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Vor Gipfeltreffen in Singapur - Vorbereitungen auf das Ungewisse

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Findet das Trump-Kim-Treffen überhaupt statt - und wenn ja, wo? In Singapur versucht man fieberhaft, die Indizien zu deuten. Unterdessen erreicht Kims "Schatten" die Stadt.

Kim Chang Son
Kim Chang Son, nordkoreanischer Diplomat und Vertrauter des Machthabers Kim
Quelle: reuters

Er verzieht keine Miene, stoisch guckt er nach vorne. Die Meute um ihn herum ignoriert er. Kim Chang Son, 74, ist solch einen Auflauf auch nicht gewohnt aus seiner Heimat. Journalisten, die versuchen, ein Foto von ihm zu schießen, kennt er nicht in Nordkorea. Dort lässt man ihn in Ruhe. Vor allem: Dort taucht das Phantom auch höchst selten in der Öffentlichkeit auf. Und wenn es ein Foto von ihm gibt, dann nur, weil es die nordkoreanischen Zensurbehörden genehmigen.

Doch nun ist Kim Chang Son - in Diplomatenkreisen als "Schatten" und "Butler" von Nordkoreas Staats- und Parteichef Kim Jong Un bekannt - in Singapur in offizieller Mission. Er bereitet als De-facto-Stabschef auf nordkoreanischer Seite den On-and-off-Gipfel zwischen Kim und US-Präsident Donald Trump vor. Beim historischen Gipfeltreffen zwischen den beiden Präsidenten von Nord- und Südkorea im vergangenen Monat in Panmunjom wich der Vertraute nicht von der Seite des Diktators. Auch dessen Schwester Kim Yo Ung hatte er zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang begleitet.

Schweigsamer Diplomat

In der Nacht zu Montag flog Kim Chang Son nach Singapur. Die wartenden Journalisten am Terminal drei hinter dem VIP-Empfang ignorierte er. Da grenzt es fast an ein Wunder, dass der Stabschef beim Abflug aus Peking doch tatsächlich den wartenden Journalisten einen Brocken hingeworfen hat. Auf die Frage, was er in Singapur machen werde, antwortete er knapp, er reise dorthin, "um zu spielen". Das ist höchstwahrscheinlich der erste offizielle Witz, den er jemals geäußert haben dürfte.

Ansonsten schweigt der Nordkoreaner. Wenn er das "Fullerton", das altehrwürdige Luxushotel am Rand des Finanzzentrums, verlässt, steigt er wort- und grußlos in die wartende Mercedes-Limousine und fährt davon, umringt von den Fotografen. Seine Entourage steigt derweil in einen Minibus.

Sanders: "Sie haben sich heute getroffen"

Kim Chang Sons Weg führt auf die vorgelagerte Insel Sentosa, wo im "Capella"-Hotel der US-Vermittler Joe Hagin, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus, und Mira Ricardel, stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin, logieren. Die US-Delegation reiste über den amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Yokota in Japan nach Singapur – ebenfalls am Montag. Es gibt zwar keine Bilder von den Treffen der Delegierten beider Länder, zumindest aber eine Bestätigung von amerikanischer Seite. "Sie haben sich heute getroffen und sie werden sich morgen wieder treffen", sagte knapp Sarah Huckabee Sanders, die Sprecherin des Weißen Hauses, am Mittwoch.

Genauere Bulletins können nur die wartenden Journalisten am Straßenrand liefern: Am Mittwoch hätten die Parteien vier Stunden miteinander geredet, am Donnerstag lediglich zwei. Ein Dutzend Fotografen, die Mehrzahl aus Japan, hat es sich auf der Brücke, die die Insel mit dem Festland verbindet, gemütlich gemacht – und wartet auf die Rückkehr des Nordkorea-Phantoms. Journalisten, die versuchen ins Capella-Hotel zu gelangen, wird gesagt, dass es wegen einer privaten Veranstaltung geschlossen sei.

"Alle laufen wie aufgeschreckte Hühner herum, niemand weiß etwas"

Die Konfusion nach der offiziellen Gipfelabsage durch US-Präsident Donald Trump ist groß in Singapur. Dennoch laufen die Vorbereitungen ungebremst weiter, obwohl niemand weiß, ob der Gipfel am 12. Juni tatsächlich stattfinden wird oder zu einem späteren Zeitpunkt. Oder ob die Absage endgültig ist. Auch über den Ort des Treffens spekulieren Einheimische, Sicherheitsbehörden, Diplomaten und Journalisten. Und jeder fragt jeden: Diplomaten erkundigen sich bei Journalisten, Polizisten bei Mitarbeitern in den Ministerien. Ein Redakteur der "Straits Times", der größten Zeitung Singapurs, bringt es auf den Punkt: "Alle laufen wie aufgeschreckte Hühner herum, niemand weiß etwas, niemand hört etwas. Für uns in Singapur, wo immer alles höchst geregelt und organisiert abläuft, ist es die Höchststrafe". Und, das will er noch hinzufügen: "Es ist ein Albtraum."

Als Ort eines möglichen Gipfeltreffens gelten das Fullerton-Hotel, weil die Nordkoreaner dort logieren, oder eben das "Capella", wo sich die Amerikaner einquartiert haben. Auch das "Shangri-la"-Hotel steht hoch im Kurs. Es steht quasi auf neutralem Terrain. Und man kennt sich dort mit bedeutenden Meetings aus; 2015 haben sich in eben jenem Luxushotel Chinas Präsident Xi und Taiwans Präsident Ma Ying-jeou zum Gespräch getroffen. Die ersten lokalen Medien berichteten zudem bereits aufgeregt, sie hätten in der Garage des Hotels US-Fahrzeuge mit Diplomatenkennzeichen entdeckt. Aber ob das als verlässlicher Hinweis taugt? Am Samstag beginnt dort die internationale Sicherheitskonferenz "Shangri-la Dialogue" – und zwar mit US-Verteidigungsminister James Mattis.

Urlaubssperre für Polizisten

Also alles nur ein Fehlalarm? Singapur bleibt nur übrig, auf neueste Twitter-Nachrichten des US-Präsidenten zu hoffen. Oder eben schweigsame Nordkoreaner zu fotografieren.

Die Polizei, die für alle Fälle gewappnet ist, hatte sich schon gefreut. Mit der Trumpschen Absage an den Gipfel wurde die Urlaubssperre aufgehoben. Einige Polizisten wähnten sich schon mit ihren Familien in den Sommerferien, die an diesem Wochenende in Singapur beginnen. Doch nach den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Tage gilt die Direktive wieder. Und zwar ab sofort.

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