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Schärfere CO2-Vorgaben - Auto-Grenzwerte: Stunde der Wachmacher

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Die deutschen Autoproduzenten kritisieren die geplanten schärferen CO2-Grenzwerte für Autos scharf. Dabei könnten sie auch eine Chance für die Branche sein.

Der Druck auf die Autobauer steigt – die Autolobby gerät in Brüssel in die Defensive: Ab 2021 dürfen Neuwagen nur noch 95 Gramm Co2 pro Kilometer ausstoßen. Ab 2030 nur noch 60 Gramm, hat die EU beschlossen. Die Automobilindustrie sagt: Unrealistisch.

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In keinem anderen Teil der Welt gebe es vergleichbar scharfe CO2-Ziele - das war die erste Reaktion der deutschen Autobauer. Niemand wisse heute, wie die neuen Grenzwerte in der vorgegebenen Zeit erreicht werden könnten, klagte der Verband. Der europäische Branchenverband stieß ins gleiche Horn: Die Ziele seien "sehr herausfordernd". Auslöser des Unmuts: EU-Unterhändler hatten sich am Montagabend auf schärfere CO2-Grenzwerte geeinigt. Im kommenden Jahrzehnt sollen die Pkw-Hersteller den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Neuwagenflotte um 37,5 Prozent senken, für leichte Nutzfahrzeuge um 31 Prozent.

"Herkuleische Aufgabe"

Auch einige Analysten sehen darin eine deutliche Herausforderung: "Die 37,5 Prozent Reduktion beziehen sich auf den Zeitpunkt von 2021 an", erläutert Eric Heymann von der Deutsche Bank-Research. "Rechnet man das vom heutigen Zeitpunkt an, dann seien das 50 Prozent weniger." Zwischen 2000 und 2017 aber habe man nur 31 Prozent geschafft.

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach meint: Das werde eine "herkuleische Aufgabe" für die Autoindustrie, diese Vorgaben zu erreichen. Das sei am Rande dessen, was als rational zu bezeichnen wäre, erklärte er im Deutschlandfunk und rechnete vor, dass ein Benzinauto im Schnitt dann einen Verbrauch von nur 2,6 Litern haben dürfe.

Dem E-Trend verschlafen

Erreichen lassen sich die schärferen Grenzwerte nur mit einem höheren Anteil an Elektromobilität. "Die aber findet aktuell nur dort Käufer, wo die Autos stark subventioniert sind", sagt Heymann von der Deutschen Bank. Die Kunden seien nicht bereit, für so viel Geld die Nachteile der Elektromobilität in Kauf zu nehmen, also etwa die mangelnde Reichweite oder die unzureichende Ladeinfrastruktur. Dass die Politik dennoch solche ehrgeizigen Vorgaben mache, hängt nach Ansicht von Autoexperte Bratzel aber auch mit dem Vertrauensverlust zusammen, den die Branche wegen des Dieselskandals erlitten habe. Sie habe das Thema der reinen Elektromobilität erst relativ spät in den Blick genommen, so Bratzel.

Das bestreiten auch Branchenvertreter nicht: Hat man alternative Antriebstechniken wie Wasserstoff und Brennstoffzelle nicht in der Entwicklung lange vernachlässigt? "Das können Sie so sehen", antwortet Elmar Degenhart, Chef des Autozulieferers Continental. Klar ist aber: Die Autohersteller müssen die Elektromobilität in den kommenden Jahren stark vorantreiben, um überhaupt die Ziele erreichen zu können.

Riesenchance für die Autoindustrie

Bis 2030 müsste dann etwa ein Drittel aller Neuzulassungen emissionsfrei - also elektrisch - sein, sagt Christoph Stürmer, Autoexperte der Unternehmensberatung PWC. Das sei schwierig. Allerdings: Nur der Antrieb verändere sich, aber der mache nur etwa 40 Prozent an der gesamten Herstellung - der sogenannten Wertschöpfung - der Fahrzeuge in Deutschland aus. Außerdem: "Mit den neuen Grenzwerten wird ein Markt erzwungen", sagt er. "Das ist eine Riesenchance für die Autoindustrie." Jetzt würden die Unternehmen wetteifern, wer sich den größten Anteil an diesem Markt sichere. Die Großunternehmen seien schon dabei, ihr Portfolio entsprechend umzustrukturieren.

Große Chancen sieht der Berater aber auch für Mittelständler: "Die sind Unternehmer, die können jetzt den Strukturwandel angehen. Dazu ist der deutsche Mittelstand besonders gut aufgestellt", sagt Stürmer, denn sie besäßen hohe Kompetenz, was die Produkte und deren Entwicklung angehe, sie konzipierten entsprechende Maschinen und Anlagen und sie hätten auch noch den Vertrieb in eigener Hand. "Das Wachstumsfeld bietet eine Menge Möglichkeiten", sagt der Branchenexperte. "Jetzt ist die Stunde der Unternehmer, der Visionäre und Innovatoren." Mit Managen und Optimieren des Bestehenden könne man diese Chancen jedoch nicht wahrnehmen.