmaßnahmen in anderen Ländern finanzieren können und dann deswegen weniger Klimaschutz zu Hause umsetzen müssen. Bei handelbaren Emissions-Zertifikaten wurde dies bereits umgesetzt. Dabei konnten Industrieländer "Verschmutzungsrechte" von weniger entwickelten Ländern kaufen - und sich damit aus der Verantwortung stehlen, die eigenen Emissionen zu reduzieren.

Weitere Tücken des Emissionshandels zeigt das Beispiel Brasilien. Das Land wollte durchsetzen, dass solche Maßnahmen sogar doppelt angerechnet werden können - als eigener Beitrag gegen die Erderwärmung und nochmal als Beitrag des Landes, das solche Ersatzmaßnahmen in Brasilien finanziert. Damit wäre eine seriöse Aufrechnung von Klimaschutz-Investitionen faktisch nicht mehr möglich.

Entsprechend laut ist denn auch die Kritik der Nichtregierungsorganisationen, die die Klimaverhandlungen begleiten. "Marktmechanismen dürfen nicht als billiger Ausweg genutzt werden, um die Klimaziele zu Hause nicht zu erfüllen", betont Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. "Es wäre sogar besser, sie gar nicht zu beschließen, anstatt gewaltige Schlupflöcher wie Doppelzählungen von Emissionsminderungen zuzulassen. Der Einsatz von Marktmechanismen ist nur sinnvoll, wenn er dazu führt, dass insgesamt mehr und nicht weniger Klimaschutz stattfindet."

Wer zahlt für Schäden durch den Klimawandel?

Wenn die Begrenzung der Erderwärmung nicht besser gelingt, werden Schäden und Verluste durch den Klimawandel in vielen Regionen der Welt massiv zunehmen. Wie sollen diese beziffert werden - und wer soll dafür wie viel bezahlen? Den am stärksten betroffenen Ländern fehlt es an finanziellen und technischen Mitteln, um mit Dürren, Überschwemmungen, dem Verlust ganzer Küstengebiete oder der zu erwartenden Klima-Migration fertigzuwerden.

Ärmere Länder sollen deshalb von Verursacherländern finanziell unterstützt werden. Doch: Welche Länder haben zu den Schäden am meisten beigetragen? Wie viele Jahre müsste man die Emissionen für derartige Rechnungen überhaupt rückwirkend addieren? Und wenn Industrieländer für alle Verluste aufkommen, haben dann Entwicklungsländer noch Anreize, selbst etwas für den Klimaschutz zu tun? An einer Regelung bissen sich die Unterhändler bislang die Zähne aus. 

Klimaversicherungen und Ausgleichsfonds

Germanwatch favorisiert eine Lösung, bei der die Hauptverursacher der Erderwärmung Klimaversicherungen mitfinanzieren. Sie sollen etwa Bauern nach vernichteten Ernten schnell eine neue Aussaat ermöglichen. Bei großen Klimaschäden wie dem Sterben von Korallenriffen, der Ausdehnung von Wüsten oder dem Verlust ganzer Küstenabschnitte durch den Meeresspiegelanstieg geriete ein solches Versicherungsmodell aber sehr schnell an seine Grenzen. Über Ausgleichsfonds und deren Speisung dürfte in Bonn also erbittert gestritten werden.

Für Beobachter ist es da schon ein Erfolg, dass das Thema es überhaupt auf die Agenda schaffte. Christoph Bals von Germanwatch: "Die Frage der Finanzierung für die auftretenden Probleme wurde bisher bewusst ausgespart. Das war vielleicht noch plausibel, solange man dachte, man könne mit Klimaschutz und Anpassung den Klimawandel eindämmen. Aber angesichts von immer mehr und heftigeren Katastrophen wäre es zynisch, nicht auch über finanzielle Mechanismen zu sprechen."   

Transparenz und Vergleichbarkeit von Berechnungen

Vergleichsweise harmlos ist dagegen der dritte strittige Punkt: Hier geht es um die Datenerhebung. Basis für sämtliche Maßnahmen sind international vergleichbare Berechnungen - ohne sie wäre eine Bilanzierung des Klimawandels und der Gegenmaßnahmen schlicht unmöglich.

Schon in Katowice war es gelungen, einheitliche Vorgaben für alle Länder zur Vergleichbarkeit der nationalen Klimabeiträge und zu den Berichten über ihre Umsetzung zu verankern. Zudem gibt es Übergangsregeln für die Entwicklungsländer, denen bislang die notwendigen Kapazitäten dafür fehlen.

Was genau in Tabellen und andere Zahlenwerke einfließen muss, was gemeldet wird und was nicht, und wie die Zuverlässigkeit dieser Erhebungen auch in Entwicklungsländern ohne große technische und wissenschaftliche Möglichkeiten gewährleistet werden kann - all dies muss in den kommenden Verhandlungen detailliert ausgearbeitet werden. Die Chancen für Fortschritte sind hier - im Gegensatz zu den anderen beiden Themenkreisen - relativ hoch.

Der Kampf gegen den Klimawandel stockt

Deutschland hat bei den anstehenden Verhandlungen keine eigene Stimme, sondern tritt als Teil der EU auf.  Innerhalb der EU fällt Berlin jedoch schon länger eher als Bremser auf und blockiert etwa das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050. "Angela Merkel hat auf dem Petersberger Klimadialog angekündigt, das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 zu prüfen - aber wir warten nach den Worten noch auf die Taten", moniert Michael Schäfer, Leiter Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland. Der WWF fordert ein umfassendes Paket an Klimaschutzgesetzen und Maßnahmen noch in diesem Jahr.

Mit seinen Lippenbekenntnissen zum Klimaschutz steht Deutschland nicht alleine da. Seit es um konkrete Maßnahmen geht, stockt der Kampf gegen die Erderwärmung. Die Weltgemeinschaft muss in puncto Klimaschutz deutlich nachlegen. So wichtig das Pariser Klimaabkommen als Meilenstein auch war  - die Umsetzung der Klimaziele hinkt der Erderwärmung hinterher. "Wir steuern geradewegs auf eine Erderhitzung von über drei Grad zu, wenn wir nicht alle mehr für den Schutz unserer Lebensgrundlagen tun", sagt Michael Schäfer, Leiter Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland. "Spätestens in Chile müssen die ersten nachgebesserten Klimabeiträge auf dem Tisch liegen - uns läuft die Zeit davon."

Bis spätestens 2020 sind alle Staaten in der Pflicht, ihre Klimabeiträge nachzubessern - so legt es das Pariser Abkommen fest.

Doris Ammon ist Redakteurin in der ZDF-Umweltredaktion.

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