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Erfolgsmodell Sechs-Stunden-Tag

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Weniger Arbeit, gleicher Lohn - Erfolgsmodell Sechs-Stunden-Tag

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Nur noch sechs Stunden am Tag arbeiten bei vollem Lohn? Was wie ein Märchen klingt, wird in Schweden bereits ausprobiert. Eine Firma in Bielefeld geht sogar noch weiter.

Im Göteborger Krankenhaus musste sich etwas ändern: Ständig fehlte Personal im Operationssaal, der Krankenstand war so hoch, dass manchmal überhaupt nicht mehr operiert werden konnte. Das häufige Heben der Patienten war insbesondere für das Pflegepersonal körperlich anstrengend, gute Mitarbeiter zu finden für die schwedische Klinik kaum noch möglich.

Geringerer Krankenstand, bessere Auslastung der OPs

Da hatten die Angestellten eine Idee: Sie schlugen der Krankenhausleitung eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Gehalt vor, zunächst Mehrkosten von einer Million Euro im Jahr. Dennoch lohnte sich das neue Arbeitsmodell bald für alle: Das Personal war weniger krank, die Fluktuation geringer, die sieben Operationssäle an fünf Tagen die Woche ausgelastet. Für das Krankenhaus bedeutete das mehr Umsatz, so wurden die Mehrkosten aufgefangen.

Die Kosten sind oft das Hauptargument der Arbeitgeberseite gegen reduzierte Arbeitszeiten.
Professor Christiane Funken, Soziologin und Arbeitsforscherin an der TU Berlin

"Die Kosten sind oft das Hauptargument der Arbeitgeberseite gegen reduzierte Arbeitszeiten", meint  Professor Christiane Funken, Soziologin und Arbeitsforscherin an der TU Berlin. Man müsse aber genauer hinschauen, ob durch eine andere Arbeitsorganisation - so wie in Göteborg - nicht am Ende alle profitieren: die Arbeitgeber, weil die Leistungsfähigkeit der Angestellten steigt, und die Mitarbeiter, die dann mehr Freizeit haben und Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen können.

Anstrengendere Schichten, größerer Druck - aber fokussierter

Doch der Sechs-Stunden-Tag hat auch für Angestellte ihren Preis. Das zeigen die Erfahrungen in Göteborg. "Die Schichten sind anstrengender. Wir haben keine Pausen, der Druck ist groß. Aber du bist einfach fokussierter auf Deine Arbeit", so die OP-Schwester Anna Östling, die den Prozess der Arbeitszeitreduzierung in ihrer Klinik mit initiiert hat. Aber sie habe ja auch etwas davon: "Du weißt, dass du nach sechs Stunden wieder nach Hause gehen kannst. Da hast Du einfach mehr Energie, den Job gut zu machen."

Man kann in sechs Stunden die gleiche Leistung erbringen wie in acht, die Konzentrationsfähigkeit ist dann höher.
Christiane Funken

Nur noch sechs Stunden am Tag arbeiten: Kann das ein Modell für die Arbeit der Zukunft sein? "Man kann in sechs Stunden die gleiche Leistung erbringen wie in acht, die Konzentrationsfähigkeit ist dann höher",  so die Arbeitsexpertin Christiane Funken. Mit längeren Arbeitszeiten stiegen die Fehlerquoten und das Unfallrisiko. Viele Arbeitnehmer seien zudem weniger motiviert, wenn sie lange arbeiten und Überstunden machen müssen.

Bielefeld: Acht-Stunden-Tag in fünf Stunden

Keine Pausen, kein privater Plausch, kein Checken von privaten E-Mails, kein Anruf beim Arzt oder in der Autowerkstatt: In einer Bielefelder Agentur herrscht Ruhe. Von 8 bis 13 Uhr programmieren die 17 Mitarbeiter hier Webseiten und erarbeiten digitale Marketingstrategien. Ausgedacht hat sich dieses Konzept Lasse Rheingans. Er will sogar in fünf Stunden das schaffen, was sonst im Acht-Stunden-Tag erreicht wird. Eine Uhr an der Wand zeigt an, wie viel Arbeitszeit noch übrig ist.

"Es freut mich jeden Tag, ein bisschen mehr zu lernen, worauf man achten muss, damit man es einhalten kann", meint Rheingans. Ruhe im Büro und weniger Ablenkung gehören auf jeden Fall dazu. "Wenn alle um 13 Uhr Feierabend machen, wird jeder Mitarbeiter zum gleichberechtigten Teammitglied", ergänzt Mitarbeiterin Janine Kunz. "Man muss schon am Ball sein in den fünf Stunden, um seine Tagesziele zu erreichen."

Aber bleibt da nicht auch etwas auf der Strecke, wenn der kleine Plausch am Kaffeeautomaten fehlt, die Mitarbeiter nur noch funktionieren, alles Private außen vor bleiben muss? Die Angestellten in der Bielefelder Agentur meinen "Nein."  Wer mit Kollegen privat reden will, könne das ja direkt nach der Arbeit oder am Abend auf freiwilliger Basis nachholen.

Reduzierte Arbeitszeiten bei vollem Lohn seien nicht für alle Branchen geeignet, so die Soziologin Christiane Funken, sie griffen aber einen gesellschaftlichen Trend auf: "Wir haben eine starke Zunahme von Arbeit im Dienstleistungsbereich, da lässt sich der Sechs-Stunden-Arbeitstag meist problemlos umsetzten." Die Herausforderungen in der Arbeitswelt hätten sich geändert. Bei einer immer höheren Leistungsverdichtung seien die Forderungen nach einem Sechs-Stunden-Tag kein Luxusgut. Denn immer mehr Menschen wünschen sich mehr Freizeit und eine Arbeit, die auch befriedigend ist.

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