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Trend am Buchmarkt - "Wir lassen uns von Serien hereinlegen"

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Die Welt scheint aus den Fugen geraten. Da können Serien Orientierung bieten, sagt der Germanist Andreas Stuhlmann. Sie boomten nicht nur im Fernsehen, sondern auch bei Büchern.

Bücher auf einem Messestand der Frankfurter Buchmesse 2018
Bücher auf einem Messestand der Frankfurter Buchmesse 2018 Quelle: dpa

heute.de: Wie erklären Sie sich den Serien-Trend auf dem Buchmarkt?

Andreas Stuhlmann: Bücher-Serien sind nichts Neues. Aber der Trend der letzten Jahre sagt viel über unsere Zeit aus. Unser Alltag ändert sich rapide. Wir haben das Gefühl, mit unkalkulierbaren Risiken zu leben. Da wächst die Sehnsucht nach Kontinuität, nach vertrauten Mustern und dauerhaften emotionalen Bindungen. Serien liefern da etwas Orientierung.

heute.de: Der Mensch gilt als Gewohnheitstier - auch beim Lesen?

Stuhlmann: Ein dicker, anspruchsvoller Roman mit komplexer Handlung und vielen Figuren schreckt uns oft ab. Auf der anderen Seite lieben wir das Lese-Erlebnis. Serien ermöglichen es, uns von einer komplexen Handlung über einen langen Zeitraum tragen zu lassen. Wir lieben es, in eine neue Welt einzutauchen und mit den Figuren vertraut zu werden, so als ob sie unsere Freunde werden.

heute.de: Unterm Strich liest sich ein dicker Schinken aber schneller als zig Bücher einer Serie.

Stuhlmann: Wir lassen uns von Serien hereinlegen. Sie verführen uns, die Scheu vor dem dicken Buch zu überwinden. Wir schrecken vielleicht vor den 800 Seiten von Tolstois "Krieg und Frieden" zurück, geben dem Roman aber eher eine Chance, der uns auf vielleicht nur 300 Seiten in eine neue Welt einlädt. Und ehe wir uns versehen, haben wir uns drei oder vier Mal durch 300 Seiten gefressen. Wir lesen scheinbar lieber seriell monogam als dass wir uns ewig binden.

heute.de: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Serien-Boom im Fernsehen und Büchern?

Stuhlmann: Ja. Das serielle Erzählen hat seinen Ursprung in der Literatur, sogar bei mündlichen Erzähltraditionen wie Märchen, Epen oder Sagen. Die Rezepte dieser Geschichten prägen Literatur und Fernsehen bis heute. Besonders das amerikanische Fernsehen experimentiert mit sehr komplexen Serien, die sieben, acht oder zehn Jahre laufen. Viele dieser Serien haben literarische Vorlagen.

heute.de: Zum Beispiel?

Stuhlmann: "True Blood", "Vampire Diaries" oder "Game of Thrones" und aus deutscher Sicht besonders erfreulich "Babylon Berlin", das auf den Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher beruht. Der Serien-Boom im Fernsehen ermuntert Verlage, serielle Formate auszuprobieren.

heute.de: Rümpfen Sie als Germanist über Serien die Nase?

Stuhlmann: Im Gegenteil. Bücher in Serienform fangen unsere Gegenwart ausgesprochen gekonnt ein und sind formal oft komplex, zum Beispiel die Serie des Norwegers Karl Ove Knausgård mit dem provokanten Titel "Mein Kampf". Oder der deutsche Autor Andreas Maier mit "Ortsumgehung". Maier entführt in die tiefste Provinz der Wetterau zwischen Vogelsberg und Taunus. Er bricht mit Klischees und Erzählkonventionen und erfindet nebenbei das Genre der Heimatliteratur ganz neu, das ja selbst ganz eng mit regionalen Klischees und Stereotypen verbunden ist. Vergleicht man etwa Maier mit der Tradition des seriellen Erzählens der letzten 50 Jahre, kommt man zum Ergebnis: Hut ab! Maier schafft es, zugänglicher zu schreiben, ohne deshalb anspruchsloser zu sein. 

heute.de: Noch mehr als für die Wetterau interessieren sich die Leser aber für skandinavische Autoren. Wie erklären Sie sich diesen Boom?

Stuhlmann: Die skandinavische Literatur schlägt seit Jahrzehnten eine Bresche für wichtige politische und soziale Themen, aber verpackt in spannenden, packenden Erzählungen – und das in Serie. Die deutschen Serien-Krimis von Jan Weilers "Kühn" über Norbert Horsts Dortmunder "Steiger" bis zur enorm erfolgreichen "Kluftinger"-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr haben da viel gelernt.

heute.de: Sie lehren in Nordamerika. Welche Unterschiede stellen Sie zwischen nordamerikanischen und deutschen Buch-Serien fest?

Stuhlmann: Besonders in den USA hat serielles Erzählen eine längere Tradition und ist viel tiefer verwurzelt. Amerikanische Star-Autoren wie William Faulkner oder Philip Roth zeigen eine tiefe regionale Verwurzelung, aus der sie eine eigene fiktionale Welt erschaffen haben. In dieser Welt siedeln sie immer neue Geschichten an, sodass eine Form von Serialität entsteht. Das gibt es mit wenigen Ausnahmen im deutschen Buchmarkt so nicht. Selbst in Günter Grass’ Danziger Trilogie oder Martin Walsers Bodensee-Romanen stehen Zeitgeschichte und Politik klar vor dem regionalen Bezug.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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