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Im Urlaub den Alpen helfen - Ackern für den Bergwald

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Der Bergwald in den Alpen schützt vor Geröll- und Schneelawinen. Wo er fehlt, droht Gefahr. Bei der Aktion "Schutzwald" helfen Freiwillige, ihn zu erhalten.

Eine Gruppe Freiwilliger hilft den Schutzwald zu pflegen.
Um Lawinen zu verhindern, muss der Schutzwald in den Alpen gut in Schuss sein. Freiwillige helfen, ihn zu erhalten und zu schützen.
Quelle: ZDF

Wer frühmorgens im Oberallgäu bei Wertach die Berge erklimmt, der kann schon mal eine Begegnung der besonderen Art erleben. Denn dort trifft man jetzt im Alpensommer häufig Wanderer, die auf den ersten Blick etwas seltsam anmuten. Da wuchtet einer einen Rasenmäher den Berg hoch, andere schleppen Schaufeln, Hacken, Aluminiumkisten und Sägen.

Mission: Den Alpen helfen

An diesem Morgen im Juli ist eine sechsköpfige Gruppe unterwegs, eine Frau und fünf Männer. Stöhnend und schnaufend  erreichen sie den Waldrand auf 1.200 Meter Höhe. Ihr erstes Tagesziel ist geschafft. Doch alle wissen: Was die nächsten Tage kommt, wird noch härter. Fünf der Wanderer sind zwar im Urlaub, aber nicht zum Vergnügen hier oben. Und der Sechste? Der hat in dieser Gruppe das Sagen. Er heißt Ludwig Weiß, ist Berufsjäger im bayrischen Staatsdienst und so etwas wie ein Waldhüter. Alle sind gekommen, um zu arbeiten.

Die Alpen sind ein Erlebnisraum der Superlative, eine "Funsport-Welt", fast grenzenlos. Doch der rücksichtslose Bergurlaub belastet zunehmend die Natur. Die Berge brauchen eine Atempause.

Beitragslänge:
29 min
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Denn in Wertach braucht der Bergwald Hilfe. Es ist ein ganz besonderer Wald - einer, der Leben retten kann. Als alpiner "Schutzwald" sichert er wie ein natürlicher Wall die umliegenden Täler und beschützt all jene, die unten im Tal leben, arbeiten oder Urlaub machen. Aber dazu muss er gesund, stabil und stark sein. Wo der Schutzwald schwächelt oder gar fehlt, stürzen Lawinen, Geröll oder Muren (Schlammströme) mit ganzer Wucht in die Tiefe.

Balderschwang will Schutzwald stärken

Nur wenige Kilometer von hier, in Balderschwang, ist erst im Januar 2019 eine Schneelawine fast ungebremst ins Tal gerauscht und hat ein Hotel zerstört. Der Schutzwald oberhalb des Bergs war zu schwach und konnte der Naturgewalt nicht standhalten. Zum Glück wurde damals niemand verletzt. Inzwischen überlegt die Gemeinde, wie man hier den Schutzwald stärken kann.

Überall sind die Alpen bedroht durch Klimawandel und Massentourismus. Immer mehr Bike-Routen, Klettersteige, Sommerrodelbahnen, Lifte und Pisten verändern die Natur und belasten die Umwelt. Und deshalb brauchen die Bergwälder dringend Pflege. Die Aktion "Schutzwald", organisiert vom Deutschen Alpenverein und den bayrischen Staatsforsten, versucht das schon seit Jahren.

Ausgleich zum Büro und zugleich "etwas Sinnvolles"

Ludwig Weiß hat inzwischen die Tagesaufgaben auf die Gruppe verteilt. Ferdinand Petschik muss aus kleineren Felsbrocken eine Steintreppe für den Stieg bauen - für den Bauingenieur ist das genau die passende Arbeit. "Das ist herrlich in der frischen Natur zu sein und richtig mit den Händen zu arbeiten, als Ausgleich zum Büro", sagt Petschik. "Außerdem tue ich etwas Sinnvolles." Er hat sich für die Aktion extra eine Woche Urlaub genommen.

Der 28-Jährige ist wie die anderen Teilnehmer als Freiwilliger hier und arbeitet eine Woche im "Dienst der Berge". Die Gruppe wohnt in einer einfachen Jagdhütte der Staatsforsten, mitten im Wald. Für ihre Arbeit bekommen sie lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung und einen Fahrtkostenzuschuss. Der Einsatz beginnt immer sonntags und geht bis Freitagmittag. Noch bis Ende September können Freiwillige an verschiedenen Orten in den bayrischen Alpen einwöchige Pflanz- oder Instandsetzungsmaßnahmen unterstützen.

Ein Wald, viele wichtige Funktionen

Schutzwald: Freiwillige helfen
Urlaub der besonderen Art - bei der Aktion "Schutzwald" helfen Freiwillige, die Alpenwälder zu erhalten.
Quelle: ZDF

"Achtung! Vorsicht! Alle in den sicheren Bereich!", warnt Ludwig Weiß die Gruppe, als er einen Baum mit der Motorsäge fällt. Daraus bauen die Waldhelfer heute noch eine kleine Brücke über den Bergbach. Die alte Überquerung war morsch.

Außerdem werden Wege und Stiege in Ordnung gebracht. Denn auch die schwer zugänglichen Stellen am Steilhang müssen erreicht werden, um den Wald zu pflegen. Ein aufwändiges Unterfangen, aber eines das sich auszahlt. Der Wald, vor allem der Schutzwald, erfülle viele Funktionen, sagt Weiß. "Er dient dem Rückhalt von Hochwasser, der Wasserführung und schützt im Winter natürlich vor Lawinen, aber auch vor Schlammabgängen."

Wege sichern, Bäume pflanzen

Der Rentner Rudolf Fiederlein hilft schon seit Jahren bei der Aktion Schutzwald. Für ihn ist es eine Art Gegenleistung. "Ich geh' seit 1980 in die Berge, und wenn man in die Berge geht, trifft man auf gute Wege. Und das zahlen wir dem Alpenverein und der Natur jetzt zurück, indem wir einmal im Jahr mitgehen zum Arbeiten."

Sagt's und flucht im nächsten Augenblick über den schweren Gesteinsbrocken den er zur Seite schafft. Trotz Schufterei sind alle begeistert, weil sie wissen, dass sie den Bergen etwas Gutes tun und zum Schutz der Bewohner beitragen.

Eine Woche lang befreien die sechs den Wald von wuchernden Pflanzen, hohem Gras und altem, faulem Holz. Möglichst viele Steige und Wege werden saniert und gesichert. Die nächsten Freiwilligen machen dann weiter. Im Frühherbst sollen neue Tannen und Douglasien gesetzt werden.

Experten: Klimawandel wird Alpenraum stark treffen

Ludwig Weiß kennt die mühsame Arbeit für den Bergwald aus unzähligen Aktionen. Ein stabiler Schutzwald müsse aus verschiedenen Baumarten bestehen und verschiedene Altersstrukturen aufweisen. "Dann ist er auch ökologisch wertvoll. Und dann muss das zum Beispiel durch Pflanzungen, Borkenkäferbekämpfung und auch die Jagd unterstützt werden."

Wie wichtig diese Arbeit, zum Erhalt der Natur und zum Schutz der Menschen künftig sein wird, zeigen Prognosen für die alpine Bergwelt. Im gesamten Alpenraum erwarten Experten weitaus spürbarere Auswirkungen des Klimawandels. Vor allem die Erwärmung schreitet dort schneller voran und wird sich auf den Wald und dessen Baumartenzusammensetzung auswirken.

Die ETH, die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich, hat errechnet, dass die Temperatur im Alpenraum im Laufe des 20. Jahrhunderts um 2 Grad Celsius gestiegen ist. Bis 2050 soll es bis zu 4,5 Grad wärmer werden.

Lohn der Arbeit

Gleichzeitig belasten häufigere Starkniederschläge die Bergwälder zusätzlich. Die Stabilisierung der Wälder und die natürliche Regulierung des Wasserabflusses werden also zunehmend wichtiger.

Am Ende des Tages kehrt Ludwig Weiß mit seiner Gruppe meist in eine der Almwirtschaften unterhalb am Berg ein. Beim Weißbier und bei der Brotzeit spürt man erst so richtig, was man geschafft hat, wie hart die Arbeit am Berg war. Aber gelohnt hat sie sich, die Hilfe für den Bergwald in Wertach - da sind sich alle einig.

Christian Dezer leitet die Redaktion der Sendung plan b.

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