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Siemens und Alstom - Zugfusion mit Verspätung

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Auf der Aktionärsversammlung von Alstom steht die geplante Fusion der Zugsparte mit der Bahntechnik von Siemens auf dem Plan. In Frankreich gibt es auch Kritik an den Plänen.

Es soll eine Hochzeit unter Gleichen und zum Wohl aller sein. Doch viele befürchten, dass der Zusammenschluss der Zugsparten des französischen Alstom-Konzerns und Siemens auch andere Seiten hat. So hat vor wenigen Tagen die EU-Kommission angekündigt, die geplante Fusion genau und vertieft zu prüfen. Grundlage der Bedenken ist, dass das neue Unternehmen in seinen Kernbereichen dreimal so groß sein wird, wie der nächstgrößere Konkurrent. Die Wettbewerbshüter befürchten, dass durch die Fusion Preise für Züge und Zugtechnik steigen könnten, "was sich letztlich zum Nachteil von Millionen Europäern auswirken könnte", sagte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Bis Ende November will die Kommission sich Zeit für die Prüfung nehmen. Eigentlich wollten beide Unternehmen dieses Jahr schon Vollzug melden. Nun verspätet sich die Zugfusion und soll Mitte 2019 schließlich stehen.

Bündnis gegen chinesische Konkurrenz

Der neue Konzern Siemens-Alstom wäre nach Volumen der zweitgrößte Bahnbauer weltweit und der größte Hersteller von Signaltechnik. Beide Unternehmen streben die Fusion an, weil sie befürchten, ansonsten den Anschluss an die Konkurrenz vor allem aus China zu verlieren. Denn auf der anderen Seite stimmt auch: Selbst nach einem Zusammenschluss kommt das Unternehmen nicht an den umsatzstärksten chinesischen Konkurrenten heran: den aus ebenfalls einer Fusion von zwei Staatsunternehmen hervorgegangenen CRRC-Konzern. Der ist mehr als doppelt so groß wie die avisierte deutsch-französische Allianz, die es auf einen Umsatz von gut 15 Milliarden Euro bringen wird. Über 63.000 Beschäftigte wird das fusionierte Zugunternehmen weltweit zählen.

Auch deswegen hofft man in Paris und München auf Einsicht der europäischen Wettbewerbshüter. Allerdings ist fraglich, ob Europäer in China überhaupt zum Zug kommen können. "Das müssen wir erst einmal sehen", sagt Branchenanalyst Stefan Schöppner von der Commerzbank. "Die Regierung in Peking wird jedenfalls kritische Infrastrukturprojekte schützen wollen". Auch umgekehrt ist es bislang noch nicht so, dass die chinesische Konkurrenz in großem Stil in den hiesigen Markt drängt. Und die europäische Kommission hält es "zum jetzigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich", dass Anbieter aus China auf den Markt für Züge und Signaltechnik vordringen.

Kritik in Frankreich

Wie auch immer: Analyst Stefan Schöppner geht davon aus, dass die Fusion zu Stande kommen wird. "Die werden jetzt in ein stilles Kämmerlein gehen und sich beraten. Sie werden vorschlagen, einige Bereiche abzugeben beziehungsweise zu verkaufen, um die Bedenken aus dem Weg zu räumen". Ihren Segen haben beide Unternehmen übrigens von höchster Instanz jenseits des Rheins: Der Zusammenschluss ist eines der wichtigsten industriepolitischen Anliegen des Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Allerdings stößt das Projekt andernorts in Frankreich auch auf Widerstand.

Es sei mehr als fragwürdig, dass die Münchner "Alstom kontrollieren werden, ohne einen Cent auszugeben" schreibt etwa der konservative Senator Alain Chatillon in einem Bericht zu den Alstom-Standorten. Denn die Orderbücher des Unternehmens seien voll und die Finanzen stabil. In der Tat hat Alstom im abgeschlossenen Geschäftsjahr seine Umsätze um neun Prozent auf acht Milliarden Euro steigern können; die Gewinne beliefen sich auf knapp eine halbe Milliarde Euro.

Angst vor Arbeitsplatzabbau

Zum anderen macht vor allem bei den Arbeitnehmern bei Alstom die Befürchtung die Runde, dass die Fusion einen Abbau von Arbeitsplätzen in Frankreich zur Folge haben könnte. Die Furcht speist sich aus der Tatsache, dass Siemens eine Mehrheit von knapp über 50 Prozent an dem gemeinsamen Unternehmen halten wird. Das ist auch französischen Aktionärsberatern ein Dorn im Auge. So rät Proxinvest den französischen Alstom-Aktionären, gegen die Fusion zu stimmen. Angesichts der vereinbarten Siemens-Mehrheit sei die Übernahmeprämie für die Alstom-Aktionäre deutlich zu klein ausgefallen, kritisieren sie.

Bedenken in Hinsicht der Arbeitsplätze entbehren nicht einer gewissen Logik: Neben der Größe geht mit Fusionen meist einher, dass die neue Gesellschaft effizienter arbeitet, weil, vorhandene Doppelstrukturen wegfallen. Erwartet werden in den ersten vier Jahren durch den Deal Synergien im dreistelligen Millionenbereich. Dass es dabei schnell um viele Arbeitsplätze gehen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel - die Übernahme von Opel durch den französischen PSA-Konzern. Dort hat man sich bislang auf den Abbau von fast 4.000 Stellen bei Opel verständigt - und weitere könnten noch folgen. Während bei der Opel-Übernahme die Kritiker vor allem in Deutschland saßen, sieht man im Fall Alstom-Siemens die Sache vor allem auf der anderen Rheinseite kritischer.

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