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Schüler-Demos für Klimaschutz - "Wir fangen gerade erst an"

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Drinnen sitzen sie warm und verhandeln, wann Deutschland aus der Kohle aussteigt. Und wie teuer das wird. Draußen stehen Tausende Schüler und sind laut. Es geht um ihre Zukunft.

Woche für Woche inspiriert die schwedische Schülerin und Klimaaktivistin Greta Thunberg andere junge Menschen, sich für mehr Klimaschutz einzusetzen. Auch in Deutschland gehen immer mehr Schülerinnen und Schüler auf die Straßen.

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1.000 Demonstranten hatte Luisa Neubauer angemeldet. Auf 2.000 hat sie gehofft, am Ende sind es vier- bis fünfmal so viele. In nur wenigen Wochen hat die 22-jährige Studentin in Berlin eine Demonstration von Schülern in der Fridays-for-Future-Bewegung organisiert, die seit der Klimakonferenz von Kattowitz und auf Initiative der Schwedin Greta Thunberg Freitag für Freitag durch Europa zieht. Das Ziel: die Einhaltung der Klimaschutzziele und des Pariser Abkommens. Und für Deutschland: das Abschalten aller Kohlekraftwerke, spätestens bis zum Jahr 2030. Auch in München gehen heute 3.500 Schüler auf die Straße.

"Unsere Enkel wollen Schlitten fahren"

Während im Berlin im Bundeswirtschaftsministerium die Mitglieder der Kohlekommission über die Modalitäten und Kosten des Kohleausstiegs verhandeln, machen die Jugendlichen draußen klar, wie sie die Sache sehen. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandieren sie. Viele haben Plakate gemalt. "Dein Heute ist mein Morgen", steht dort. "Im Westen wie im Osten, ihr lebt auf unsere Kosten." Oder: "Unsere Enkel wollen Schlitten fahren" und "Euch gehen die Ausreden aus – uns die Zeit."

Schülerdemo für Kohleausstieg, aufgenommen am 25.01.2019 in Berlin
Schülerdemo für Kohleausstieg
Quelle: ZDF

Manche sind etwas böse: "Während wir hier verkohlen, werdet ihr euch in euren Gräbern erholen." Oder humorvoll mit Blick auf den Berliner Flughafen, der seit Jahren nicht in Betrieb geht: "Bis Deutschland aus der Kohle aussteigt, ist der BER fertig."

Die Schüler sind aus Berlin, aber auch mit Bussen und Zügen aus Kiel, Hannover, Lüneburg, Bremen oder aus Trier angereist. Manche haben von ihrer Schule frei, manche ein Entschuldigungsschreiben von ihren Eltern bekommen. Einigen wurde die Teilnahme von der Schulleitung untersagt, und vom Klassenlehrer dann doch genehmigt. Und manche riskieren Fehlstunden auf dem Zeugnis.

Schülerdemo für Kohleausstieg, aufgenommen am 25.01.2019 in Berlin
Schülerdemo für Kohleausstieg
Quelle: ZDF

"Wenn man sich politisch engagiert und Position bezieht, hat das nichts mit Schwänzen zu tun", findet Ben Schneider aus Berlin. Und Sofia Lehmann, ebenfalls aus Berlin, sagt: "Mir ist wichtig, dass ich hier bin. Für manche Sachen kann man schon mal unentschuldigt fehlen."

"Mit unserer Zukunft Geld verdienen"

Schülerdemo für Kohleausstieg, aufgenommen am 25.01.2019 in Berlin
Svenja Koch (links) und Sofia Lehmann.
Quelle: ZDF

Denn was da drinnen im Wirtschaftsministerium verhandelt wird, "ist unsere Zukunft", sagt Sofia Lehmann. Die Kohlekraftwerke seien "die letzte Möglichkeit, unseren Planeten zu retten". Der Ausstieg aus der Kohle, sagt auch Svenja Koch (18), sei "extrem wichtig", um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Aber: Genauso wichtig sei es, dass "es nicht so viele Verlierer" gibt. Es dürften keine Arbeitsplätze verloren gehen. "Man muss beide Seiten sehen." Sie hat Flyer in ihrer Schule verteilt. 20 bis 30 aus ihrem Jahrgang seien gekommen, viele engagierten sich zum ersten Mal. "Das ist schon super."

Kaya und Hannah sind aus Trier angereist. "Wir sind hier, weil mit die Politiker unsere Zukunft kaputt machen und mit unserer Zukunft Geld verdient wird", sagt Hannah. Beide engagieren sich in der Jugendorganisation von Greenpeace. "Es wird wirklich Zeit, dass wir an unsere Zukunft denken, auch die jungen Leute." Und der Politik wolle man auch zeigen, dass sie gegen den Klimawandel etwas machen wolle, sagt Ulrika, 16 Jahre alt, aus Kiel. Ob das auf die Politik Eindruck mache? "Das glaube ich schon", sagt sie und schiebt ein "doch, bestimmt!" hinterher.

Wirtschaftsminister Altmaier empfängt Delegation

Ganz unbeachtet dürfte die Demonstration tatsächlich nicht geblieben sein. Zum Auftakt der Verhandlungen an diesem Freitag bekamen die Mitglieder einen Offenen Brief der Jugendlichen, der neben den vielen deutschen Friday-for-Future-Ortsgruppen auch andere politische Jugendorganisationen unterstützen: "Wir jungen Menschen wissen, dass wir längst keine Zeit mehr für politisches Hinhalten haben und dass jetzt die letzte Möglichkeit ist, den vollständigen Klimakollaps und den damit einhergehenden fortschreitenden Artenverlust noch zu verhindern", appellierten sie an die Kohlekommission. Und sie gaben ihnen eine kleine Warnung mit auf den Weg: "Die Geschichte wird Sie beurteilen. Und wir werden Ihre Zeug*innen sein."

Gegen Mittag durfte Organisatorin Luisa Neubauer mit einer kleinen Delegation dann der Kommission direkt ihr Anliegen vortragen, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) empfing sie. "Ich bin irritiert, wie wenig Vorstellungskraft sie alle haben, dass man schnell aus der Kohle aussteigen kann", sagt Neubauer hinterher. Altmaier habe vor allem von dem Weltwirtschaftstreffen in Davos, von dem er gerade komme, gesprochen und wie man Deutschland dort für seine Wirtschaftskraft bewundere. "Ein schlechter Witz", sagt Neubauer. Also ob man diese nicht gerade für den Klimaschutz einsetzen müsse.

Kühnert: "Thema Klimaschutz verpennt"

Aber es gibt auch nachdenkliche Stimmen. Kevin Kühnert, Chef der SPD-Jugendorganisation Jusos, ist ebenfalls zur Demo gekommen. "Wir haben das Thema Klimaschutz verpennt", sagt er für seine Partei. Den jungen Leuten macht er Mut: "Gebt nicht auf, bis ihr gehört werdet." Kühnert appellierte an alle Parteien, die Gesellschaft nicht gegeneinander auszuspielen und mit Angstszenarien vor Arbeitslosigkeit zu verunsichern: "Wenn Politik und Wirtschaft bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen und den Menschen eine Perspektive zu geben, können wir schnell aus der Kohle aussteigen."

Politbarometer - Grafik vom 25.01.2019
Der Rückhalt ist groß: Wenn Schüler für den Klimaschutz schwänzen, findet eine Mehrheit der Deutschen das gut. Das zeigt das aktuelle Politbarometer.
Quelle: ZDF

Kritik an der Demonstration gibt es aber auch. Marco Tullner, Bildungsminister in Sachsen-Anhalt, ist dagegen, das Schulschwänzen zu tolerieren: "Heute ist es der Klimaschutz, morgen die Angst vor dem Wolf, übermorgen der Weltfrieden - wir werden immer Anlässe finden, wo man sich politisch artikuliert", kritisiert er im MDR.

Egal, was im Detail im Abschlussbericht der Kohlekommission stehen wird: Die Jugendlichen wollen so schnell nicht aufgeben. Auch nach diesem Freitag wollen sie weiter auf die Straße gehen. "Wir sind bereit, für unsere Zukunft zu kämpfen", sagt Neubauer zu den Demonstranten unter viel Applaus. Und zu denen, die da verhandeln: "Zieht euch warm an. Wir fangen gerade erst an."

Die ZDF-Sendung aspekte hat einen der Schüler begleitet: Linus Steinmetz unterstützt die Bewegung in Deutschland.

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