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Schlecht bezahlte Honorarkräfte - Deutsch zur Integration schlecht für die Rente

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Marion Tekolf und Oliver Hohengarten bringen Menschen Deutsch bei - ihr Beitrag zur Integration. Eine Arbeit, die sicher nicht umsonst ist - aber viele ihrer Lehrer-Kollegen kämpfen um ihre Existenz. Bei 13 Euro pro Stunde für manch selbstständigen Lehrer bleibt nichts mehr für die Rente.

Wie geht erfolgreiche Migration?

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12 min
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Die Geschichte von Marion Tekolf und Mouctar begann vor drei Jahren, im Sommer 2014. In diesen letzten drei Jahren hat Mouctar, Mitte 20, schreiben, lesen und rechnen gelernt. Weil Tekolf einen Ort aufgebaut hat, an dem Mouctar und viele andere Flüchtlinge die Möglichkeit haben, in Deutschland anzukommen - auch, wenn sie vielleicht nicht bleiben können.

Ohne Asyl kein Integrationskurs

Mouctar spricht, wie viele andere Flüchtlinge aus Westafrika, Französisch. Er kann es aber nicht lesen und auch nicht schreiben. Als er vor drei Jahren in Deutschland ankam, gab es keinen Sprachkurs für ihn, weil er keine Bleibeperspektive hatte. So ging es vielen Flüchtlingen in der Erstaufnahme-Stelle an der Kölner Herkulesstraße. Sie saßen rum. Und sie konnten nichts: nicht zur Schule gehen, nicht die Sprache sprechen. Nur warten.

Marion Tekolf hat damals eher zufällig angefangen, diese Lücke zu füllen. Sie unterrichtet seit 20 Jahren Deutsch als Fremdsprache. Im Sommer 2014 brachte sie Material zum Deutschlernen in die Erstaufnahme-Stelle. Und traf dort auf hunderte Erwachsene, die Deutsch lernen wollten, aber keinen Kurs machen konnten. Sie fing an, ehrenamtlich zu unterrichten. Erst waren es 15 Schüler, dann 30. Sie organisierte, dass der Unterricht in einer Kölner Kneipe stattfinden konnte. Schrieb die Vokabeln an die Tafel einer Kegelbahn, zweimal die Woche. Fing an, Ehrenamtler zu koordinieren. Das Projekt nannte sich nun "AnFangAn". Bezahlt wurde sie nicht.

Die Finanzierung kam nach einem Jahr Unterricht

Integration funktioniert nicht ohne Sprache. Und eine Sprache lernt man am besten, wenn man sich wohl fühlt. "Ich möchte, dass jeder unserer Schüler hier einen Ort findet, an dem er  wertgeschätzt wird", sagt Tekolf. Wertschätzung, das ist das wichtigste bei "AnFangAn" - ob jemand schnell lernt oder langsam, das ist egal. Es gibt keinen Zwang und keinen Wettbewerb. Die Schüler schätzen das. Sie kommen regelmäßig, freiwillig. "Die Regierung schätzt unsere Arbeit eher nicht wert", sagt Oliver Hohengarten. Erst 2015 fand "AnFangAn" eine Finanzierung. Aus einem Fördertopf für Projekte, die es auch Flüchtlingen ohne Bleibeperspektive ermöglichen, Deutsch zu lernen. Da kamen die Kölner Flüchtlinge schon dreimal pro Woche in den Unterricht, inzwischen in einen Raum der Stadtbibliothek.

Tekolf und Hohengarten haben eine Ausbildung, mit der sie Integrationskurse unterrichten könnten. Doch das wollen sie nicht mehr machen. Denn in Integrationskurse werden die Schüler gezwungen - und wenn sie nicht kommen, wird ihnen das Geld gekürzt. "Ich habe noch keine Studie gelesen, in der steht, dass man unter Druck und Zwang gut lernt", sagt Tekolf.

Die Schule gibt Halt im Alltag

Die Flüchtlinge nennen das Projekt nicht "AnFangAn", sondern einfach nur "die Schule". Und für die Schüler ist ihre Schule oft der einzige Anlaufpunkt, den sie in Deutschland haben. Sie lernen hier nicht nur lesen, schreiben und rechnen. Sondern auch, wie man Anträge ausfüllt. Wie man einen Stadtplan liest. Wo Deutschland liegt und wie Europa auf einer Weltkarte aussieht. Die Ehrenamtlichen gehen mit ihnen zu Behörden. Gerade helfen sie Mouctar, dem jungen Mann aus Westafrika, dabei, ein WG-Zimmer in Köln zu finden.

Marion Tekolf und Oliver Hohengarten verdienen nicht gut, aber gerade so genug, um Steuern und Versicherungen zahlen zu können. Aber es gibt auch Deutschlehrer, denen es da anders geht. Die sich noch weniger wertgeschätzt fühlen. Die meisten Deutschlehrer arbeiten in Volkshochschulen oder bei privaten Trägern. Auch die Caritas oder die AWO bieten Deutschkurse an. Wer nicht festangestellt ist, also zum Beispiel an einer staatlichen Schule, der gilt als selbstständig und muss deshalb alle Sozialabgaben selbst zahlen. Nur bei Integrationskursen ist ein Mindesthonorar von 35 Euro pro Stunde festgelegt, in anderen Kursen sind die Löhne geringer. Artur Sieg, Sprecher des Bündnisses von Lehrkräften, die Deutsch als Zweit- und Fremdsprache unterrichten, sagt: "Deshalb muss man etwa 50 Prozent vom Bruttolohn abziehen." Ein durchschnittlicher Netto-Lohn eines Deutschlehrers, der in Vollzeit arbeitet, liege laut Sieg bei etwa 1.300 Euro.

Kein Geld, um in die Rente einzuzahlen

Bei Deutsch-Honorarkräften sind Stundenlöhne unter 20 Euro üblich, wenn man nicht gerade Lehrer in einem Integrationskurs ist. "Wenn ich den vollen Rentenbeitrag zahle, bleibt von meinem Lohn nichts mehr übrig", sagt eine Frau, die anonym bleiben möchte. Sie verdient nur 13 Euro die Stunde. Eine andere erzählt: "Ich habe anderthalb Jahre lang unterrichtet und nicht in die Rentenversicherung eingezahlt. Als ich mich dann doch angemeldet habe, musste ich über 5.000 Euro Beiträge und Strafen nachzahlen." Die Strafen werden höher, Monat für Monat. Vor dieser Nachzahlung haben manche irgendwann so viel Angst, dass sie es vermeiden, sich überhaupt noch anzumelden.

Menschen wie Marion Tekolf, Oliver Hohengarten und die Ehrenamtlichen, die bei "AnFangAn" mithelfen, sind dafür verantwortlich, dass Mouctar und die anderen Schüler die letzten drei Jahre nicht nur rumgesessen haben. Dass sie, wenn sie abgeschoben werden, mehr von Deutschland gesehen haben als die Wohnheimzimmer. Dass sie einen Ort haben, an dem sie  etwas lernen konnten. Mouctar rechnet inzwischen im Zahlenraum bis 1.000.

Neulich ist Tekolf vor dem Unterricht an einem Wahlplakat der SPD vorbeigelaufen. Darauf stand: "Bildung darf nichts kosten. Außer etwas Anstrengung". Da ist sie wütend geworden. Sie hat einen Zettel daneben geklebt, auf dem steht: "Schon geschafft. Dazu gratulieren die prekär beschäftigten Honorarkräfte aus dem Bildungsbereich."

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