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Ein Koloss der Musikbranche wankt - Sex-Vorwürfe gegen R. Kelly werden lauter

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In der Filmbranche stürzte Harvey Weinstein, im Entertainment Bill Cosby. In der US-Musikindustrie könnte R. Kelly der erste hochkarätige Sänger werden, den alte Vorwürfe einholen.

Archiv: R. Kelly am 30.06.2013 in Los Angeles
R. Kelly
Quelle: dpa

50 Millionen verkaufte Alben, drei Grammys und Auszeichnungen als erfolgreichster R&B-Künstler der vergangenen 25 Jahre: Geht es nach seinen musikalischen Leistungen, ist Sänger R. Kelly ein Koloss. Mit seinem Hit "Bump N' Grind" kitzelte er bei Erwachsenen das Verlangen nach körperlicher Nähe hervor, mit "I Believe I Can Fly" regte er Kinder und Jugendliche zum Träumen an. Das Magazin "Billboard" nannte ihn 2015 in einem Ranking nicht weit hinter Michael Jackson, Stevie Wonder und Prince.

Staatsanwälte prüfen Vorwürfe

Aber der Koloss wankt. Mit der Doku-Serie "Surviving R. Kelly" haben teils seit Jahrzehnten bekannte Missbrauchsvorwürfe gegen ihn an Schlagkraft gewonnen. Zahlreiche Frauen werfen dem 51-Jährigen darin vor, sie sexuell oder emotional missbraucht zu haben, teils schon im Teenager-Alter. Angst, Ekel und Scham stehen den teils weinenden Frauen in der Sendung ins Gesicht geschrieben. Die Serie beim Sender Lifetime ist eine Anklage gegen Robert Sylvester Kelly, gebündelt und verpackt in sechs Folgen für das amerikanische Abendfernsehen.

Ist dies der Anfang vom Ende für R. Kelly? Wird er zum ersten namhaften Musiker in den USA, den die #MeToo-Bewegung zu Fall bringt? Staatsanwälte in Chicago und Atlanta befassen sich nun mit den Vorwürfen. Kelly hat diese mehrfach entschieden abgestritten und wirft seinen Kritikern eine Rufmord-Kampagne vor.

Vorwürfe reichen über ein Vierteljahrhundert

25 Jahre reichen die Anschuldigungen, Skandale und Gerichtsverfahren zurück. Sie beginnen 1994 mit Kellys fragwürdiger Ehe mit der damals 15 Jahre alten Sängerin Aaliyah (die Ehe wurde annulliert). Ein Jahr später soll er eine Beziehung mit der damals 17 Jahre alten Lizzette Martinez begonnen haben. Kelly habe damals kontrolliert, wie sie sich kleidet, wie sie spricht und mit wem sie befreundet ist, sagte Martinez der Website "Buzzfeed" vergangenen Mai.

Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre folgen der Website "Vox" zufolge mindestens vier Gerichtsverfahren wegen Sex mit verschiedenen jugendlichen Mädchen (sie werden außergerichtlich beigelegt). Zudem tauchen zwei Videos auf, die Kelly beim Sex mit sehr jungen Frauen zeigen sollen. Aber in einem Prozess wegen Kinderpornografie wird er 2008 für nicht schuldig befunden. Bei Verlesung des Urteils - ein Freispruch in 14 Anklagepunkten - bricht Kelly in Tränen aus.

R. Kelly spricht von Verleumdung

Fast ein Jahrzehnt bleibt es ruhig um den Sänger aus Chicago. Er veröffentlicht Alben, tritt bei Festivals auf. Aber dann katapultiert ihn ein "Buzzfeed"-Bericht über einen mutmaßlichen "Sex-Kult" im Sommer 2017 wieder in die Schlagzeilen: Er soll junge Frauen in mehreren Anwesen im Land festhalten, die ihn angeblich selbst für den Gang zur Toilette um Erlaubnis bitten müssen, und sie zum Sex zwingen. Zwei Frauen stützen später Details des Berichts. Kelly spricht von Verleumdung und kündigt rechtliche Schritte an.

Vergangenen November kommt schließlich eine Klage von Kellys zweiter Ex-Frau Drea Kelly hinzu. Sie wirft ihm vor, sie emotional, körperlich und sexuell missbraucht zu haben und beteuert, in der Ehe um ihr Leben gefürchtet zu haben. Einige Tage nach Neujahr geht "Surviving R. Kelly" auf Sendung. Den Hashtag #MuteRKelly (R. Kelly stumm schalten) gibt es da bereits. Und dennoch: Welche Folgen die Vorwürfe für Kelly haben, ist heute völlig offen.

Lady Gaga entschuldigt sich für Zusammenarbeit

Für sein Label RCA, das zum Konzern Sony Music gehört, beginnt der Drahtseilakt. Solange Kelly wegen keiner Straftat verurteilt wird, wird es seinen profitablen Star schützen wollen. Zugleich kann es in Zeiten von #MeToo nicht unbegrenzt zu einem Mann halten, der mutmaßlich reihenweise Teenager-Mädchen zum Sex zwang oder ihr Privatleben kontrollierte. Spotify übte diesen PR-Spagat bereits, indem Kellys Musik zwar aus Playlisten gelöscht wurde, die Musik bei dem Streamingdienst aber verfügbar bleibt.

Archiv: R. Kelly und Lady Gaga am 24.11.2013 in Los Angeles
R. Kelly und Lady Gaga performen bei den American Music Awards 2013 in Los Angeles
Quelle: ap

Pop-Ikone Lady Gaga (32) hat sich jetzt für ihre Zusammenarbeit mit dem Sänger entschuldigt. "Ich entschuldige mich für mein schwaches Urteilsvermögen, als ich jung war, und dafür, nicht früher etwas gesagt zu haben", teilte die Musikerin über den Kurznachrichten Twitter mit. Gleichzeitig kündigte sie an, nie wieder mit dem Musiker zusammenarbeiten und den Song "Do What U Want (With My Body)" von iTunes und anderen Streamingplattformen entfernen zu wollen.

"Ich stehe zu 1.000 Prozent hinter diesen Frauen, glaube ihnen, und weiß, dass sie leiden und Schmerzen haben", kommentierte Lady Gaga ihre Entscheidung. Ihre Stimmen sollten gehört und Ernst genommen werden. Die Vorwürfe gegen den Sänger nannte Lady Gaga "schrecklich" und "unverzeihlich".

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"Do What U Want (With My Body)" hatte die Sängerin im Jahr 2013 veröffentlicht. "Als Opfer von sexueller Nötigung habe ich Song und Video in einer düsteren Phase meines Lebens gemacht", erklärte sie. Ihre Absicht sei es gewesen, etwas "extrem Trotziges und Provozierendes" zu schaffen, weil sie "wütend" war und ihr eigenes Trauma noch nicht verarbeitet hatte. Die beiden traten zusammen in der Late-Night-Show "Saturday Night Live" und bei den American Music Awards auf.

Ähnlichkeit mit anderen Fällen

Ein wenig erinnert der Fall an Filmproduzent Harvey Weinstein, dessen Strafprozess im Mai beginnen soll, und den verurteilten Entertainer Bill Cosby: Einzeln betrachtet lassen sich die Vorwürfe gegen diese Männer häufig ausräumen, aber in der Summe zeichnen sie ein düsteres Bild von womöglich jahrelangem Fehlverhalten. Sie alle haben immer wieder zurückgewiesen, mit Frauen gegen deren Willen Sex gehabt zu haben.

Musik ist ein hartes Geschäft. Die Branche bietet viel Raum für Machtmissbrauch, ob bei Treffen unter vier Augen im Studio oder im Backstage-Bereich bei Konzerten. Der große #MeToo-Moment steht in der Musikindustrie noch aus. R. Kelly könnte der erste sein.

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