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"Es ging um Gesundheit, nicht um Lust"

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50 Jahre Sexualkunde-Atlas - "Es ging um Gesundheit, nicht um Lust"

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1969 sorgte er für eine Mini-Revolution: Der Sexualkunde-Atlas. Jugendliche sollten ein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität entwickeln. Aufklärungsbedarf besteht noch immer.

Er ist erst 50 Jahre alt – und wirkt doch völlig aus der Zeit gefallen: Ein Sexualkunde-Atlas sollte im Jahr 1969 Jugendliche über intime Fragen aufklären – finanziert vom SPD-geführten Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit. Das war nicht mal der liberalen FDP-Frau Hildegard Hamm-Brücher geheuer. Der "Spiegel“ zitierte sie damals mit den Worten: "Dieses Buch würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben."

Weitgehend prüde Bundesrepublik

Dieses Buch würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben.
Hildegard Hamm-Brücher, FDP-Politikerin, 1969 im Spiegel

1969 war zwar bereits ein Jahr nach dem Revolutionsjahr 1968 – doch die Bundesrepublik war nach wie vor ziemlich prüde. Schon gewisse Formulierungen im Sexualkunde-Atlas galten als anstößig, etwa: "Der Schamberg ist ein behaartes Fettpolster oberhalb der Scheide." Ein katholischer Elternvertreter kritisierte, sexuelle Vorgänge würden "so selbstverständlich geschildert wie das Atmen und das Naseputzen". Moniert wurden auch Abbildungen, die Penis-Bilder mit Syphilis zeigten – oder der nonchalante Umgang mit Selbstbefriedigung, Petting oder Homosexualität.

Obwohl die Publikation vom SPD-geführten Jugendministerium mitfinanziert wurde, war sie in manchen SPD-regierten Bundesländern nicht für den Unterricht zugelassen. Die Kontroverse um den Sexualkunde-Atlas erwies sich freilich als verkaufsfördernd. Die erste Auflage mit 100.000 Exemplaren war schnell vergriffen.

40 Millionen schauen Aufklärungsfilm

"Um die Enttabuisierung von Sexualität wurde gerungen“, schlussfolgert Elisabeth Tuider, Soziologie-Professorin an der Uni Kassel. Allerdings ging es weitgehend "um Gesundheit, nicht um Lust", sagt Tuider über den Sexualkunde-Atlas. Auftraggeber war die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diese hatte vor allem gesundheitliche Fragen im Blick – etwa die Vermeidung ungewollter Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten.

Das Buch war nicht die einzige Offensive in Sachen Sexualkunde. Die damalige SPD-Jugendministerin Kätel Strobel "ließ auch den Aufklärungsfilm 'Helga' produzieren", schreibt Susanne Eyssen in einem Buch über SPD-Frauen. Der Film wurde in Kinos ausgestrahlt und "mit 40 Millionen Zuschauern zum erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm".

Ideal der sexuellen Selbstbestimmung

Die sexuelle Revolution gewann in den 1970er-Jahren an Fahrt. Laut der Theologin Katharina Ebner setzte sich das Ideal der sexuellen Selbstbestimmung durch. "Lange Zeit ging es in der Sexualpädagogik um Sittlichkeit und Fortpflanzung", sagt Ebner. Fortan ging es nicht mehr nur um Bienen und Babys, sondern auch um Lust, sexuelle Freiheit und Vielfalt. "Aber die Sexualerziehung bleibt ein Politikum", bilanziert Ebner, die an der Universität Bonn forscht. "Die große Frage lautet: Welche Werte wollen wir als Gesellschaft vermitteln? Und da gehen die Meinungen auseinander." Liberale Milieus hätten hier andere Vorstellungen als christliche oder muslimische Fundamentalisten.

Aber die Sexualerziehung bleibt ein Politikum. Die große Frage lautet: Welche Werte wollen wir als Gesellschaft vermitteln? Und da gehen die Meinungen auseinander.
Katharina Ebner, Theologin

Laut Elisabeth Tuider hatte bereits 1968 die Kultusministerkonferenz beschlossen: Die schulische Sexualerziehung solle fächerübergreifend gestaltet werden. "Sexualerziehung ging seitdem alle Lehrerinnen und Lehrer an, also nicht nur den Biologie-Lehrer", sagt Tuider. Doch auch heute noch lasse so mancher Unterricht zu wünschen übrig. Zu selten finde die Sexualziehung wirklich fächerübergreifend statt, kritisiert Tuider.

Die Soziologin bemängelt auch eine "zu biologistische Perspektive" auf das Thema Sexualität. Es gehe meistens um die körperliche Entwicklung in der Pubertät – und nicht um die Gestaltung von Beziehungen, sexueller Vielfalt oder die Frage: "Bin ich normal?" Für Tuider "sind das aber gerade die Fragen, die Jugendliche interessieren und umtreiben".

Sextortion: Erpressung mit Nacktfotos

"Facebook ist viel weiter als viele Lehrerinnen und Lehrer.
Elisabeth Tuider, Soziologin

"Facebook ist viel weiter als viele Lehrerinnen und Lehrer", sagt Tuider – und spielt darauf an, dass Facebook aus 60 möglichen Geschlechtsidentitäten auswählen lässt. Selbst wer so manche Ergebnisse der Gender Studies ablehne: Am Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlechtseintrag komme keine Schule mehr vorbei, sagt Tuider: "Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Die Begriffe Mann und Frau, männlich und weiblich reichen nicht mehr aus."

Die Soziologin plädiert für einen unverkrampften Umgang mit den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Eltern, Lehrer und Pädagoginnen sollten deren Fragen ernst nehmen – schließlich seien junge Menschen durch soziale Medien und Pornos im Internet ohnehin ständig mit Sexualität konfrontiert. Vor allem die Medienkompetenz in der sexuellen Bildung sieht Tuider gefragt. Sextortion gehöre zum Alltag vieler Jugendlicher: Sie erpressen sich gegenseitig damit, Nacktfotos zu veröffentlichen.

Pornografie ist ein Milliardengeschäft. Und mittendrin: Deutschland. Viele profitieren davon, und Experten warnen vor Schattenseiten.

Beitragslänge:
88 min
Datum:

Schönheitswahn auch unter Männern

Sexualität, Geschlecht, Beziehung, Körpernormen und Schönheitsvorstellungen unterliegen Veränderungen, sagt Tuider. "Früher waren es junge Frauen, die mit Brust, Lippe, Nase unzufrieden waren oder sich im Genitalbereich operieren ließen." Nun gebe es "immer mehr junge Männer, die sich für einen Waschbrettbauch unters Messer legen".

Auf die Sexualerziehung von heute warten also viele Aufgaben. Für Tuider ist wichtig, dass Sexualerziehung stärker als Querschnittsaufgabe umgesetzt wird – und sich die Lehrer an den Fragen und Anliegen der Jugendlichen orientieren. Vom Sport- bis zum Deutschunterricht könne Sexualaufklärung stattfinden, ist Tuider überzeugt: "Im Gangsta-Rap kann man analysieren, wie Stereotype über Geschlechter und gewaltvolle Kommunikation funktionieren."

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