Sie sind hier:

Orchester - Immer mehr Frauen am Dirigentenpult

Datum:

Dirigieren ist immer noch weitgehend eine Domäne der Männer - nur wenige Frauen geben bei internationalen Spitzenorchestern den Takt vor. Aber es werden langsam mehr.

Oksana Lyniv
Oksana Lyniv
Quelle: Werner Kmetitsch

"Wir sind in Ungarn – in Ungarn essen alle scharf, da gehört roter Pfeffer in jedes Gericht – alles muss sehr deutlich und abgesetzt gespielt werden." Die Dirigentin Oksana Lyniv steht vor den Düsseldorfer Symphonikern und entlockt dem Orchester mit ihrem Taktstock nicht nur musikalisches Feuer, sondern auch punktgenaue Tonalität. Bela Bartóks komplexes Werk "Konzert für Orchester" steht auf dem Programm.

Frau mit Taktstock – immer noch selten

Lyniv ist Chefdirigentin an der Oper in Graz. In den letzten Tagen dirigierte die gebürtige Ukrainerin in Baden-Baden, Stuttgart und Berlin - jetzt in der Tonhalle in Düsseldorf.  Die 41-Jährige ist viel unterwegs – sie ist in der Branche begehrt und auf dem Sprung zu einer großen internationalen Karriere.

Lyniv ist eine Ausnahmekünstlerin. Und sie ist eine Frau - einer Tatsache, der man eigentlich keine Beachtung schenken sollte und es doch muss, denn es sind nur wenige Frauen, die bei internationalen Spitzenorchestern den Takt vorgeben.

"Wenn man das internationale Konzertgeschehen anschaut, sind wir immer noch bei vier oder fünf Prozent Frauenanteil", so Mary Ellen Kitchens, Leiterin des Archivs "Frau und Musik". "Es gibt eindeutig eine Bewegung nach oben, was das Thema 'Frauen am Dirigierpult' anbelangt, aber das ist eben ein allmählicher Prozess."

Macht und Musik

"Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck der Macht als die Tätigkeit des Dirigenten", schrieb der Dichter Elias Canetti im Jahre 1960. Und er hatte Recht. Schon das äußere Bild des Dirigenten war zu der damaligen Zeit das eines Generals, der eine Armee befehligt. Gleichberechtigung in der Klassikbranche? Fehlanzeige.

Männliche Alleinherrscher mit Taktstock, wie etwa Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan, waren in der Vergangenheit eher die Regel als die Ausnahme. Bis ins 20. Jahrhundert waren viele Orchester eine reine Männerdomäne - die Wiener Philharmoniker zum Beispiel erlaubten erst 1997 Frauen den Zutritt in ihr Orchester.

Mehr Demokratie in den Orchestern

Düsseldorfer Tonalle
Düsseldorfer Tonalle
Quelle: Susanne Diesner/Düsseldorfer Tonalle

Doch heute sieht es anders aus. "Man merkt , dass der Umgang im Orchester ein anderer ist, viel ausgewogener, sehr viel demokratischer", so der Intendant der Düsseldorfer Tonhalle, Michael Becker. "Dann passt da auch eine andere Art der Führung ganz sinnvoll rein und man merkt, dass man gemeinsam Musik machen will und nicht mehr ein General da steht, der gegen eine Masse kämpft." Mit der Art und Weise, wie dirigiert wird, haben auch immer mehr Frauen den Platz an die Spitze von Orchestern geschafft. Und dort sind sie erfolgreich, sie dirigieren mit Bravour.

Stardirigentin Simone Young zum Beispiel. Die Australierin war von 2005 bis 2015 Generalmusikdirektorin in Hamburg. Für den Dirigentinnen-Nachwuchs ist sie heute noch ein Vorbild. Oder Mirga Grazinyte-Tyla. Sie wurde 2016 mit nur 29 Jahren Chefdirigentin beim legendären "City of Birmingham Symphony Orchestra". Glanzvolle Karrieren, die Schlagzeilen machen.

Noch immer "krasses Missverhältnis"

Doch in der Breite der Orchester-Landschaft ist man von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Von den derzeit 129 öffentlich finanzierten Sinfonieorchestern in Deutschland sind, laut "Musikinformationszentrum" aktuell gerade einmal drei Leitungsstellen mit Frauen besetzt. "Die Zahlen zeigen ein krasses Missverhältnis. Das muss man deutlich sagen, wenn man sich die Studierendenzahlen anschaut", so Marc Grandmontagne vom "Deutschen Bühnenverein". Immerhin lag 2017 der Anteil von Frauen, die an deutschen Musikhochschulen das Fach "Dirigieren" studierten bei 42 Prozent. "Es hängt nicht an zu wenig weiblichen Studierenden, sondern daran, dass es irgendwann offenbar nicht weitergeht."

Viel in Bewegung

Auch Oksana Lyniv musste zu Beginn ihrer Karriere erst einmal umdenken. Mit 16 wurde ihr Talent erkannt, doch selbst sie musste sich von überholten Rollenklischees freimachen. "Als ich erfahren habe, dass auch Frauen das Fach Dirigieren studieren dürfen, ging mir das überhaupt nicht in den Kopf. Ich dachte tatsächlich, dass das wie bei der Armee sei und es nur Dienst für Männer gäbe", lacht sie heute. Dirigentinnen wie Oksana Lyniv, sind wieder Vorbild für nachfolgende Generationen von Frauen, die unsicher sind, ob sie diesen Karriereweg einschlagen sollen oder nicht.

"Ich bin da zuversichtlich," so Mary Ellen Kitchens vom Archiv "Frau und Musik", und fügt ungeduldig hinzu: "Ich sehe so viel Talent in diesem Bereich und so viel Willen auf Seiten der Orchester. Es tut sich was. Ich wünsche mir nur, dass der Prozess noch ein bisschen schneller ginge."

Die Autorin ist Redakteurin im ZDF-Studio Düsseldorf.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.