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Polnisch-deutsches Miteinander - "Ohne Grenzen in den Köpfen aufwachsen"

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Das deutsch-polnische Verhältnis ist politisch eher schwierig - im Alltag sieht es anders aus. In vielen Bereichen sei das Miteinander "super", sagt Schulleiter Müller aus Görlitz.

Archiv: Schilder weisen auf die Grenze Deutschland-Polen am Stadtpark in Görlitz hin
Grenzübergang von Deutschland nach Polen
Quelle: dpa

heute.de: Politisch gestaltet sich die deutsch-polnische Zusammenarbeit auf höchster Ebene derzeit schwierig. Sie gestalten in den Grenzstädten Görlitz und Zgorzelec seit 2007 eine grenzüberschreitende Kooperation, die an der Basis bei den Jüngsten ansetzt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? 

Ich denke, zwischen der großen Politik und unserer Arbeit in den Schulen hier vor Ort liegen Welten.

Matthias Müller: Ich denke, zwischen der großen Politik und unserer Arbeit in den Schulen hier vor Ort liegen Welten. Ich erlebe bei uns einen wirklich höflichen und behutsamen Umgang miteinander. Es gibt ein großes beidseitiges Interesse, Begegnungen zu schaffen. Wir bieten auch schon in der Vorschule einmal pro Woche Deutsch-Unterricht für polnische Kinder und Polnisch-Unterricht für deutsche Kinder an, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. Während regelmäßiger Begegnungstage und in gemeinsamen Projekten haben die Schulkinder dann die Möglichkeit, in Interaktion zu kommen und die Sprache gemeinsam auszuprobieren. Das läuft gut, aber es gibt auch noch viel Luft nach oben.

heute.de: Wie funktioniert dieses "gemeinsame Ausprobieren" der Sprachen denn konkret?

Müller: Wir hatten zuletzt zum Beispiel in den Kindertagesstätten ein Naturerlebnis-Projekt, wo die Vorschüler gemeinsam Gärten gepflegt haben und dann die polnischen und deutschen Begriffe für die verschiedenen Obst- und Gemüsesorten gelernt haben. Im Schulbetrieb haben wir die Begegnungstage, die von der Europäischen Union gefördert werden. Da hatten wir im letzten Schuljahr das Projekt "Der kleine Europäer", bei dem 90 polnische und deutsche Kinder gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine gestellt haben.

Wir haben aber auch in unserer DPFA-Regenbogen-Grundschule in Görlitz Kinder, deren Muttersprache Polnisch ist. In die Schule dürfen wir nämlich Kinder aufnehmen, die ihren Wohnsitz in Polen haben. In der Kita geht das leider nicht. Sie sehen: Es geht was, aber es könnte auch noch mehr gehen in der Europastadt GörlitzZgorzelec.

heute.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit den Kooperationen?

Müller: Wir wollen ein besseres Verständnis zwischen den beiden Kulturen schaffen und hoffen, dass die Kinder ohne Grenzen in den Köpfen aufwachsen, vorurteilsfreier und aufgeschlossener mit ihren Nachbarn umgehen als das vielleicht ihre Eltern noch tun.

heute.de: Wie steht es um Begegnungen und den Gedankenaustausch zwischen den Eltern der Kinder?

Müller: Bei gemeinsamen Veranstaltungen gibt es zwar Vermischungen, aber man sitzt schon häufig eher mit seiner jeweiligen Gruppe zusammen.

heute.de: Sind gegenseitige Vorurteile unter Erwachsenen heute eigentlich noch ein großes Thema in der deutsch-polnischen Grenzregion?

Es gibt zum Teil auch noch altes Schubladendenken. Es braucht Zeit und viel Engagement auf beiden Seiten, um das rauszubekommen.

Müller: Ich denke, wir sind schon ziemlich weit und das Zusammenleben läuft in ziemlich vielen Bereichen super. Ich sehe das hier tagtäglich bei der Zusammenarbeit mit den polnischen Kolleginnen, aber auch an vielen anderen Stellen. Aber es gibt auch Probleme in der Grenzregion: Zum Beispiel mit Diebstählen oder Beschaffungskriminalität. Da sind schon manche Leute hart getroffen und ärgern sich pauschal über ihre polnischen Nachbarn. Es gibt zum Teil auch noch altes Schubladendenken. Es braucht Zeit und viel Engagement auf beiden Seiten, um das rauszubekommen.

heute.de: Der Historiker Oliver Loew fordert einen "neuen Aufbruch" in den deutsch-polnischen Beziehungen. Sie haben davon gesprochen, dass es "noch Luft nach oben" gebe. Woran denken Sie da?

Müller: Es gibt viele bürokratische Hürden, die den Austausch behindern, gerade wenn es ums Geld geht. Da müsste noch grenzüberschreitender gedacht werden zwischen Deutschland und Polen beziehungsweise zwischen den Kommunen. Für richtungsweisend und sehr sinnvoll halte ich heute bereits die EU-Förderung für den deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Austausch in unserer Region. Das ist zwar auch mit viel Bürokratie verbunden, aber der Nutzen ist für alle sichtbar. Wenn diese Fördergelder wegfallen würden, wäre das fatal.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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