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Abstimmung über "Vollgeld" - Schweizer rütteln an der Macht der Banken

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Weniger Macht den Banken, mehr Kontrolle durch staatliche Notenbanken: Heute stimmen die Bürger in der Schweiz über das "Vollgeld" ab. Volkswirte finden das sogar ganz vernünftig.

Schweizer Rappen auf einem Haufen
Schweizer Rappen auf einem Haufen Quelle: reuters

"Vollgeld" heißt das System, das die Kreditvergabe der Banken beschränken will und der Notenbank dabei allein die Steuerung des Geldes überlassen will. Die Initiatoren der Abstimmung meinen nämlich, die Banken sollten stärker an die Kandare genommen werden, indem sie nicht mehr wie bisher Geld schöpfen können. Das soll nur noch die Zentralbank tun können.

Bisher ist es ja so, dass zwar die Zentralbanken das Geld in die Welt, in die Wirtschaft bringen, weil sie allein die Hoheit haben, Banknoten zu drucken und Münzen auszugeben. Außerdem vergeben sie Kredite an Banken. Diese Geldmenge steuern sie durch ihre Politik, indem sie etwa die Zinsen verändern, das Geld dadurch teurer oder billiger machen, oder im übertragenen Sinn die Notenpresse anwerfen, indem sie am Finanzmarkt Wertpapiere kaufen und damit mehr Geld in Umlauf bringen.

Mindestreserve hinterlegen

Daneben aber können auch Banken Geld schöpfen, und das geht so: Ein Kunde kommt zu seiner Bank und möchte einen Kredit. Den bekommt er bei gegebener Bonität auch meist. Das Geld überweist die Bank dem Kunden auf sein Girokonto, ohne dass sie das vollständig mit Spareinlagen gegenfinanziert. Sie muss nur einen bestimmten Anteil bei der Zentralbank als Sicherheit hinterlegen, das ist die Mindestreserve.

Im Euroraum beträgt die aktuell nur ein Prozent. Vergibt die Bank also einen Kredit von 10.000 Euro, muss sie nur 100 Euro bei der EZB hinterlegen. In der Schweiz liegt dieser Satz bei 2,5 Prozent, da wären also auf 10.000 Franken Kredit 250 Franken fällig. Der Kunde kann das Geld aus dem Kredit auf seinem Konto zunächst liegen lassen, er kann es aber auch direkt etwa in den Bau eines Hauses oder als Firmenkunde etwa in eine neue Produktionsanlage investieren. Dieses Buchgeld macht den weitaus größten Teil unseres Geldes heute aus: Nur 1,1 von 7,8 Billionen Euro in Europa sind Bargeld, also Scheine und Münzen. Was aber, wenn der Kunde sich seine Einlagen auszahlen lassen will, wenn das viele Kunden wollen und die Bank hat gar nicht so hohe Einlagen? Dann droht die Bank zu kollabieren - und gegebenenfalls andere mit sich reißen.

Risiko reduziert

Daher möchte die Schweizer Initiative, dass die Banken nicht mehr aus eigener Kraft Geld schöpfen können, sondern nur die Zentralbank diese Befugnis hat. Möglich wäre das auch, indem der Staat die Geldhäuser zwingt, einen Kredit vollständig zu 100 Prozent abzusichern. Die Kunden müssten also ihre Konten bei der Zentralbank halten, die Banken ihren Kunden die Kredite also auf diesen Konten gutschreiben. "Dieses Geld bekommen sie aber nur, indem sie sich Zentralbankgeld von Anlegern leihen - etwa in Form von Spar- oder Termineinlagen", erklärt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Der Vorteil dieses Systems: Die Banken könnten nur begrenzt ihre Kreditvergabe ausweiten, so dass sich Schulden nicht so schnell auftürmen könnten und irgendwann die Blase platzt. Dieses Risiko wäre dann reduziert.

"Ein Geldsystem, das das Entstehen von Blasen hemmt, wäre sicherlich wünschenswert", meint Krämer. Dieses so genannte Vollgeld wäre dann so sicher wie Bargeld im Tresor, denn es sei echtes Geld der Notenbank, erklärt die Vollgeld-Initiative der Schweiz diesen Ansatz. Die Kundeneinlagen würden auf treuhänderischen Konten außerhalb der Bank verwaltet. Ob das vollständig geschehe oder nicht, das ist jedoch noch nicht klar, meint der Ökonom Martin Hellwig, früherer Direktor des Bonner Max Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Man verschiebe damit die Macht vom privaten zum öffentlichen Sektor - von den "Banken also zum Staat", sagte er auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank.

Nicht mehr um Geld kämpfen

Eine gute Sache, glauben die Befürworter der Vollgeld-Initiative, denn der könne damit besser umgehen. Daran aber zweifeln Volkswirte: "Im Vollgeldsystem gewährt die Zentralbank dem Staat zins- und tilgungsfreie Kredite", meint Jörg Krämer von der Commerzbank. Der Staat müsse also nicht mehr um Geld "kämpfen", das wecke Begehrlichkeiten. Er bezahle mit dem Notenbankgeld Löhne, Renten und andere Rechnungen und bringe es so in Umlauf.

"Der politische Druck auf die Notenbank steigt in so einem System", kritisiert auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Diba. Das erschwere die Geldpolitik. "Es ist eine Illusion, dass man die Kreditvergabe immer kontrollieren kann." Sollte es da zu Überhitzungen kommen, wäre es sehr schwierig, die Geldmenge zu reduzieren. Ob in einem solchen System die Zentralbank noch politisch unabhängig agieren könne, halten sowohl Brzeski als auch sein Kollege Krämer für zweifelhaft. Und selbst wenn nur ein kleiner Teil des Bankgeschäfts inklusive Zahlungssystemen und Zahlungsverkehr zur Zentralbank gehe, sei nicht ausgemacht, wie sich der Rest des Bankgeschäfts organisiere, sagt Ökonom Hellwig. Sein Fazit: "Ich glaube, da ist allzu vieles nicht durchdacht."

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