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Seehofers Abschied aus München - Ich habe (fast) fertig!

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Er eroberte einst für die CSU die absolute Mehrheit zurück und wurde später "ordentlich demontiert": Nun scheidet Horst Seehofer aus dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten.

Horst Seehofer
Horst Seehofer Quelle: dpa

Es gibt da dieses Bismarckbild, das in keinem Geschichtsbuch fehlt. Der alte Reichskanzler verlässt über eine Außentreppe einen riesigen Dampfer, Kaiser Wilhelm steht an der Reling und sieht ihm scheinbar wehmütig hinterher. "Der Lotse geht von Bord", heißt es. In Wahrheit ist der Kaiser nicht wehmütig - im Gegenteil: Seinen Fürsten Bismarck hielt Wilhelm für einen Mann von vorgestern. Der so Geschmähte sparte ebenfalls nicht mit Kritik. Der Kaiser sei ein "Brausekopf", nicht fähig, das Land in eine gute Zukunft zu führen.

Bismark und der (junge) Kaiser

Horst Seehofer mit Markus Söder
Horst Seehofer mit Markus Söder Quelle: epa

Würde man dieses Bild auf das heutige Bayern übertragen, so wäre Markus Söder zweifellos der (junge) Kaiser. Seiner monarchischen Ader hatte Söder jüngst auf dem Fasching in Veitshöchheim Ausdruck verliehen, zu dem er als Prinzregent Luitpold erschienen war. Horst Seehofer mit Bismarck zu vergleichen, hieße, ihm Unrecht zu tun und ihn gleichzeitig zu überhöhen. Bismarck war fettleibig und fresssüchtig. Beides kann man Horst Seehofer nicht nachsagen. Auf der anderen Seite war Bismarck DER Reichsgründer. Das wiederum würde Seehofer bei aller Unbescheidenheit nicht von sich behaupten.

In der Einschätzung des jeweils anderen aber, könnten die Parallelen kaum auffälliger sein. Dass Markus Söder seinen Bald-Vorgänger Seehofer für einen Mann von gestern hält, darf als gesichert gelten. Genauso wahrscheinlich ist, dass Horst Seehofer in seinem Viel-zu-bald-Nachfolger einen "Brausekopf" der reinsten Sorte sieht. Dass man Söder Bayern nicht anvertrauen dürfe, streuten die Vertrauten des Noch-Ministerpräsidenten jahrelang in unzähligen Hintergrundgesprächen. Genützt hat es nichts.

Glänzende Augen in der Landtagsfraktion

Die vergangenen Monate seien gezielt zu seiner Demontage genutzt worden, beklagte Horst Seehofer Anfang März gegenüber der Süddeutschen Zeitung und ein wenig wirkte er dabei wie der frühere Bayerntrainer Giovanni Trapattoni. Der degradierte seine Mannen samt und sonders zu "Flaschen"und beendete die zu diesem Zweck einberufene Pressekonferenz sodann mit dem legendären Satz: "Ich habe fertig!" Nun, ganz fertig hat Horst Seehofer noch nicht. Der neuen Bundesregierung wird er als Innen- und Heimatminister angehören. Und hier beginnen selbst die Augen seiner ärgsten Gegner - vulgo: Landtagsfraktion - zu glänzen.

"Hervorragend!", "Ausgezeichnet verhandelt!", "Das kann er!": So ließen sich Abgeordnete auf den Fluren des Landtags vernehmen, als die Nachricht durchsickerte, der CSU habe man das Bundesinnenministerium zugeschlagen. Seehofer, der versierte Taktiker, hatte es nochmal allen gezeigt. So, wie 2013, als er für seine Partei die absolute Mehrheit zurückeroberte, die sie unter dem glücklosen Duo Huber/Beckstein krachend verloren hatte. Seehofer, der unverhoffte Retter. Einer, der aus Berlin kam und als Landwirtschaftsminister wenig galt. Zumal in der CSU-Landtagsfraktion, die alles, was aus dem hohen Norden kommt, mit einer kaum zu überwindenden Skepsis betrachtet.

Ziemlich viele kritische Einzelstimmen

Der CSU-Fraktionsvorsitzende Thomas Kreuzer ist gegenüber dem ZDF bemüht, das Zerwürfnis zwischen den Abgeordneten und ihrem Stiefbruder Seehofer herunterzuspielen. "Es mag einzelne kritische Stimmen gegeben haben, aber die Fraktion hat das Verfahren (für den Übergang Anm. d. Redaktion) immer mit Horst Seehofer abgestimmt und sich daran gehalten." Nun, es waren ziemlich viele, einzelne Stimmen, die Horst Seehofer nicht nur den schlechten Ausgang der Bundestagswahl anlasteten. Auch, dass er sich monatelang wegen langwieriger Koalitionsverhandlungen kaum in München blicken ließ, wurde ihm ernsthaft vorgeworfen. 

Vergessen? Nicht ganz. "Sie können eine Partei retten, sie können sie nach oben führen, aber sie werden nicht erleben, dass letzten Endes Dankbarkeit dafür herrscht", resümiert ein gekränkt wirkender Horst Seehofer gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Seine eigene Bilanz trägt dagegen Bismarcksche Züge: "Bayern stand in seiner tausendjährigen Geschichte noch nie so gut da!" Hat er Recht? CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer formuliert es gegenüber dem ZDF etwas zurückhaltender: "Bayern hat mit Horst Seehofer an der Spitze eine positive Entwicklung in allen Bereichen erlebt", so Kreuzer. "Signalwirkung für ganz Bayern hatten das Uniklinikum Augsburg, der Konzertsaal in München und die Universität Nürnberg."

Seehofer, der Scheinriese?

Da legt selbst die Opposition - gefühlt - noch einmal nach: "Bayern steht sehr gut da", sagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Ludwig Hartmann dem ZDF. Aber gerade weil das so ist, hätte man von Seehofer mehr erwarten können. "Ob Studiengebühren, ein weiterer Nationalpark oder die dritte Startbahn am Münchner Flughafen: Seehofer hat eigentlich nicht viel zu Ende gebracht", so Hartmann. "Nach der Rückeroberung der absoluten Mehrheit wurde Seehofer zum Scheinriesen."

Diesen Eindruck zu wiederlegen, mag sich Seehofer nun zur Aufgabe gemacht haben. Quasi ein Bismarck, der das bayerische Schiff verlässt, um das - aus seiner Sicht - viel größere Berliner Schiff mit auf den richtigen Kurs zu bringen. Als Bundesinnen- und Heimatminister kann der CSU-Chef nun all die Themen bespielen, die für seine Partei in diesem Wahljahr wichtig sein werden: Zuwanderung, gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland, innere Sicherheit. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Markus Söder und der Lotse Seehofer diese Gelegenheit nicht beim Schopfe packen würden. Noch sind diesbezüglich alle Wetten offen.

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