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Sexualkundeunterricht in den USA - Let’s (not) talk about sex

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Abstinenz oder Aufklärung: Was Schüler in den USA im Sexualkundeunterricht lernen sollen, ist hart umkämpft und variiert von Bundesstaat zu Bundesstaat.

Figuren von Mann und Frau und Kondom in einem Heft (Symbolfoto)
Figuren von Mann und Frau und Kondom in einem Heft (Symbolfoto)
Quelle: imago

"Hey, du Transe, du wirst in der Hölle schmoren." Solche Bemerkungen hat Quinn Robinson schon oft gehört. Die 18-Jährige lebt in einer Kleinstadt in Michigan - mitten im konservativ-religiösen Bible Belt. An ihrer Highschool sind schwul, lesbisch und transgender Schimpfwörter. Im Sexualkundeunterricht ist das Thema sexuelle Identität tabu. Laut Lehrplan soll es vor allen Dingen um Abstinenz gehen. Das Programm heißt "Willing to Wait". Die Botschaft lautet: Spart euch Sex für die Ehe auf.

Der Versuch einer Lehrerin, das Curriculum zu modernisieren, löste im vergangenen Jahr eine Welle des Protests aus. Eltern demonstrierten bei öffentlichen Anhörungen. "Wer die göttliche Natur, die Erschaffung von Mann und Frau hinterfragt, diskreditiert Gott", sagte eine der protestierenden Mütter der Reporterin des Radiosenders NPR.

Abstinenz statt Aufklärung

Sexualkundeunterricht ist auch im Jahr 2019 ein umstrittenes Thema in den USA, nicht nur in traditionell konservativ-christlich geprägten Bundesstaaten wie Michigan. Im liberalen Kalifornien hat das Bildungsministerium gerade den Sexualkunde-Lehrplan überarbeitet und modernisiert. Lehrer sollen künftig neben Pubertät, Sex und Verhütung auch über Homosexualität und Transsexualität, einvernehmlichen Sex und illegalen Sexhandel mit ihren Schülern diskutieren. Tausende protestieren gegen die neuen Richtlinien. "Homosexualität ist kein Recht, sondern ein perverser Lebensstil", schrie einer der Demonstranten in die Fernsehkameras.

Laut Umfragen findet die Mehrheit der Eltern in den USA zwar, dass Sexualkunde ab der 7. Klasse sinnvoll ist. Welche Inhalte vermittelt werden sollen, ist allerdings umstritten. Laut einer Studie des liberalen Think Tank "Center for American Progress" ist Sexualkunde an öffentlichen Schulen in gerade einmal 25 von 50 Bundesstaaten Pflicht. In fast allen Schulbezirken können Eltern ihre Kinder von der Teilnahme am Sexualkundeunterricht befreien lassen.

In 34 Bundesstaaten ist die Aufklärung über HIV/AIDS vorgeschrieben. Themen wie sexuelle Belästigung, Umgang mit Sexting und Pornographie in sozialen Medien, sexuelle Orientierung und Transsexualität sind dagegen nur in wenigen Schulen Teil des Unterrichts. "Der Unterricht variiert von Bundesstaat zu Bundesstaat und von Schul-Bezirk zu Schul-Bezirk, manchmal sogar von Klasse zu Klasse", sagt Nora Gelperin, Expertin der Non-Profit-Organisation "Advocates for Youth". "Es ist reine Glückssache, was Jugendliche in Sexualkunde lernen."

#MeToo mischt die Lehrpläne auf

Seit die #MeToo-Bewegung vor drei Jahren eine öffentliche Debatte über sexuelle Gewalt und Missbrauch ausgelöst hat, hat allerdings ein Umdenken eingesetzt. Politiker und Bildungsexperten in vielen Bundesstaaten haben begonnen, Gesetze und Lehrpläne zu überarbeiten. Das sei auch bitter nötig, meinen Experten. Eine umfassende Aufklärung sei der logische nächste Schritt nach #MeToo. Ein offener Sexualkundeunterricht könne entscheidend dazu beitragen, die Kultur im Umgang mit Sexualität positiv zu verändern und sexueller Gewalt vorbeugen.

"Und wir brauchen inklusive Lehrpläne", sagt Expertin Gelperin. "Denn auch Jugendliche, die sich als transsexuell identifizieren, haben ein Recht auf Unterricht, der auf ihre Sexualität, auf ihre Fragen und ihre Bedürfnisse eingeht."

Das sehen besorgte Eltern, religiöse Hardliner und ultrakonservative Politiker weiterhin völlig anders. Die Liste der Organisationen, die gegen "den Verfall von Bildung und die Verbreitung gottloser Philosophien" an öffentlichen Schulen kämpfen, ist lang. Der "California Family Council" verkündet auf seiner Webseite seine Mission so: "Wir bringen Gottes Design für Leben, Familie und Freiheit weiter voran." Sexualkundeunterricht, der mehr beinhaltet als das Thema Abstinenz, ist dabei nicht vorgesehen.

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