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Schrottrennen über den Balkan - "Es geht ums Ankommen"

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Es ist Kult: das allsommerliche Rennen um die Schlaglöcher des Balkans herum. Es geht nicht um Schnelligkeit, es geht darum, überhaupt anzukommen und den Balkan zu bewältigen.

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den Haufen aufgepimpten Schrott sieht, der an der Startlinie in Graz steht: über 100 Autos in Rallyemontur, doch die Motoren röcheln mehr, als dass sie aufheulen. Um hier teilzunehmen, gibt es ganz besondere Bedingungen: Mindesten 20 Jahre muss ein Auto alt sein, nicht mehr als 500 Euro teuer und am Steuer ein Fahrer, der meist von sich selbst sagt: ein bisschen verrückt muss man schon sein.

Ein Fahrer des Schrottrennens sitzt im Zieleinlauf auf seinem Autodach.
Martin Lehmeier und seine Freunde fahren in drei baugleichen BMW quer über den Balkan.

So wie Martin Lehmeier und seine fünf Freunde aus Rinteln, die in drei baugleichen BMW beim Pothole-Rodeo starten, der Schlagloch-Rallye quer über den Balkan. "Autofahren, Abenteuer, und ein bisschen Gutes tun", nennt der muskelbepackte Industriemechaniker als seine Beweggründe – Gutes tun, weil sie vor, während und nach der Tour per Facebook Spenden sammeln für die Krebshilfe. Aber zugegeben: Autofahren steht an erster Stelle.

Es geht ums Ankommen

Die Fähre von Butrint sorgt für kurze Entschleunigung während des Schrottrennens.
Die Fähre von Butrint sorgt für kurze Entschleunigung während des Schrottrennens.

Pothole-Rodeo führt durch maximal elf Länder. 4.000 Kilometer absolvieren sie in zehn Tagen – mindestens. Die Fahrer suchen "besondere Straßen" – Abkürzungen durch Flussfurten oder über brüchige Holzbrücken, Schotterpisten über einen alten Pass, Schlagloch-Straßen abseits der Hauptroute. 

Es geht nicht darum, schnell zu sein - es geht ums Ankommen. "Es geht natürlich auch um Nervenkitzel", sagt Martin. "Pingelig sollte man auch nicht sein. Wenn das Auto aufsetzt, sagen wir 'Ups!', lachen und fahren weiter."

Martin Lehmeier kniet vor seinem „Auslaufmodell“-Auto.

Österreich, Ungarn, Rumänien absolvieren sie mit einem kleineren Getriebeschaden und nassen Füßen. Nach der Fahrt durch die Flussfurt sei klar, der BMW sei ein "Auslaufmodell". Der Bedarf an neuen Reifen führt sie nach schwindelerregenden Serpentinen im Balkangebirge in die Garage "Europa". Dort wird Chef Tichomir angesichts der Rallye-BMW neugierig. "Was für eine Tour machen Sie? Über den Balkan?!?" Er nickt, blickt auf die BMW und sagt dann: "With this car, no problem!"

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No problem auch die Reparatur – zu deutschen Preisen: 75 Euro für den Reifen. Er hat seine Kundschaft schnell taxiert. Abzocke? "Ne", sagen die Jungs. Ein "Fremdenaufschlag" kann dir auch in Deutschland passieren. Und in der Whatsapp-Gruppe der Rallye lesen sie auch mehr Geschichten über hilfsbereite Einheimische, wie die vom Luxemburger Team "Letz Fetz": Samstagnacht wird die Werkstatt extra aufgesperrt, und dann liegt das originalverpackte Ersatzteil für den bejahrten VW Scirocco im Schrank – 40 Euro dafür und nichts für die Arbeit - Balkan at its best!

Auf den Autos steht: "Fridays for Fuckers"

Wir sind doch nur ein Tropfen auf dem heissen Stein, wenn du mal überlegst, was so an Kreuzfahrtschiffen rumfährt.
Martin Lehmeier

Serpentinen in Richtung Griechenland, Schlagloch-Slalom durch Albanien – der Benzin-Verbrauch schnellt in die Höhe. "Fridays for Fuckers" klebt an ihren Autos, ein wenig trotzig wirkt das. Martin meint, es gibt Schlimmeres, als mit einem alten Auto über den Balkan zu fahren: "Wir geben hier Geld aus, für Benzin und anderes, von uns haben die Einheimischen was, und wir sehen und erleben was. Wir sind doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn du mal überlegst, was so an Kreuzfahrtschiffen rumfährt."

Die Fahrer spenden Spielzeug, Klamotten und Geld an Schwester Gratias Kindertagesstätte in Fushë-Arrëz.
Die Fahrer spenden Spielzeug, Klamotten und Geld an Schwester Gratias Kindertagesstätte in Fushë-Arrëz.

Fast jeden Morgen um 7:45 Uhr müssen alle Teams am Checkpoint sein, hier werden Routen diskutiert, Teams gebildet und Challenges ausgegeben. Punkte für den Rodeo-Sieg sammelt man so: Mal muss man ein Pferd finden, das den Wagen zieht, mal eine Hochzeitgesellschaft für ein Foto mit Auto und Team. Heute, in Albanien, ist alles ein bisschen anders: denn heute gibt es keine Punkte für die Challenge, denn, so sagt es der Veranstalter, Wohltätigkeit sollte es ohne Belohnung geben. Heute ist die Challenge ein Besuch in Fushë-Arrëz, bei Schwester Gratias in der Kindertagesstätte.

Gutes tun während des Rennens

Mehrer Autos stehen nebeneinander am Strand.
Checkpoint Schwarzes Meer - die Fahrer sind auf alles vorbereitet.

Martin und die Rintelner haben dafür vorgesorgt: Spielzeug und Klamotten haben sie dabei, wie die meisten, hier in Fushe schnallen andere Bobbycars vom Dach, oder riesige rosa Plastikflamingos, in einer Ecke des Heims stapeln sich Bücher, Spiele, Schuhe, Jacken. Schwester Gratias ist begeistert: "Ich hätte das nie gedacht, dass die Fahrer sich so engagieren" schwäbelt sie kaum verständlich, "einer hat sogar einen Scheck abgegeben über 1.600 Euro. Was können wir hier damit alles machen, das können Sie sich gar nicht vorstellen."

Martin, Jens und die anderen sind bewegt, als die Kinder ihnen sogar ein Lied auf Deutsch singen. Der Dank berührt sie sehr. "Es kommt auf jeden Fall bei den Richtigen an", meint Jens. "Wir finden es natürlich auch super, dass der Veranstalter darauf aufmerksam macht. Sonst wären vielleicht aus Unwissenheit dran vorbeigefahren. So konnten wir Sachen mitbringen und was Gutes tun." Gutes tun gibt ein gutes Gefühl. Auch das gehört zur Balkan-Erfahrung.

Sendehinweis auslandsjournal

Am Ende fühlt sich jeder wie ein Gewinner

An der berühmten Brücke von Mostar treffen die Jungs aus Rinteln einen der Brückenspringer.
An der berühmten Brücke von Mostar treffen die Jungs aus Rinteln einen der Brückenspringer.

Die Schönheiten des Balkans rauschen nur so an uns vorbei: die Bucht von Kotor in Montenegro, die Passstraße nach Bosnien. Am letzten Checkpoint Mostar sind sie die letzten, Mann und Material merken es langsam. Die berühmte Brücke mit ihren Springern nehmen sie noch mit: "Das kann ich auch!" meint Ansgar, der jüngste unter ihnen, als er den Bosnier 23 Meter tief in den Fluss springen sieht. Vanesa Delic, die Ehefrau des Springers, erklärt ihm, dass sie gerade gestern wieder einen mit gebrochenem Bein aus dem Fluss gefischt haben. "Better enjoy your holiday", empfiehlt sie. Ansgar meint das dann auch – er muss ja noch Gas geben.

Küste von Dhermi
Die schwersten Straßen liefern oft die schönsten Ausblicke.

Als sie nach einem Sprung ins Mittelmeer am frühen Abend die Ziellinie in Zadar passieren, haben sie über 6.000 Kilometer mehr auf der Uhr. Erschöpft, müde, glücklich, und voller Geschichten und Eindrücke sind sie. "Jetzt ist die Festplatte erst mal voll", meint einer und widmet sich dem Bierausschank. Am Ende haben Flo und Bettina aus Österreich die Rallye gewonnen, die meisten Punkte bei Challenges gesammelt und jubeln nun über einen rostigen Stern. Auch Martin und seine Freunde klatschen, eigentlich für alle. Denn jeder hat so seine Challenges gehabt, und jeder fühlt sich am Ende dieser Rallye wie ein Gewinner.

Die Autorin ist Leiterin des ZDF-Studios in Wien.

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