Sie sind hier:

Schleswig-Holstein - Erstklassig auf den zweiten Blick

Datum:

Holstein Kiel greift nach dem Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Unser Reporter Henner Hebestreit erklärt, wo Schleswig-Holstein schon lange erstklassig ist.

Leuchtturm Westerheversand in Westerhever (Schleswig-Holstein)
Leuchtturm Westerheversand in Westerhever (Schleswig-Holstein)
Quelle: dpa

Im Fußball klopft Schleswig-Holstein erstmals an die Tür zur Bundesliga – in vielen anderen Bereichen ist Deutschlands echter Norden, wie sich das Land zwischen den Meeren selbst nennt, schon lange erstklassig: Im Handball eine Supermacht, im Segeln olympisch und selbst das Wetter lässt in diesem Mai keine Wünsche offen. Wenn also die Fußballer aus Wolfsburg heute nach Schleswig-Holstein kommen, fahren sie durch ein Land, das sich von seiner erstklassigen Seite zeigt: Bis zum Horizont gelbe Rapsfelder unter knallblauem Himmel, an dem Schäfchenwolken weiße Akzente setzen.

Die Kicker aus der Autostadt dürften reichlich Zeit haben, diese erstklassige Landschaft zu genießen: Egal welche Straße sie Richtung Kiel nehmen – überall werden sie Zeuge reger Bautätigkeit, die den Verkehr ausbremst, um dem Reisenden den Blick auf die Landschaft zu ermöglichen.

Bagger im Hochbetrieb - Daten in Schleichfahrt

Gerade in den raren Monaten sommerlichen Wetters stellen vor allem Schleswig-Holsteins Straßenbauer erstklassigen Fleiß unter Beweis: Reisende aus den südlichen Teilen der Republik (von Schleswig-Holstein aus gesehen also fast alle) dürften beeindruckt sein, mit welchem Eifer Bagger und Walzen auf eine jahrzehntelang vergessene Infrastruktur losgelassen werden. Zwar sieht der ausgebremste Autofahrer oft mehr Maschinen als sie bedienendes Personal - aber der gute Wille ist da: Eines Tages sollen Urlauber ihre Ziele erreichen, ohne ihre Ferienbekanntschaften schon unterwegs im Stau kennenzulernen.

Daniel Günther, seit einem Jahr Ministerpräsident in Kiel, mag sowas meinen, wenn er sagt: "Schleswig-Holstein ist in vielen Bereichen schon erstklassig, der weitere Ausbau der Infrastruktur ist aber unser ehrgeiziges Ziel." Vielleicht bezieht er sich auch auf das digitale Netz, das man sich hier oben tatsächlich wie ein Fischfanggerät vorstellen muss: Zwischen vielen Knoten und Schnüren lauter Löcher, in denen Mobiltelefone stumme Accessoires und Daten in Schleichfahrt auf dünnen Leitungen unterwegs sind.

Einsame Spitze bei Glück und Zufriedenheit

Was Menschen in anderen Teilen der Republik auf die Palme bringt, wird hier oben geduldig ertragen. Wie sonst lässt sich erklären, dass Schleswig-Holstein nicht nur erstklassig sondern sogar einsame Spitze ist, wenn nach Zufriedenheit und Glück gefragt wird. Neigen die Nordlichter in den dunklen Monaten des Jahres zu melancholischer Verstimmung, ist das Trübsal wie weggeblasen, sobald auf den Feldern matschiges Graubraun frischem Grün und knalligem Gelb weicht und auf Nord- und Ostsee wieder weiße Segel flattern.

"Hier oben haben wir Weitblick und großen Durchblick, ein Kilo Watt sind bei uns zwei Pfund Schlick", fasst Hallig Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras das Selbstverständnis der Menschen in Schleswig-Holsteins Wattenmeer zusammen: Nirgendwo in Deutschland gibt es eine vergleichbare Anzahl dieser Sandhaufen mitten im Meer, von denen die meisten auch noch bewohnt sind. Die Halligleute leisten erstklassiges: Zeigt sich die Nordsee von ihrer ungemütlichsten Seite, kriegen sie es als Erste ab. Sturmumtost halten sie dann auf ihren Warften aus, manchmal tagelang vom Festland abgeschnitten, im Notfall sich selbst überlassen. Ein Pilotprojekt aus dem Bereich der Telemedizin soll jetzt ihre Versorgung bei jeder Wetterlage ermöglichen: Ärzte am Festland leiten die Halligsanitäter per Video-Chat an, was zu tun ist, wenn Not am Mann an ist und niemand zur Hilfe kommen kann.

Bote der Startbootklasse bei der Kieler Woche
Boote der Starboot-Klasse fahren am 22.06.2015 bei einer Regatta im Rahmen der Kieler Woche auf der Ostsee.
Quelle: dpa

Überhaupt, in den Bereichen Medizin und Forschung nimmt Schleswig-Holstein einen Spitzenplatz ein, findet auch Boris Pawlowski von der Christian-Albrechts Universität zu Kiel: "Erstklassig sind bei uns nicht nur die Beine der Kicker von Holstein Kiel, sondern auch die Köpfe an der CAU. Im Fußball vielleicht schon bald Bundesliga, in der Wissenschaft Exzellenzliga." Damit bezieht er sich zum Beispiel auf die Entwicklung eines neuartigen Silizium-Akkus, der die zehnfache Energiedichte herkömmlicher Litium-Ionen-Akkus haben und sich viel schneller aufladen lassen soll.

Jamaika in Kiel

Überhaupt nicht erstklassig finden viele Menschen auf dem Land das Gerede vom Frau suchenden Bauern. Die LandFrauen in Schleswig-Holstein zählen 33 Tausend Mitglieder und sind die größte Interessensvertretung und auch Anbieterin von Bildungsveranstaltungen für Frauen. "Das Angebot von mehr als 4.000 Vorträgen und Veranstaltungen im Jahr lässt die Frauen nicht im Regen stehen", sagt die Vizepräsidentin vom LandFrauenverband Claudia Jürgensen und findet das natürlich erstklassig.

"Im echten Norden war die Politik in den letzten Jahren nie langweilig und sorgte von Typen und Themen her immer wieder für politischen Unterhaltungswert und bundesweite Schlagzeilen. Und wenn die Regierung doch mal etwas schwächelt, wie jetzt bei Jamaika, ist wenigstens die Opposition erstklassig", findet jedenfalls Nord-SPD-Frontmann Ralf Stegner und zeigt damit, dass Politiker im Norden auch dann noch eine breite Brust haben, wenn die eigenen Wahlergebnisse gerade sehr viel Luft nach oben haben. Er und das liberale Urgestein Wolfgang Kubicki befeuern aus dem Norden schon lange die Bundespolitik. Jetzt steht mit dem Grünen Robert Habeck ein Flensburger an der Spitze der Bundes-Grünen und der Christdemokrat Daniel Günther zeigt, dass CDU, FDP und Grüne in einer Jamaika-Koalition durchaus stabil regieren können.

Störche oder Wölfe?

"Kiel ist erstklassig, auch durch seine Lage am Wasser, vor allem zur Kieler Woche," versichert Heiner Garg, der die FDP im Norden führt. Schon lange vor der Kieler Woche liegen die großen Traumschiffe oft so dicht gepackt am Kai, dass ortsfremde Autofahrer immer wieder verzweifelt fragen, wo denn bloß der Hafen ist: Man fahre durch Hochhausschluchten und finde die Förde nicht. Wenn heute Abend die hochhaushohen Kreuzfahrtriesen Leinen los machen und majestätisch dampfend Richtung Ostsee ziehen, ist der Blick auf die Kieler Förde wieder frei.

Wenn es soweit ist, werden die Kieler längst im kleinen Holstein-Stadion sitzen oder in einer der umliegenden Kneipen und ihre "Störche" anfeuern, damit sie in der kommenden Saison nicht gegen den zweitklassigen HSV antreten müssen. "Denn jetzt wollen wir in die erste Liga – Holstein und die Störche, von denen es übrigens in Schleswig-Holstein weit mehr gibt als in Hamburg," freut sich der grüne Umweltminister Robert Habeck. Noch versperren aber die Wölfe aus der Autostadt den Kieler Weg in die Erstklassigkeit.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.