Sie sind hier:

Schulreform greift - Schulanfang in Polen: Lehrer protestieren

Datum:

Die Schulreform spaltet das Land: Die Nationalkonservativen wagten sich an die Schulen heran. Ein struktureller Umbau und neue Inhalte sollten her. Während die Kinder nach den Ferien wieder zur Schule gehen, sind die Lehrer auf der Straße.

Polens nationalkonservative Regierung baut das Land in ihrem Sinne um. Zuerst die Justiz, dann die Medien, jetzt die Schulen. Kinder sollen sich verstärkt mit der polnischen Geschichte und Literatur befassen. Tausende Lehrer protestieren.

Beitragslänge:
2 min
Datum:


Die nationalkonservative Regierung ist vor knapp zwei Jahren angetreten, um Polen "zu reparieren". Der mächtige Übervater der Regierungspartei PiS, Parteichef Jaroslaw Kaczynski, formulierte das so: "Unsere Freiheit ist schwach. Sie wird von unseren politischen Gegnern attackiert. Es ist eine Reparatur notwendig."

Polen reparieren – Gott – Ehre - Vaterland

Natalie Suzanne Steger
Natalie Steger, Leiter Studio Warschau Quelle: ZDF/Rico Rossival

Der Mann will sich ein neues Polen zimmern. Patriotisch, gottesfromm, auf Linie. Heilig war ihm bislang wenig. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind unter staatlicher Kontrolle, Richter können nach Belieben ausgetauscht werden, polnische Kulturinstitute im Ausland wurden mit liebsamen Direktoren besetzt, patriotische Geschichtsschreibung in Theater, Museen und Filmwirtschaft wird ausdrücklich gewünscht. Jetzt auch noch das Bildungssystem. Die Furcht vor einem Rundumschlag war groß.

Am vergangenen Freitag ist die Schulreform der PiS in Kraft getreten. Eltern wollten die Reform kurz vor knapp noch mit 350.000 gesammelten Unterschriften und einer Petition, die eine Volksbefragung zur Reform forderte, stoppen. Die Regierungsmehrheit wischte dieses Bürgerbegehren einfach vom Tisch. Die Begründung der Regierung: Der häufige Wechsel der Schulart würde die Qualität des Unterrichts schmälern und die Motivation der Schüler begrenzen. Ein Schulwechsel in der Pubertät, sagt Bildungsministerin Anna Zalewska, sei für die Teenager problematisch und könne sogar zu Aggressionen führen.

Tausende Lehrer arbeitslos durch Reform

An diesem Montag treten die polnischen Lehrer erstmals nach der Reform vor ihre neuen Klassen, bevor sie am Nachmittag auf die Straße gehen werden: Die Lehrergewerkschaft ZNP gibt an, dass knapp 10.000 Lehrer weniger im Schuldienst beschäftigt sind, als noch im vergangenen Schuljahr. Vielen weiteren wurden ihre Vollzeitstellen gestrichen. Zudem sind die Lehrbücher noch nicht da. Kultusministerin Zalewska war alarmiert und zögerte nicht lang: Die Ministerin versprach den Lehrern Gehaltserhöhungen, um kurz vor Schulbeginn die Lehrkräfte zu beruhigen und den Protest zu verhindern.

Auch die Kommunen stöhnen: Schulgebäude müssen für viel Geld um- und ausgebaut werden. Das Kultusministerium hat der Hauptstadt Warschau dafür knapp eine Million Euro zur Verfügung gestellt. Für bauliche Anpassungen an den Schulgebäuden mussten jedoch 11,5 Millionen Euro in der Hauptstadt investiert werden, heißt es aus dem Rathaus. Zwar wurden alle Umbaumaßnahmen, die für den täglichen Schulbetrieb notwendig sind, abgeschlossen, doch nicht alle Arbeiten wurden pünktlich fertig. So werden kleine Reparaturen noch während des laufenden Schuljahres durchgeführt. Vor allem die Kommunen sind also als Schulträger in der Pflicht: Sollten sich Probleme offenbaren, hätte die Regierung eine passende Ausrede und einen Schuldigen parat. In den Kommunen regiert zumeist die Opposition und im kommenden Jahr stehen die Kommunalwahlen an.

Antike geht, Walesa bleibt

Kritiker warnten: Die PiS möchte Einfluss auf die Lehrinhalte nehmen und den Unterricht politisieren. Noch scheinen sich diese Befürchtungen nicht zu bewahrheiten: Auch in Zukunft werden Polens Schüler Solidarnosc-Legende Lech Walesa im Geschichtsunterricht kennenlernen. Der polnischen Geschichte wurde mehr Raum im Lehrplan eingeräumt, dafür musste die Antike weichen. Statt auf Kommunikationssprache zu setzen, steht jetzt Grammatik und Orthographie im Vordergrund. Kleine Veränderungen, die gleichermaßen Gegner wie Befürworter haben.

Wie es wirklich an Polens Schulen weitergeht, ist noch ungewiss. Vor allem die Lehrer mahnen, dass diese Reform viel zu schnell und überstürzt eingeführt worden ist. Es fehlen Lehrer, Schulbücher, passende Räumlichkeiten - für die Lehrer ist das Chaos zum Beginn des neuen Schuljahres perfekt. Wann die PiS einen Angriff auf die Lehrinhalte plant, ist die große Ungewisse der Reform. Das Fundament für inhaltliche Veränderungen wurde heute aber schon einmal gelegt. Auch deswegen wollen die Lehrer heute mit ihrem Protest noch einmal ein Warnsignal an die Bevölkerung senden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.