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Schülerprotest gegen Waffenlobby - "Es muss sich endlich etwas ändern"

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Das Schulmassaker in Florida, bei dem Menschen starben, hat in den USA eine Welle des Widerstands gegen die Waffenlobby ausgelöst. Jetzt gehen landesweit Schüler auf die Straße.

In Washington demonstrieren Hunderttausende Menschen beim "Marsch für unser Leben" für schärfere Waffengesetze. ZDF-Korrespondent Ulf Röller berichtet vor Ort.

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Archiv: Schüler sitzen während einer Demonstration gegen Waffengewalt schweigend vor dem Weißen Haus
Schüler sitzen während einer Demonstration gegen Waffengewalt schweigend vor dem Weißen Haus in Washington, USA (Archivbild). Quelle: dpa

"Schützt Kinder, nicht Waffen", "Hey, NRA, wieviele Kinder hast du heute umgebracht", "Angst hat keinen Platz in unseren Schulen" - Simon und Francis wissen noch nicht, was auf ihrem Plakat stehen soll. Aber dass sie beim Protestmarsch vor dem Weißen Haus dabei sein werden, steht fest.

Die dreizehnjährigen Zwillinge wohnen ein paar Kilometer ausserhalb der Hauptstadt Washington, in Takoma Park, Maryland. Angst vor einer Schießerei in ihrer Schule haben sie nicht. "Obwohl du nie sicher sein kannst, dass deine Schule die nächste ist", gibt Francis zu. "Seit dem Schulmassaker in Florida muss mein Freund seiner Mutter jeden Tag eine SMS schreiben, wenn er in der Schule angekommen ist und wenn er auf dem Heimweg ist", sagt Simon.

Schweigeminute für die 17 Opfer von Florida

Vergangene Woche haben die beiden gemeinsam mit anderen Schülern in Washington protestiert. "Wir sind mit der Bahn in die Stadt gefahren, haben uns vor dem Weißen Haus versammelt und 17 Minuten lang schweigend an die Opfer gedacht, die an der Schule in Florida erschossen worden sind. Eine Minute für jeden Toten", erzählt Simon. "Danach sind wir zum Kapitol marschiert und haben für strengere Waffengesetze demonstriert."

Zur selben Zeit haben auch Aaron und Frida in New York eine Schweigeminute eingelegt. "Es war sehr bewegend, hunderte Kinder standen schweigend da, während die Namen der Opfer vorgelesen wurden. Ich hatte Tränen in den Augen", erzählt Frida. Die 17-Jährige ist Austauschschülerin aus Norwegen. Seit vergangenem Jahr besucht sie die Highschool in Scarsdale, einem Vorort von New York City. "Die Berichte von dem Massaker in Florida haben mich fix und fertig gemacht. Ich habe seitdem wirklich Angst, dass so etwas hier an meiner Schule auch passieren könnte."

Zumal kurz nach der Schießerei in Florida plötzlich eine wirre Drohung kursierte. "Geht morgen lieber nicht zur Schule", hatte ein ehemaliger Schüler über soziale Netzwerke verbreitet. "Am nächsten Tag patrouillierte Polizei durch die Schule. Sie haben uns zwar nicht durchsucht, aber es war schon komisch und irgendwie unheimlich", erzählt Aaron, der die 10. Klasse der High School in Scarsdale besucht. "Manche Kinder sind an dem Tag nicht zur Schule gegangen." Die Drohung erwies sich am Ende nur als makaberer Streich. Trotzdem herrscht bei vielen Schülern Angst und Unsicherheit.

Waffenschein in 15 Minuten - bei Walmart

Die Waffengesetze in New York gehören zu den strengsten in den USA. Aber in anderen Bundesstaaten können sich Jugendliche problemlos Waffen besorgen. "Ich war in den Winterferien, eine Woche nach der Schießerei in Florida, in South Carolina. Wir waren in einem Walmart zum Einkaufen. Ich hätte dort in fünfzehn Minuten einen Waffenschein machen und ein Gewehr kaufen können. Und ich bin erst 16", erzählt Aaron. "Das ist doch total verrückt."

Brigid besucht die zwölfte Klasse der Hopkinton High School in der Nähe von Boston. "Active shooter" und "lockdown" Übungen gehören für sie seit Jahren zur Routine. Überall in den USA lernen Kinder schon in der Grundschule, wie sie sich schützen können vor Amokläufern oder Scharfschützen. "Ich weiß allerdings nicht, ob solche Übungen uns wirklich auf den Ernstfall vorbereiten können", zweifelt Brigid.

Einen "Ernstfall" hat es a der Hopkinton High School vor ein paar Wochen gerade erst gegeben. "In einem Umkleideraum wurde eine Gewehrkugel gefunden. Wir wurden sofort alle nach Hause geschickt. Es wurde zwar niemand direkt bedroht, es gab keinen Schützen, aber plötzlich standen überall bewaffnete Polizisten eines Spezialkommandos. Die Atmosphäre war sehr angespannt."

Mathelehrerin mit Sturmgewehr?

Würde sie sich sicherer fühlen, wenn Lehrer künftig bewaffnet zum Unterricht kommen würden? "Ich würde mich noch viel unsicherer führen! Die Lösung kann doch nicht sein, meiner Mathelehrerin ein Sturmgewehr aufs Pult zu legen, so wie es unsere Regierung jetzt vorschlägt", sagt die 17-Jährige. Das Problem sei nicht, dass es zu wenige Waffen gebe, sondern zu viele. 

"Eine Woche nach dem Schulmassaker war ich in Naples, Florida. Meine Freundinnen und ich wollten uns Ohrlöcher stechen lassen. Wir saßen in dem Laden, als der Besitzer mit einer Tasche reinkam und daraus ein Sturmgewehr holte - nicht um auf uns zu schießen, sondern um damit anzugeben. Für ihn war es ‚einfach nur ein Gewehr‘, für mich war es eine Waffe, mit der gerade 17 Unschuldige erschossen worden waren."

Das Erlebnis habe ihr gezeigt, wie tief verankert der Waffenkult in Amerika tatsächlich sei, sagt Brigid. "Die Schülerproteste und Märsche sind wichtig und richtig, aber ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich wirklich etwas ändern wird. Ich glaube, wenn wir Schulschießereien künftig stoppen wollen, müssen wir endlich aufhören Waffen zu verharmlosen und zu idealisieren."

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