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Serengeti und Masai Mara - Wenn Mensch und Tier um Lebensraum streiten

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Jedes Jahr streifen zwei Millionen Gnus, Zebras und Gazellen durch die Steppe Ostafrikas. Das Paradies ist bedroht, weil die Bevölkerung wächst – und mit ihr die Viehherden.

Viehherden am Rande der Masai Mara
Viehherden am Rande der Masai Mara
Quelle: ZDF/Olaf von Gawinski

Sobald die Sonne untergeht, werden sie unruhig, die rund eintausend Kühe am Rande der Masai Mara, dem nördlichen Teil der Serengeti. Dann ist nichts mehr zu spüren von der Romantik der endlosen Savanne Ostafrikas, die Bernhard Grzimek einst heraufbeschworen hatte. Dann sind da trampelnde und blökende Viehherden, dazwischen rufen Massai Kommandos. Aus sechs umliegenden Dörfern haben sie die Tiere zusammengetrieben, zwanzig Kilometer weit laufen sie heute Nacht in den Nationalpark. Freiwillig tun sie das nicht.

"Es ist gefährlich wegen der Löwen, Elefanten, Büffel und Hyänen. Deshalb schützen wir die Herde mit Speeren und Pfeil und Bogen. Manchmal verlieren wir Kühe an die Löwen, wenn wir nicht vorsichtig genug sind", sagt Ole Musukut, einer der Massai. Die Nutztiere sind im Park verboten, werden die Hirten von Rangern erwischt, kostet sie das umgerechnet knapp 90 Euro. Können sie das nicht bezahlen, droht das Gefängnis. Doch die Dürre macht den Massai zu schaffen, außerhalb des geschützten Gebiets finden sie kaum noch saftiges Gras für ihre Tiere.

Weil die Ortschaften immer näher an die Nationalparks heranwachsen, wird der Lebensraum der Wildtiere stetig kleiner. Gnus, Zebras und Antilopen ziehen immer kleinere Kreise auf ihren Wanderungen.

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Bevölkerung um geschütztes Ökosystem wächst

Die Situation hat sich in den vergangen Jahren dramatisch verschärft, weil die Bevölkerung rund um den Nationalpark wächst, zwischen 1999 und 2012 jährlich um 2,4 Prozent. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze, die Menschen ziehen aus dem Umland an den Park.

Die Mehrheit der Bewohner gehört zur Volksgruppe der Massai. Es ist die traurige Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das Nomadenvolk, das seit Jahrhunderten durch die Steppe Ostafrikas zieht, jetzt zur Bedrohung für seine Heimat geworden sein soll. Vieh ist für die Massai traditionell nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Statussymbol und dient als Sozialversicherung für schlechte Zeiten.

Werden die Tiere in den Park getrieben, können sie Krankheiten an Wildtiere übertragen. Sie konkurrieren mit den Zebras und Gnus, diese ziehen sich immer weiter ins Innere des Parks zurück und belasten dort das Weideland. Die Schneisen, die das Vieh in das Grasland zieht, verhindern die Ausbreitung von Buschbränden. Die sind wichtig für das Ökosystem, sorgen sie doch für fruchtbare Böden.

Fortschritt birgt Gefahr für Tiere

Dr. Joseph Ogutu in seinem Büro in Hohenheim
Dr. Joseph Ogutu in seinem Büro in Hohenheim
Quelle: ZDF

"Die Anzahl des Viehs, das illegal in den Park getrieben wird, ist seit 1997 um eintausend Prozent gestiegen", sagt Joseph Ogutu. Seit Jahren erforscht er die Tierwelt Ostafrikas, ist Mitautor eines kürzlich in der "Science" erschienen Artikels. Die Wissenschaftler haben über vier Jahrzehnte reichende Datensätze zu Folgen der menschlichen Siedlung rund um das Naturschutzgebiet ausgewertet. Sie zeichnen ein bedrohliches Szenario, die Bestände der 15 häufigsten Wildtierarten in der Masai Mara seien um 40 bis 93 Prozent zurückgegangen.

Auch die Lebensweise der Massai ist im Wandel. Viele von ihnen werden sesshaft, es werden immer mehr Häuser rund um die Parks gebaut. Für die Bewohner bringt das Fortschritt. "Früher mussten wir sehr weit laufen, um Dinge zu kaufen. Heute haben wir die Läden direkt neben den Dörfern", sagt Musukut.

Massai Ole Musukut mit seiner Viehherde am Rande der Masai Mara
Massai Ole Musukut mit seiner Viehherde am Rande der Masai Mara
Quelle: ZDF

Für die Tierwelt bringt das Gefahren. Häuser und Hütten werden näher an den Park gebaut, teilweise innerhalb der Grenzen. Der Anteil der Ackerfläche stieg von 37 Prozent 1984 auf 54 Prozent 2018. Dörfer grenzen ihr Weideland mit Zäunen ein, um es vor Wildtieren und den Kühen der Nachbardörfer zu schützen.

Diese sind eine Gefahr für die große Wanderung der rund zwei Millionen Grasfresser, die jedes Jahr die Serengeti und Masai Mara durchstreifen. Dabei beschränken sie sich nicht auf die Grenzen des Nationalparks, sondern bewegen sich auch außerhalb. "Die Zäune blockieren die Routen der Gnus und anderer Tiere der großen Wanderung", sagt Ogutu. "Viele von ihnen verfangen sich in den Zäunen und sterben."

Koexistenz statt Konkurrenz

Umkehrbar sind diese Entwicklungen nicht. Schätzungen der UN gehen davon aus, dass sich die Einwohnerzahlen Afrikas bis 2100 vervierfachen. "Es wird nicht möglich sein, die Menschen zu zwingen, weniger zu werden", warnt Ogutu. "Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die mit Wildtieren leben, davon profitieren." Bislang könnten sie das kaum - vom Tourismus könne längst nicht jeder leben.

Es müssen neue Wege gefunden werden, um aus der Konkurrenz zwischen Mensch und Tier um eine der letzten verbleidenden Naturparadiese Afrikas wieder eine Koexistenz zu machen. Sonst ist eines der letzten Rückzugsgebiete für Löwen, Elefanten, Büffel, Zebras und Giraffen in Gefahr.

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