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Selbstoptimierung - Selbstvermessung mit Suchtpotenzial

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Heute gibt es kaum noch eine Körperfunktion, die nicht unter Selbstbeobachtung steht. Fitness-Tracker können zu gesundheitsbewusstem Handeln motivieren, bergen aber auch Risiken.

Jogger mit Fitness-App auf Smartphone
Jogger mit Fitness-App auf Smartphone
Quelle: imago

"Die Vermessung der Welt" lautete der Titel der fiktiven Doppelbiografie eines Mathematikers und eines Entdeckers, die 2005 zum Bestseller wurde. Als Abenteurer in fremde Welten aufbrechen können nur die wenigsten, dafür ist die Vermessung eines anderen Kontinents zum Volkssport geworden: die des eigenen Körpers.

Ein Drittel nutzen Fitness-Tracker

Nach einer Umfrage der Branchenverbandes Bitkom nutzt etwa ein Drittel der Bundesbürger ab 14 Jahren so genannte Fitness-Tracker oder Wearables zur Aufzeichnung von Gesundheitswerten. Dazu zählen Fitness-Armbänder, Smartphones mit Fitness-Apps sowie Smartwatches. Die häufigsten gemessenen Werte sind demnach Körpertemperatur, Körpergewicht, Anzahl der gegangenen Schritte sowie die zurückgelegte Strecke.

"Das scheint ein Ansporn zu sein, wenn ich sehe: So viele Schritte habe ich gestern gemacht. Das kann ich vielleicht heute überbieten", sagt die Sportpsychologin Hanna Raven von der Sporthochschule Köln. Es können aber auch die verbrannten Kalorien, die Länge und Tiefe des Schlafes und die Herzfrequenz gemessen werden.

Selbstoptimierung und Einzelveranwortung

Experten sehen diesen Trend an der Schnittstelle von neuen Technologien, kulturellem Wandel und veränderten Kommunikationsverhalten angesiedelt. "Dabei tritt das gesellschaftliche Leitbild der Selbstoptimierung und der Einzelverantwortung stärker in den Vordergrund", schreiben die Autoren der vor wenigen Tagen von der Schweizer Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung vorgelegten Studie "Quantified Self - Schnittstelle zwischen Lifestyle und Medizin." Der Körper werde als Ergebnis der persönlichen Leistung gesehen und nicht mehr als biologisches Schicksal.

Als Chance heben die Autoren der Studie hervor, dass das Wissen über den Körper die Motivation zu Verhaltensänderunen steigern könne. In der Gesundheitsprävention sehen sie demnach viel Potenzial für QS-Technologien.

Große Mängel beim Datenschutz

Ein großes Risiko bestehe allerdings in Persönlichkeitsrechtsverletzungen und Diskriminierungen bei unkontrollierter Weiterverwendung von Daten. Die beim Gebrauch der Produkte gesammelten umfangreiche Personendaten bis hin zu Gesundheitsdaten und Persönlichkeitsprofilen würden häufig nicht in den Geräten selbst analysiert. Stattdessen würden sie an die Hersteller und Dienstleister zur Datenauswertung weitergeleitet.

Innerhalb der EU verstärkt ab Mai die neue Datenschutzgrundverordnung zwar die Auskunftsrechte der Betroffenen. Laut den Verbraucherzentralen Deutschlands halten zahlreiche Anbieter aber nicht einmal das alte Datenschutzrecht ein. In einem Praxistest haben zwölf Testpersonen einen Auskunftsantrag gestellt, nachdem sie eine Fitness-App vier Wochen genutzt hatten. Eine Antwort erhielten nach zwei Anläufen lediglich drei von ihnen.

Studie warnt vor Diskriminierung

Besonders problematisch wird diese Praxis dadurch, dass viele Angebote sich bereits direkt an Krankenkassen und Arbeitgeber wenden. Ein Anbieter auf der Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit (FIBO) wirbt beispielsweise damit "die allgemeine Fitness der Arbeitnehmer zu verbessern, um einen positiven Effekt für Arbeitgeber, Krankenkassen und das Gesundheitssystem zu erreichen".

Die Gefahr, dass Menschen zunehmend diskriminiert werden, die ihre Anstrengungen zur Selbstoptimierung nicht dokumentieren, steigt nach Ansicht der Autoren der "Quantified Self"-Studie.

Ein weiteres Risiko besteht nach Meinung von Psychologen im Suchtpotenzial der Selbstvermessung. "Wenn man merkt, dass man nervös wird, nur weil man den Tracker mal zu Hause vergessen hat, oder wenn das Tracken von Kalorien oder Pulswerten auf einmal Vorrang vor allem anderen hat, sollte man seine Nutzung auf jeden Fall kritisch hinterfragen", rät auch Sportpsychologin Hanna Raven.

Community ist bei jedem Schritt dabei

Mit dem reinen Messen verbinden moderne Fitness-Apps zwei weitere Funktionen. Sie liefern teilweise ausgefeilte Trainings- sowie Ernährungsproramme und sie bieten dem Nutzer eine Community zum Teilen von Erfahrungen und Tipps an. "Das Teilen unserer sportlichen Ergebnisse spricht zwei unserer drei Grundbedürfnisse aus der Motivationspsychologie an: Unser Bedürfnis nach Kompetenz und unser Bedürfnis nach Beziehungen", so Hanna Raven.

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der allmählichen Quantifizierung der Welt. Doch können uns Zahlen die Welt, unser Leben erklären? Darüber spricht Richard David Precht mit dem Physiker, Philosophen und ZDF-Moderator Prof. Harald Lesch.

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43 min
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