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Schon wieder Montag ... - "Gute Führung ist wichtiger als ein Rückenkurs"

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Im Schnitt war 2016 jeder Beschäftigte in Deutschland 14,8 Tage krankgeschrieben, der Krankenstand lag bei etwa vier Prozent. Das heißt aber auch: 96 Prozent kommen jeden Tag zur Arbeit. Arbeitgeber sollten sich auch mehr um die Gesunden kümmern, fordert Gudrun Ahlers von der Techniker Krankenkasse.

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heute.de: Frau Ahlers, was ist verkehrt daran, Mitarbeitern, die im Laufe eines Jahres nicht krank werden, eine Prämie zu zahlen?

Gudrun Ahlers: Solche Prämien wirken eher auf ein krankes Betriebsklima als auf den Krankenstand. Bei langwierigen Krankschreibungen können Sie damit gar nichts bewirken, benachteiligen aber ältere und chronisch kranke Beschäftigte. Bei kurzfristigen Krankschreibungen erreichen Sie auch nicht viel, weil diese nur etwa sechs Prozent der Gesamtfehlzeiten ausmachen. Stattdessen fördern Sie mit solchen Prämien den Präsentismus. Das heißt: Beschäftigte kommen trotz Krankheit zur Arbeit und stecken Kolleginnen und Kollegen an. Sie sind weniger produktiv, die Qualität leidet, das Risiko für Fehler und Unfälle steigt. Es ist also eine Milchmädchenrechnung.

heute.de: Was können Betriebe tun, damit die Beschäftigten gar nicht erst krank werden?

Ahlers: Wir verbringen etwa ein Drittel unseres Tages bei der Arbeit. Von daher beeinflussen die Bedingungen, denen wir dort ausgesetzt sind, natürlich unsere Gesundheit. Und genauso wie ständiger Stress, Lärm oder Hitze krank machen können, kann sich ein gutes Arbeitsumfeld positiv auf die Gesundheit auswirken. Es kann die vorhandenen Ressourcen stärken, das Engagement erhalten und eine innere Kündigung verhindern. Gesunde Führung spielt dabei eine große Rolle. Wichtig ist, dass Chefs ihren Beschäftigten den Rücken stärken, indem sie ihnen den Rücken freihalten. Viele schicken sie aber stattdessen zum Rückenkurs. Das tut gut, ändert aber nichts an den Ursachen.

heute.de: Was macht ein gesundes, motivierendes Arbeitsumfeld aus?

Ahlers: Leistungsfähigkeit und Motivation müssen von den Beschäftigten selbst kommen, sie können nicht von oben verordnet werden. Aber die Unternehmen können viel dafür tun. Je besser Führungskräfte kommunizieren und Mitarbeiter einbeziehen, desto motivierter sind diese. Die Arbeitspsychologie hat herausgefunden, dass die Motivation von Menschen deutlich steigt, wenn sie verstehen, warum sie etwas tun und worin der Sinn ihrer Aufgabe besteht. Auch der Handlungsspielraum wirkt sich positiv aus. Beschäftigte, die Vertrauen genießen und ihre Aufgabe in einem gewissen Rahmen eigenständig erfüllen können, sind motivierter und leistungsbereiter - und damit auch gesünder.

heute.de: Gesundheit im Betrieb ist also Chefsache?

Ahlers: Sie ist auf jeden Fall eine Frage der Unternehmenskultur, deshalb sollte sie auch immer Aufgabe des Managements sein. Hier geht es nicht nur um die Gestaltung von Arbeitsinhalten, sondern auch um Themen wie Vereinbarkeit von Privatem und Beruf, Kollegialität und Wertschätzung. Wenn Kollegen krank sind, arbeiten andere manchmal für zwei. Führungskräfte sollten das anerkennen und nicht als selbstverständlich nehmen. Und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verstehen geben, dass sie auch deren private Bedürfnisse respektieren. Nur so lässt sich verhindern, dass Beschäftigte, die sich nicht anerkannt fühlen, innerlich kündigen. Und nur so sorgen Führungskräfte dafür, dass Gesunde nicht so lange und so viel arbeiten, bis sie auch krank sind.

heute.de: Wie ist der aktuelle Stand in den Unternehmen?

Ahlers: Gut ein Viertel der Unternehmen hat bereits ein ganzheitliches Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und kümmert sich darum, Strukturen und Prozesse gesund zu gestalten. Etwa 37 Prozent bieten einzelne Maßnahmen an und sind dabei, ein BGM aufzubauen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass in fast vier von zehn Betrieben nichts oder fast nichts passiert. Wir haben also noch Luft nach oben.

Das Interview führte Kerstin Deppe.

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