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Schon wieder Montag ... - "Berufsausbildung muss praxisnäher werden"

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Mit der 2013 beschlossenen EU-Jugendgarantie sollte jeder Arbeitslose unter 25 Jahren spätestens nach vier Monaten einen Job, eine Ausbildung oder ein Praktikum bekommen. Dieses Ziel ist nicht erreicht worden. DIW-Experte Karl Brenke erklärt, warum.

Massimiliano hat es geschafft: er betreibt seine eigene Bäckerei im Süden von Rom. Ein Beispiel, das anderen jungen Leuten Hoffnung geben kann, denn die Arbeitslosigkeit in Italien ist extrem hoch.

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heute.de: Worin besteht der größte Fehler der EU-Jugendgarantie?

Karl Brenke: Man hat bei den Jugendlichen völlig überzogene Erwartungen geweckt, die man nicht einlösen konnte. Jugendarbeitslosigkeit ist kein isoliertes Phänomen, sondern eng an die Entwicklung der Gesamtarbeitslosigkeit gekoppelt. Man kann nicht erwarten, dass man mit der Ankündigung bestimmter Maßnahmen die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb kurzer Zeit von damals zum Teil über 20 Prozent auf null herunterbringt.

Die Hälfte der arbeitslosen Jugendlichen hat heute noch immer sechs Monate und länger keinen Job, in der gesamten EU ist die Quote bei der Jugendarbeitslosigkeit immer noch zweieinhalb Mal so hoch wie bei den Erwachsenen. Und wenn man als Jugendlicher länger arbeitslos ist, hat man das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und wird unmotiviert.

heute.de: Gibt es noch einen Weg, das Vorhaben zum Erfolg zu führen?

Brenke: Es gibt keine arbeitsmarktpolitischen Konzepte, die nicht schon ausprobiert wären - der Erfolg war nie durchschlagend. Die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit gelingt nur, wenn wir eine wirtschaftliche Entwicklung haben, bei der auch die Beschäftigung kräftig wächst.

Wir haben in den vergangenen Jahren in der EU durchaus sehen können, dass sich nach der Krise vieles zum Besseren gewendet hat. Wir haben einen Abbau der Arbeitslosigkeit um insgesamt etwa 20 Prozent erlebt, bei den Jugendlichen sogar um 29 Prozent. Bei den Jugendlichen hat aber nicht die Beschäftigung besonders stark zugenommen, sondern sie bleiben oft nur länger im Bildungssystem. Da muss man aufpassen, keine Maßnahmen zu installieren, die möglicherweise kontraproduktiv sind, weil sie den Jugendlichen nur das Gefühl geben, dass sie untergebracht sind, aber nicht gebraucht werden.

heute.de: Was müsste die Politik tun?

Brenke: In vielen europäischen Ländern muss die Berufsausbildung praxisnäher werden. Man muss ein System installieren, wie wir es in Deutschland und Österreich mit der dualen Berufsausbildung haben, wo Ausbildung und betriebliche Praxis miteinander gekoppelt sind. Aber das dauert lange, man muss die Institutionen und Kammern schaffen, man braucht Ausbilder und Ausbildungspläne. Spanien ist den Weg jetzt ansatzweise gegangen, aber bis das Breitenwirkung zeigt, dauert es.

heute.de: Was müsste man noch angehen?

Brenke: Man müsste Jugendliche bei der Berufswahlentscheidung stärker darauf hinweisen, dass es eine große Zahl von interessanten Berufen gibt, die Zukunftschancen versprechen. Viele Jugendliche gehen in Modeberufe, obwohl die Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten da mitunter nicht besonders günstig sind. Oder es wird geschlechterstereotyp entschieden: Junge Frauen werden Frisörin, junge Männern Kfz-Mechaniker. Die Berufswahl ist nicht sehr breit gestreut, die Mehrheit der Jugendlichen konzentriert sich noch immer auf 20 Ausbildungsberufe.

heute.de: Wenn junge Menschen nicht oder erst spät in die Rentenkassen einzahlen - was kommt da langfristig auf Deutschland oder Europa zu?

Brenke: Ich will das mal nicht allzu schwarz malen. Nicht jeder Jugendliche, der jetzt arbeitslos ist, wird ewig arbeitslos bleiben. Letztendlich bekommen viele über kurz oder lang doch einen Job. Das Problem mag sein, dass nicht jeder in seinem Ausbildungsberuf Arbeit findet. Es wäre aber ein bisschen zu viel, jetzt schon von einer verlorenen Generation zu sprechen.

heute.de: Muss man Jugendarbeitslosigkeit auf EU-Ebene bekämpfen oder doch national?

Brenke: Man sollte es auf jeden Fall als europäisches Gesamtproblem ansehen. Ich vermisse eine Diskussion darüber, wie man EU-weit zu einer praxisnäheren Gestaltung der Ausbildung kommen kann - und was das eine Land vom anderen lernen kann. In vielen osteuropäischen Ländern verläuft die Ausbildung zum Beispiel oft allein schulisch.


Das Interview führte Nadine Emmerich.

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