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Letzte Steinkohlezeche schließt - Schicht im Schacht

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Ende, aus, vorbei – oder wie man im Ruhrpott sagt: Schicht im Schacht. Heute schließt die letzte deutsche Steinkohlezeche, Prosper-Haniel in Bottrop. Das Ende einer Ära.

In Bottrop wird das letzte Stück Steinkohle Deutschlands abgebaut. Die Förderung des Energieträgers wurde über Jahrzehnte staatlich subventioniert.

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"Die Wut ist weg, das Unverständnis auch. Gekämpft haben wir damals in den 1990er Jahren. Irgendwann muss man dann auch eine Niederlage eingestehen und einsehen, dass jetzt Schluss ist." Holger Stellmacher ist einer der letzten rund 4.000 Kumpel, die bis zum Schluss dabei bleiben durften. Ein Kind des Bergbaus, schon Vater und Großvater haben die Brötchen auf Zeche verdient. 1968 geboren, 1985 dann ab ins Berufsleben. Bergmechaniker, damals auf Radbod in Hamm.

In Bottrop wird das letzte Stück Steinkohle Deutschlands abgebaut. Die Förderung des Energieträgers wurde über Jahrzehnte staatlich subventioniert.

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Schon so einige Zechenschließungen mitgemacht

1990 hat Holger Stellmacher dann in Hamm die erste Schließung erlebt. Und weitergemacht. "Fast jeder hier hat schon die Schließung eines Bergwerks mitgemacht", sagt er. Für ihn war Bottrop nun die vierte Station. Hier also nun auch Endstation. Die letzten Jahre als Reviersteiger. Meister oder Betriebsführer würde man es wohl in anderen Betrieben nennen.

33 Jahre Bergmannsleben, in denen Stellmacher auch so manchen Wandel miterlebt hat. "Vor allem bei der Arbeitssicherheit hat sich in den drei Jahrzehnten unglaublich viel getan." Damals, in seinen ersten Jahren auf Zeche, sei es fast normal gewesen, wenn regelmäßig der Krankenwagen kommen musste. "Nicht umsonst hat es geheißen: Es klebt Blut am Stempel."

Mehr Arbeitssicherheit – aber ähnliche Bedingungen

Anfang der 1990er schließlich habe der Wandel begonnen. "Die Arbeitsplätze bekamen mehr Beleuchtung, wurden heller. Jetzt hieß es Arbeitssicherheit gleich Produktion. Ab 2000 schließlich ging Arbeitssicherheit dann vor Produktion." Im Zweifelsfall wurde der Betrieb gestoppt, wenn die Bedingungen vor Ort die Gesundheit der Kumpel gefährden konnten. Wobei sich an der grundsätzlichen Arbeit unter Tage auch mehr als 150 Jahre nach der ersten Kohleförderung auf Prosper-Haniel nicht viel geändert hat.

"Ab 60 Zentimeter Dicke wird Steinkohle maschinell abgebaut. Im Ruhrgebiet sind die Flöze meist bis 120 Zentimeter dick, und mehr drumherum wird auch nicht abgetragen. Wenn man also Pech hat, muss man als Bergmann auch heute noch in einen Hobelstreb, der 80 Zentimeter Kriechhöhe hat", beschreibt Stellmacher die Arbeitssituation vor Ort. Und das mehr als einen Kilometer unter der Erdoberfläche.

Suche nach neuer beruflicher Perspektive

"Anfangs war das schon komisch, die ersten Fahrten 1.200 Meter tief", erinnert sich Marcel Pawlinka. Und "anfangs" ist bei ihm noch gar nicht so lange her. 2011 (mit 16 Jahren) in die Lehre zum Industriemechaniker, mit 18 dann das erste Mal unter Tage. Das mulmige Gefühl ließ nach ein paar Wochen nach. Die harten Schichten blieben, "komplett schwarz und total durchgeschwitzt" – kein Wunder bei einer Umgebungstemperatur von bis zu 35 Grad bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Damals habe ihn eigentlich keiner gefragt, warum er ausgerechnet einen Arbeitsplatz wählt, dessen Ende bereits absehbar war – heute kommt die Frage schon häufiger. "Was soll ich sagen? Das war einfach interessant für mich", sagt der 24-Jährige. "Ich bin sehr froh, dass ich hier arbeiten durfte und das alles miterlebt habe." Die Wehmut über das Ende des Steinkohlebergbaus hält sich bei ihm in Grenzen: "Gedanken mache ich mir gerade mehr über meine berufliche Zukunft." Die ersten Bewerbungen an Industrieunternehmen sind raus, und für die Dauer der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz gibt eine Auffanggesellschaft des Landes NRW Sicherheit.

In Bottrop schließt diesen Freitag das letzte deutsche Steinkohlebergwerk, unsere Reporterin ist vor Ort. Außerdem fragen wir den Bürgermeister von Elsdorf, wie der sozialverträgliche Ausstieg aus der Braunkohle aussehen könnte.

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300 Monate Arbeit unter Tage für die Bergmannsrente

Für den Großteil der Kumpel allerdings geht mit dem letzten Arbeitstag auf Prosper-Haniel auch das Berufsleben zu Ende. So wie für Holger Stellmacher. Zum 1. Januar 2019 beginnt für ihn der Vorruhestand: fünf Jahre Anpassungsgeld und mit 55 dann in die Bergmannsrente. 300 Monate Arbeit unter Tage sind dafür Voraussetzung. Eine frühe Rente, hart erarbeitet.

Und dann? In der Bergmannssiedlung mit Arbeitskollegen und Freunden in Erinnerungen aus Bergmannszeiten schwelgen? "Freunde gibt es aus meinem Arbeitsleben so einige. Wenn man unter Tage arbeitet, muss man sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Das schweißt zusammen", so Stellmacher. Nur das Idyll der Bergmannssiedlung, in der alle nach dem gemeinsamen Arbeitstag auch im Privaten zusammenhalten, entspreche schon lange nicht mehr der Realität. "Hier in Bottrop sind in der Vergangenheit Bergleute aus dem ganzen Ruhrgebiet zusammengekommen. Ich wohne in Hamm, andere in Essen, Bochum oder Dortmund." Jetzt fahren sie heim. Schicht im Schacht.

Mit Prosper-Haniel macht die letzte deutsche Steinkohlenzeche dicht. Die letzten Augenblicke, wie die Kumpels Abschied nehmen, im Video:

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