Sie sind hier:

Rackete über Seenotrettung - Seehofer reagiert "einfach auf den Gegenwind"

Datum:

Sea-Watch-Kapitänin Rackete erntete Lob und Hass. Italiens Innenminister nannte sie kriminell. Was sie von ihm und seinem deutschen Kollegen hält und was in der EU falsch läuft.

Carola Rackete an Bord der Sea-Watch 3 (Archiv).
Carola Racketes Engagement in der Seenotrettung wird von vielen bewundert, stößt aber auch auf Hass.
Quelle: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa

heute.de: Frau Rackete, nach 17 Tagen an Bord der "Sea-Watch 3" haben Sie entschieden, ohne Erlaubnis der italienischen Regierung, den Hafen von Lampedusa anzusteuern. Nun wird gegen Sie wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Widerstand gegen ein Kriegsschiff ermittelt. An welchem Punkt haben Sie entschieden, dass Sie die Situation an Bord nicht mehr verantworten können?

Wir konnten nicht mehr einschätzen, wie die Leute reagieren würden.
Carola Rackete, Seenotretterin

Carola Rackete: Die Ärzte haben mir jeden Tag medizinische Berichte geschrieben, in denen sich abgezeichnet hat, dass es irgendwann, insbesondere aufgrund der psychologischen Situation, einfach nicht mehr zu verantworten war. Wir konnten nicht mehr einschätzen, wie die Leute reagieren würden.

Es gab zum Beispiel von Anfang an Menschen, die davon gesprochen haben, dass sie in einen Hungerstreik gehen würden. Oder wir hatten Leute, die, nachdem es eine Teil-Evakuierung gab, fragten, ob sie erst alle krank werden oder über Bord springen müssten, damit sie gerettet werden. Und dann muss man sich fragen, ob das real werden könnte. In so einer Situation kann ja keiner mehr klar denken.

  • Carola Rackete

    Seenotretterin

heute.de: Wissen Sie, was mit den insgesamt 53 Menschen, die sich ursprünglich an Bord der "Sea-Watch 3" befunden haben, mittlerweile passiert ist?

Rackete: Die sind knapp einen Monat später fast alle noch auf Sizilien. Ein paar von ihnen haben jetzt Zusagen bekommen, dass sie transferiert werden. Ich weiß von neun Leuten, die nach Finnland gehen werden, Frankreich hat Gespräche geführt und auch Deutschland möchte ja aufnehmen. Aber es gibt immer noch ganz viele Leute, die noch keine konkrete Zusage haben. Vier Wochen später ist das immer noch nicht durch.


Das ist auch der Grund, warum Malta sich so lange gesperrt hat, Menschen aufzunehmen. Malta hat diese Erfahrung schon gemacht, dass andere europäische Staaten zugesagt haben, dass sie die Leute abnehmen, sie dann aber Wochen oder monatelang auf Malta nicht abgeholt haben. Da ist das Vertrauen der Malteser in die Europäische Union erschöpft.

heute.de: Können Sie das nachvollziehen?

Dublin III ist einfach wahnsinnig ungerecht für Länder wie Griechenland, Spanien und Italien.
Carola Rackete, Seenotretterin

Rackete: Ja, total. Die ganzen Staaten an der Südgrenze der Europäischen Union werden ja durch dieses Dublin-III-Abkommen total hängen gelassen. Natürlich gab es immer Bemühungen, das zu ändern, aber es profitieren eben auch viele Staaten von dem Dublin-III-Abkommen. Und diese Staaten haben dann kein Interesse, einer Änderung zuzustimmen. Dublin III ist einfach wahnsinnig ungerecht für Länder wie Griechenland, Spanien und Italien.

heute.de: Im Fall der "Alan Kurdi" hat sich Malta ja nun zur vorübergehenden Aufnahme der Flüchtlinge an Bord bereit erklärt, auch auf Bitten der deutschen Regierung. Was hat sich Ihrer Meinung nach verändert? Glauben Sie, Ihr Handeln hatte Einfluss darauf?

Rackete: Der Druck auf die Bundesregierung ist größer geworden, daher setzt sie sich mehr für die Aufnahme in Malta ein. Es ist jetzt das dritte Mal, dass "Alan Kurdi" Flüchtlinge nach Malta bringt nach meiner Verhaftung. Ich nehme an, dass die Bundesregierung zusagen musste, die Leute bald zu transferieren und sie nicht - wie während der letzten zwölf Monate - trotz Zusage noch monatelang auf Malta warten zu lassen.

heute.de: Wie sah die Unterstützung der Bundesregierung während Ihrer Mission aus?

Rackete: Während der Mission hat man zwar über das Außenministerium und auch über das Innenministerium mit uns kommuniziert, also mit der Organisation, nicht mit uns auf dem Schiff direkt, aber es wurde effektiv keine Lösung nach vorne gebracht. Erst hinterher hat es allen leidgetan.

Das, was vorher passiert ist, während dieser 17 Tage, war nicht effektiv, das waren nur Sympathiebekundungen. Schon am dritten Tag hatten sich ja die ersten Städte dazu bereit erklärt, Rottenburg zum Beispiel, dass sie Leute aufnehmen würden, und das wurde vom Bundesinnenminister nicht erlaubt. Die Unterstützung habe ich auf dieser Mission wirklich nicht als besonders groß empfunden.

heute.de: Horst Seehofer scheint seine Haltung zur Seenotrettung mittlerweile geändert zu haben. Er forderte den italienischen Innenminister Salvini jüngst dazu auf, die Häfen zu öffnen und bot auch von sich aus die Aufnahme von Geflüchteten an. Nun lobte er die schnelle Lösung im Fall des Rettungsschiffes "Alan Kurdi". Ist diese Änderung für Sie glaubhaft?

Rackete: Herr Seehofer hat ja lange eine Obergrenze gefordert. Ich habe eher den Eindruck, dass er sein Fähnchen so ein bisschen in den Wind hängt, da es ja gerade in Deutschland massive Solidaritätsbekundungen gab. Es war scheinbar für viele Leute ein Schock, dass man jetzt für Menschenleben retten verhaftet werden kann. Und ich denke, dass Horst Seehofer einfach auf den Gegenwind der Gesellschaft reagiert, auf den Druck, der von dort kam.

Ich glaube nicht unbedingt, dass er jetzt wahnsinnig einsichtig ist diesbezüglich, aber ich denke, er hat festgestellt, wie viele Menschen eben kein Problem damit haben, diese jetzt im Moment wirklich extrem geringen Zahlen an Menschen, die noch ankommen, aufzunehmen.

heute.de: Gegen den italienischen Innenminister Salvini haben Sie Anzeige erstattet - wegen Verleumdung und Anstachelung zu Hass. Was hat er zu Ihnen oder über Sie gesagt?

Und ich denke, dass Horst Seehofer einfach auf den Gegenwind der Gesellschaft reagiert, auf den Druck, der von dort kam.
Carola Rackete, Seenotretterin

Rackete: Ich habe es nicht nachgelesen, aber die Anwälte haben es mir vorgelegt. Es waren etwa 15 Seiten von Beleidigungen auf Facebook und anderen sozialen Medien.

Es geht bei dieser Klage ums Prinzip. Zum einen geht es darum, dass man niemanden kriminell nennen darf, der noch nicht verurteilt wurde. Und ich wurde aus der Haft sofort entlassen nach der Anhörung - das heißt, die Zeichen dafür, dass ich alles richtig gemacht habe, stehen ziemlich gut.

Zum anderen muss man deutlich sagen, dass gerade ein Spitzenpolitiker, der ja viele Menschen erreicht mit seinen Aussagen und mit seinen Kommentaren, mit solchen Äußerungen zu einem Klima des Hasses und der Spaltung der Gesellschaft, beiträgt. Und Reden führen irgendwann zu Taten. Das haben wir auch in Deutschland schon gesehen.

Flüchtlingshelfer im Mittelmeer - Strafen für Seenotretter: UN-Kritik an Rom

Italien verschärft die Strafen für Seenotretter, wenn die unerlaubt ins Hoheitsgebiet einfahren. Das UN-Flüchtlingshilfswerk kritisiert das und warnt vor einer Kriminalisierung.

heute.de: Vor ein paar Wochen erst haben Sie gefordert, dass Europa etwa eine halbe Million Menschen, die unter anderem in den Händen von Schleppern, aber vor allem auch in den libyschen Flüchtlingslagern sind, aufnehmen sollte. Dafür haben Sie viel Kritik geerntet. Halten Sie Ihre Forderung für realistisch?

Rackete: Ich denke, dass Deutschland und auch andere Länder, eine Verantwortung aus der Kolonialzeit haben. Viele Länder, die wir jetzt als Drittweltländer bezeichnen, hängen in diesen Machtstrukturen fest. Wir sind häufig dafür verantwortlich, dass die Menschen keine wirtschaftliche Lebensgrundlage haben. Jetzt wird auch noch das Klima zerstört. Das heißt, es gibt viele Umweltschäden, die diese Menschen auch erleiden, weil wir mit unseren Konzernen diese Länder ausbeuten.

Was Libyen angeht: Laut UNHCR gibt es angeblich nur 3.300 Menschen, die direkt in diesen Detention Centern um Tripolis herum sind. Das sind sieben Stück, die direkt an der Front sind. Hier könnte man relativ leicht evakuieren. Auch Angela Merkel hat schon gesagt, dass sie das gut finden würde, sie hat nur nicht gesagt wie. Hier wäre die praktische Möglichkeit, die Leute vermutlich über den Niger nach Europa mit dem Flugzeug zu bringen.

heute.de: Warum ist es wichtig, dass die Menschen dort rausgeholt werden?

Die Küstenwache ist verwickelt in Menschenhandel, Versklavung, Prostitution, Vergewaltigung, Folter und Kidnapping.
Carola Rackete, Seenotretterin

Rackete: In diesen Lagern finden krasse Menschenrechtsverletzungen statt. Das zeigen uns Berichte von der EU. Das Auswärtige Amt hat von "KZ-ähnlichen Zuständen" gesprochen. Die Küstenwache ist verwickelt in Menschenhandel, Versklavung, Prostitution, Vergewaltigung, Folter und Kidnapping. Und das sind einfach Zustände, die dort an der Tagesordnung sind. Das passiert dort systematisch.

heute.de: Wie begegnen Sie dem Vorwurf, Sie würden mit der privaten Seenotrettung das Geschäft der Schlepper unterstützen?

Rackete: Das beantworten wir seit vier Jahren immer wieder. Zum einen sind die zivilen Seenotretter als Reaktion auf die Schiffsuntergänge entstanden, die es schon gab. Auch die italienische Rettungsmission "Mare Nostrum" ist als Reaktion darauf entstanden, dass es 2013 vor Lampedusa einen extrem großen Schiffsuntergang gab mit über 500 Toten. Sea-Watch und andere Organisationen wurden als Reaktion auf weitere Unglücke 2014 gegründet. Es war erst das eine und dann das andere.

Das zweite ist, dass es wissenschaftliche Studien dazu gibt, ob die Zahl der Boote, die ablegen, in irgendeinem Verhältnis steht zu den Rettungsschiffen, die draußen sind. Bisher hat sich da statistisch nichts erweisen lassen, es gibt keinen Zusammenhang. Wir sehen das jetzt auch in den letzten Wochen und Monaten, wo praktisch kein Schiff draußen ist oder vielleicht nur ein Schiff, und trotzdem legen Leute ab.

heute.de: Wie sehen die nächsten juristischen Schritte aus? Gibt es konkrete nächste Termine?

Die Beihilfe zur illegalen Einreise wird auf jeden Fall eingestellt, da sind wir uns extrem sicher.
Carola Rackete, Seenotretterin

Rackete: Die Untersuchungen laufen, es gibt keine Termine. Irgendwann beschließt die Staatsanwaltschaft, dass sie jetzt alle Fakten hat und entscheidet sich dann entweder, eine Anklage zu eröffnen oder den Fall einzustellen. Wir gehen davon aus, dass das jetzt ungefähr ein Jahr dauert.

heute.de: Und Sie erwarten, dass die Ermittlungen eingestellt werden?

Rackete: Die Beihilfe zur illegalen Einreise wird auf jeden Fall eingestellt, da sind wir uns extrem sicher. Was die Einfahrt in den Hafen angeht, das ist schwieriger zu beurteilen, aber wir können uns auch gut vorstellen, dass es eingestellt wird, weil die Haftrichterin mich ja bezüglich dieses Falles auch schon entlassen hatte.

Das Interview führte Luise Hermann.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.