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Neuer Maßnahmenkatalog - Schulze will mehr Lebensraum für Insekten

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Das Umweltministerium stellt 100 Millionen Euro für den Insektenschutz in Deutschland und Europa bereit. Davon sind allein 25 Millionen für Forschung und Monitoring vorgesehen.

Eine Bergwiese mit einer Vielzahl an Kräutern und Wiesenblumen
Quelle: dpa

"Das Insektensterben zu stoppen, ist eine der zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit", erklärt Bundesumweltministerin Svenja Schulze. "Wir sollten eine Landwirtschaft fördern, die den Insekten nicht schadet, sondern ihr Überleben ermöglicht." Die Ministerin strebt einen grundlegenden Wandel beim Fördersystem für die Landwirtschaft an.

Pflanzenschutzmittel in gefährdeten Bereichen untersagt

Im heute vorgestellten Maßnahmenkatalog sind  etwa 30 Vorschläge aus dem Umweltministerium enthalten, die die Biodiversität auf Äckern und Wiesen fördern sollen. Der Verbrauch von Pestiziden und Düngemitteln soll drastisch reduziert werden. So sollen Wiesen- und Ackerrandflächen künftig nicht mehr gedüngt werden, damit  wichtige Insektenlebensräume erhalten bleiben. Die Randstreifen sind als Kinderstuben für die Vermehrung von Insekten wichtig, da dort Larven und Jungtiere -  trotz wirtschaftlicher Nutzung der Gesamtflächen - unangetastet  bleiben und die Artenvielfalt so mit relativ geringem Kostenaufwand erhalten werden kann.

Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das nachweislich die biologische Vielfalt gefährdet, soll künftig nur noch "wo und soweit dies absolut nicht anders geht" erlaubt sein. In ökologisch besonders schutzbedürftigen Bereichen soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sogar ganz untersagt werden. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung bereits darauf geeinigt, den Glyphosateinsatz grundsätzlich zu beenden.

Insektenschutz im Koalitionsvertrag verankert

Generell will das Umweltministerium den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln umwelt- und naturverträglicher gestalten. In Zulassungsverfahren und Zulassungspraxis von Pestiziden soll der Insektenschutz gestärkt werden. Zulassungen könnten dann nur noch erteilt werden, wenn entsprechende Schutzflächen für Biodiversität ausgewiesen werden. Auch Gewässerrandstreifen sollen besser geschützt werden. Weitere Maßnahmen sollen die Lichtverschmutzung eindämmen.

Das "Aktionsprogramm Insektenschutz" wurde im Koalitionsvertrag vereinbart. Schulzes Maßnahmenkatalog muss noch vom Kabinett gebilligt werden. Außerdem will die Ministerin in Diskussionsveranstaltungen und einem wöchentlichen "Online-Dialog" Vorschläge und Kommentare der Bürger sammeln, die ebenfalls in den Maßnahmenkatalog einfließen sollen.  

Vielfalt fast halbiert

Intakte Ökosysteme haben für Deutschland nicht nur einen ideellen, sondern auch einen erheblichen ökonomischen Wert. Produkte im Wert von 1,1 Milliarden Euro hängen allein von der Bestäubungsleistung durch Insekten ab. Bleibt die Bestäubung aus, würde die Ertragsminderung für einzelne Anbausorten mehr als 90 Prozent betragen. Auch Hochwasser wie 2002 und 2013 an der Elbe verursachen Schäden in Milliardenhöhe. Die Renaturierung von Auenlandschaften macht daher auch wirtschaftlich Sinn.

Jüngere Studien zeigten einen Rückgang der biologischen Vielfalt um 40 Prozent seit 1970. Die wirtschaftlichen Schäden durch das Insektensterben sind schon jetzt immens. Wann biologische Systeme "kippen", ist bislang noch unzureichend erforscht, da die Zusammenhänge sehr komplex sind. "Im Gegensatz zum leichter quantifizierbaren Klimawandel kann niemand genau vorhersagen", so Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, "wann beispielsweise der Nährstoffgehalt in einem Humusboden durch geringere Zahlen an Mikroorganismen so verringert wird, dass die Böden veröden und die Ertragsleistung entsprechend sinkt".

Professor mahnt: Fördersumme "ein Tropfen auf den heißen Stein"

Für den renommierten Umweltökonomen ist Schulzes Maßnahmenkatalog zwar ein Schritt in die richtige Richtung; er nennt die Initiative des Umweltministeriums ambitioniert. Die Fördersumme von 100 Millionen Euro sei aber angesichts der sechs Milliarden Euro, die jährlich aus europäischen Fördertöpfen an deutsche Landwirte ausgezahlt werden, "ein Tropfen auf den heißen Stein". In Deutschland werde jeder Hektar Land mit durchschnittlich 300 Euro gefördert, die europäischen Umweltauflagen seien sehr niedrig. Die europäische Agrarpolitik sei als Schutz für die Landwirte, nicht für die Umwelt konzipiert.

Hansjürgens bemängelt außerdem, dass nicht nur das Umweltministerium, sondern auch Agrar-, Verkehrs- und Wirtschaftsministerium in der Umweltpolitik mitreden. Außerdem sei die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen Sache der Bundesländer, die Vorschläge könnten durch diese konterkariert werden. Denn die Landwirte erwarten für die Einschränkungen im Ackerbau entsprechende Entschädigungen, die in Summe aber sehr teuer werden könnten. 

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