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Selbstmorde indischer Bauern - "Schütze dieses Dorf vor Selbstmorden"

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Die Zahlen sind so hoch, dass seit drei Jahren keine Daten mehr veröffentlicht werden. Von 2006 bis 2016 haben in Indien 142.000 Bauern Selbstmord begangen. Vier Fälle pro Tag.

Trauernde Mutter eines verstorbenen Bauern
Trauernde Mutter eines verstorbenen Bauern
Quelle: ZDF

Fast die Hälfte aller indischen Erwerbstätigen arbeitet in der Landwirtschaft, viele Familien sind auf das Einkommen auf den Feldern angewiesen. Doch in vielen Familien steigt nur die Verschuldung, nicht der Ertrag. Fast siebzig Prozent der ländlichen Haushalte haben Kredite aufgenommen, geben mehr aus als sie monatlich verdienen.

Die Gründe dafür sind vielfältig: fallende Verkaufspreise und drastisch steigende Produktionskosten. Saatgut und Dünger sind teuer. Immer öfter fehlt Wasser - das macht den Bauern zu schaffen. Klimawandel und Dürren haben den Grundwasserspiegel erheblich gesenkt, Wasser muss mit Tankern herangeschafft werden. 600 Millionen Menschen, die vom Ackerbau leben, überleben gerade so.

Sie singen "schütze dieses Dorf vor Selbstmorden"

Bauern in Maharaschtra
Bauern in Maharaschtra
Quelle: ZDF

Mumbai, Wirtschaftsmetropole und Heimat der großen Filmindustrie Bollywood, ist die Hauptstadt des Bundesstaates Maharaschtra. Doch während in der Stadt die Kassen klingeln, sieht es im ländlichen Hinterland karg aus: Staub und drückende Hitze statt glänzender klimatisierter Wolkenkratzer. Es ist in Indien die Gegend mit der höchsten Zahl von Selbstmorden.

Laute Stimmen klingen durch den leeren, aber blitzblanken Raum des Kinderheimes. Sie singen: "schütze dieses Dorf vor Selbstmorden". Die Kinder üben für morgen. Am nächsten Tag werden sie dieses Lied in einem Dorf unweit ihres Heims vortragen. Sie wollen aufmerksam machen und versuchen, Kinder vor dem Schicksal zu bewahren, das ihnen widerfahren ist: Waisenkind zu werden, weil sich der Vater, und häufig später auch die Mutter, das Leben genommen haben. In allen Fällen waren die Eltern Bauern, überschuldet, verzweifelt, hoffnungslos.

Kein Foto von den Eltern

Rohit lebt schon seit zehn Jahren in diesem Heim. Er war neun Jahre alt, als Verwandte ihn nach dem Selbstmord des Vaters dort ablieferten. Seine Mutter hat er seitdem nur noch selten gesehen. Sie lebt sieben Stunden Autofahrt entfernt. Keiner von beiden kann sich einen gegenseitigen Besuch leisten. "Schon ganz jung habe ich gelernt, dass mein Leben ein ewiger Kampf ist", sagt Rohit. "Jetzt bin ich alt genug, um eigenständig mein Leben in die Hand zu nehmen. Aber Bauer werden will ich nicht!"

Er zeigt eine kleine Metallkiste, in der er seine Habseligkeiten aufbewahrt. Zeugnisse und die Kopie seines Ausweises liegen drin. Ein Foto seiner Eltern hat er nicht. "Ja, ich bin wütend! Aber nicht wegen meines Schicksals, sondern weil sich nach all den Jahren immer noch Bauern das Leben nehmen. Es muss sich was ändern", fordert er, bevor er wieder die Proben für den nächsten Tag unterstützt.

Ein altes Problem

Verzweiflung klingt auch aus den Worten von Trimbakrao Gaikwad. Er hat das Heim 2007 mit privaten Spenden gegründet. Momentan leben fast 200 Kinder hier, weitere 1.800 stehen auf einer Warteliste. "Seit langem hoffe ich, dieses Heim wieder schließen zu können", erzählt er. "Kinder müssen Zuhause bei ihren Familien aufwachsen. Wann hören das Elend und die Selbstmorde auf?"

Die Probleme der Bauern sind nicht neu. Bei Wahlen stehen ihre prekären Verhältnisse auf den Themenlisten der Parteien. Regelmäßig werden den Bauern Mindestpreise, Erlass von Lohnrückzahlungen und Subventionen versprochen. Doch geändert hat sich bisher nichts.

Selbstmord mit Pestizid

Vergangenes Jahr brachen Tausende Bauern nach Neu-Delhi und Mumbai auf, um dort gegen ihre jämmerlichen Lebensumstände zu demonstrieren. Politisches Gehör fanden sie zumindest ein Stück weit: Auch bei dieser Wahl war ihre Misere ein zentrales Wahlkampfthema zwischen den konkurrierenden großen Parteien, der hindunationalistischen Partei Bharatiya Janata Party (BJP) und der Kongress Partei.

Doch für Prakash Baste kommt Hilfe, falls sie je kommt, zu spät. Während seine Familie bei einer Hochzeit von Verwandten war, ging der Bauer in den kleinen Verschlag außerhalb des Hauses und trank Pestizid, das er vor wenigen Wochen für sein karges Feld gekauft hatte.

Letzte Zwiebelernte liegt unverkauft vor dem Haus

Foto von Bauer Prakash Baste
Foto von Bauer Prakash Baste
Quelle: ZDF

"Um sechs Uhr abends habe ich den Anruf erhalten, dass mein Vater tot ist", erzählt sein Sohn Suraj. "Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Ich muss versuchen, irgendwie in der Stadt Geld zu verdienen." Das Land, das die Familie besitzt, kann sie nicht mehr ernähren. Die letzte Zwiebelernte liegt unverkauft vor dem Haus. Der Verkaufspreis ist so niedrig, dass nicht mal die Anbaukosten damit getragen werden könnten.

"Seit vier Jahren haben wir immense Probleme, mein Vater musste immer mehr Kredite aufnehmen", sagt Suraj. Wie hoch die Gesamtschulden sind, weiß er nicht. Sein Vater hat mit niemandem über die finanziellen Sorgen gesprochen. Eine familiäre Tragödie. Eine weitere Nummer in der trockenen, unsäglich bedrückenden Statistik, die in den weit entfernten Amtsstuben eines Ministeriums in Neu Delhi erfasst wird. Eine Tragödie mit viel zu vielen Akten.

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