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Sexuelle Belästigung - Weinstein-Affäre hält Hollywood den Spiegel vor

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Über Jahrzehnte soll der Starproduzent Harvey Weinstein Frauen sexuell belästigt haben. Für die Filmwelt ist es ein Skandal, für Insider nichts Neues. Das Macho-Gehabe der Studio-Bosse war für viele ein offenes Geheimnis.

Würde es sich um einen Film handeln, hätte Harvey Weinstein die Szenen wohl rausschneiden lassen - so klischeehaft ist das, was dem Produzenten vorgeworfen wird: die billigen Verführungsversuche, die Aufforderungen zur Massage und die mit der Arroganz des Mächtigen vorgebrachten Anzüglichkeiten. Die "Los Angeles Times" verglich die mutmaßlichen Übergriffe mit "Genre-Klassikern".

Sexismus lange "als Teil des Geschäfts"

Und vieles deutet darauf hin, dass Weinstein kein Einzelfall ist. Sexismus galt in Hollywood lange gar als "Teil des Geschäfts". Doch der Widerstand dagegen wächst. Es könnte der Anfang eines Umbruchs sein. Denn der jähe Absturz des Mitbegründers von "The Weinstein Company" hat die Schattenseiten einer Branche offengelegt, die bisher über jede Kritik erhaben schien. Auf der Leinwand werden viele weibliche Stars zwar bewundert, hinter den Kulissen herrscht aber oft massive Diskriminierung - von ungerechter Bezahlung und ungleichen Karriere-Chancen bis hin zur Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen. Männer wie Weinstein - mit Einfluss, Geld und guten Anwälten - durften sich bisher offenbar alles erlauben.

Doch damit könnte bald Schluss sein. "Es bahnt sich gerade ein gravierender Wandel an. Immer mehr Leute haben den Mut zu sagen: 'Es reicht'", sagt Melissa Silverstein, die sich mit ihrem Blog "Women and Hollywood" für Gleichberechtigung in der Filmwelt einsetzt. "Der Ton in der Geschlechterdebatte in Hollywood hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert."

Studien weisen auf Missstände hin

In Studien wurde schon häufig auf die Missstände hingewiesen. Nach Angaben der Annenberg School of Communication and Journalism an der University of California hatten 2016 nur vier Prozent der kommerziell wichtigsten Produktionen weibliche Regisseure. Die Ungleichheit führte sogar zu Ermittlungen der Equal Employment Opportunity Commission, der für den Abbau von Diskriminierung zuständigen US-Bundesbehörde. Die ungerechte Bezahlung hatten zuletzt auch Stars wie Jennifer Lawrence und Emma Stone öffentlich angeprangert.

Doch vor allem die männliche Dominanz in den Chef-Etagen der Studios hat womöglich dazu beigetragen, dass Vorfälle wie die mutmaßlichen Übergriffe Weinsteins geschehen und geduldet werden konnten. "Es war ein offenes Geheimnis", sagt die Schauspielerin Greta Gerwig, die mit "Lady Bird" demnächst ihr Regie-Debüt feiert. "Es macht mich wirklich traurig und deprimiert, aber ich bin nicht überrascht."

Weinstein soll mindestens acht Frauen belästigt haben

Am Donnerstag hatte die "New York Times" berichtet, dass sich Weinstein mit mindestens acht Frauen nach sexuellen Belästigungen außergerichtlich geeinigt habe. Die Schauspielerin Ashley Judd beschrieb eine Szene vor zwei Jahrzehnten: Weinstein habe sie in sein Hotelzimmer gebeten, sie im Bademantel begrüßt und gefragt, ob sie ihn massieren würde oder ob sie ihm beim Duschen zusehen wolle, hieß es. Nach der Veröffentlichung sprachen viele Prominente Judd und den anderen Betroffenen ihre Unterstützung aus.

Meryl Streep, die mit Filmen von Weinstein große Erfolge gefeiert hat, bezeichnete die Übergriffe am Montag als "unverzeihlich". Zugleich betonte sie aber, dass sie selbst nie schlechte Erfahrungen mit dem Produzenten gemacht habe. "Eines sollte klargestellt werden. Nicht jeder hat es gewusst", sagte sie. Ähnlich äußerte sich am Dienstag Jennifer Lawrence. "Diese Art von Missbrauch ist nicht zu entschuldigen und absolut erschütternd", hieß es in einer Mitteilung der Schauspielerin, die für ihre Rolle in der Weinstein-Produktion "Silver Linings" 2013 einen Oscar erhielt. Auch sie sei aber nie belästigt worden und habe erst durch den Zeitungsbericht von den Vorfällen erfahren.

Die meisten derer, die sich zu Wort meldeten, waren allerdings Frauen. Die Schauspielerin Lena Dunham forderte in einem Gastbeitrag in der "New York Times" daher eine deutlichere Reaktion auch von männlichen Kollegen. Männer hätten bei diesem Thema am wenigsten zu verlieren und könnten zugleich am meisten bewirken, schrieb sie. Außerdem hätten sie dabei vermutlich nicht in gleicher Art mit kollektiven und persönlichen Traumata zu kämpfen. Um wirklich eine Veränderung herbeizuführen, müsse noch mehr passieren, sagte Rose McGowan dem Branchenmagazin "The Hollywood Reporter". Nach Angaben der "New York Times" war es 1997 nach einem Vorfall in einem Hotelzimmer während des Sundance Film Festival zu einer außergerichtlichen Abmachung zwischen Weinstein und der Schauspielerin gekommen. Im vergangenen Jahr hatte sie per Twitter erklärt, ein Studio-Boss, den sie nicht namentlich nennen wolle, habe sie einst vergewaltigt. Die Männer in Hollywood müssten ihr Verhalten schleunigst ändern, betonte McGowan am Sonntag. Gerade in den vergangenen Monaten hatten sich die Skandale in der Branche gehäuft.

Immer mehr Frauen treten an die Öffentlichkeit

Im August wurden zwei leitende Angestellte des renommierten unabhängigen Hollywood-Kinos Cinefamily wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe entlassen. Im September kappte die Kino-Kette Alamo Drafthouse wegen ähnlicher Vorwürfe ihre Beziehungen zu den Filmkritikern Harry Knowles und Devin Faraci. Bei Amazon wurden interne Untersuchungen gegen Roy Price, Leiter von Amazon Studios, wegen anzüglicher Bemerkungen gegenüber der Produzentin Isa Hackett eingeleitet.

Nach Informationen von Kim Masters, Sonderkorrespondentin beim "Hollywood Reporter", hat Price die gleichen Anwälte engagiert wie Weinstein. "Ab einem gewissen Wendepunkt haben sich in der Branche immer mehr Frauen hervorgewagt. Und immer mehr Männer, die sich darüber im Klaren sind, dass sie sich nicht korrekt verhalten haben, werden logischerweise nervös", sagt die Journalistin. Die Enthüllungen würden nun auch bei anderen Frauen, die sich in der Vergangenheit mit solchen Dingen abgefunden hätten, weil sie einfach machtlos gewesen seien, alte Wunden aufreißen. "Vielleicht fühlen auch sie sich jetzt ermutigt."

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