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Dörfer in Ostdeutschland - Dorf unterm Hammer bleibt wohl Ausnahme

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Heute wird eine brandenburgische Siedlung versteigert. Droht ein Ausverkauf ostdeutscher Dörfer? Eher nicht. Experten zufolge ist deren Lage oft alles andere als düster.

Baufällige Gebäude sind am 16.11.2017 in dem kleinen dorf Alwine nahe Domsdorf (Brandenburg) zu sehen
Baufällige Gebäude sind am 16.11.2017 in dem kleinen Dorf Alwine nahe Domsdorf (Brandenburg) zu sehen Quelle: dpa

In der südbrandenburgischen Siedlung Alwine leben 15 Menschen zur Miete. Bis jetzt hat das niemanden interessiert, nun aber ist alles anders: Denn Alwine wird heute im Berliner Immobilien-Auktionshaus Karhausen versteigert. Fünf Doppelhäuser, ein Zweifamilienhaus, ein Einfamilienhaus, zwei Mehrfamilienhäuser, mehrere Schuppen und Garagen. Mindestgebot: 125.000 Euro. Das sorgt für Schlagzeilen: "Ein ganzes Dorf unter dem Hammer."

"Aufschwung Ost" in Südbrandenburg

Dass Alwine nur ein "Gemeindesplitter" ist, geschenkt. Im Wald gelegen auf fast 17.000 Quadratmetern Fläche, ist Alwine ein Teil von 21 Orten, die zur Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück zählen. Etwa 140 Kilometer sind es nach Berlin, 90 nach Leipzig, 80 nach Dresden. Tiefste ostdeutsche Provinz, mag manch einer denken. 

Matthias Knake vom Auktionshaus spricht dagegen vom Potenzial Alwines und das erkennt offenbar nicht nur er. Mehr als 40 Anfragen gibt es. "Das Interesse ist richtig groß", sagt Knake. Warum auch nicht, meint der Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück, Andreas Claus, der seine Gemeinde kräftig im Aufwind sieht.

Alwine in Brandenburg: Ein paar marode Häuser, etwa 15 Mieter, keine Einkaufsmöglichkeiten — und ein Bus hält auch nicht. Ein Unbekannter hat das Dorf nun ersteigert, für 140.000 Euro. 2001 hatte die Treuhand die frühere Werkssiedlung für 1 Mark verkauft.

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Vom Bevölkerungsaderlass erholt: "Mehr Zuzug als Wegzug"

"Von wegen tote Hose", sagt er lachend am Telefon, bevor er auf die florierende Wirtschaft zu sprechen kommt. "Nachdem hier in den Neunzigern viele Jobs im Braunkohleabbau weggebrochen sind, erlebt die Region ein Comeback." Claus spricht über einen innovativen Mittelstand. Die Perspektiven seien alles andere als düster. "Unsere Einwohnerzahlen sind stabil, hier ist Leben drin, die Lichter gehen ganz bestimmt nicht aus bei uns", sagt der Bürgermeister hörbar zufrieden.

"Die Situation vieler ländlicher Gebiete in Ostdeutschland ist positiver als oft angenommen", sagt Hardo Kendschek, Leiter des Leipziger Büros des Empirica-Instituts. Kendscheck hat mehr als 100 Kommunen in der Stadt- und Regionalentwicklung beraten. Er sagt: "Es gab zwar einen starken Aderlass nach dem Mauerfall, als die Menschen der Arbeit nachzogen, aber heute sehen wir den Gegentrend - mehr Zuzug als Wegzug."

Wenn Dörfer von "Schwarmstädten" profitieren

Vor allem rund um wirtschaftlich starke Großstädte profitierten auch die Dörfer von Zuzügen. "Boom-Städte wie Jena wissen ja gar nicht mehr wohin mit all den jungen Leuten, die da kommen", so Kendschek. "Da landen dann viele in den Dörfern und Kleinstädten ringsum, wo die Mieten auch viel günstiger sind."

Die Sorgen und Nöte von bestimmten Gemeinden, die fernab der "Schwarmstädte" liegen, verschweigt Kendschek indes nicht. "Auf bestimmten Gebieten lastet ein großer Druck", sagt er. "Aber das ist im Osten nicht anders als im Westen, Süden oder Norden."

Wehe, der Staat vernachlässigt den ländlichen Raum

Problematisch werde es, wenn sich der Staat aus der Fläche zurückziehe. "Wo der Staat den ländlichen Raum vernachlässigt hat, sind auch die rechtsradikalen Einstellungen am stärksten", sagt Kendschek. Aktuell beobachtet er ein Umdenken der Politik und erwartet ein stärkeres Engagement auf dem Land. Kendschek ist sich deshalb sicher: "Die Dörfer werden nicht sterben."

Thilo Lang, Leiter der Regionalen Geographie am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, belegt das innovative Potenzial ländlicher Räume in der großangelegten Studie "Peripher global - Weltmarktführer auf dem Lande". Von insgesamt mehr als 100 wirtschaftlichen Weltmarktführern in Ostdeutschland haben immerhin fünf ihren Sitz in Landgemeinden. Hinzu kommen zahlreiche weitere in kleinen und mittelgroßen Städten.

Schnelles Internet als Wirtschaftsaufbauhilfe

"Wenn sich beim Ausbau des schnellen Internets flächendeckend noch mehr tut, könnten sich auch mehr Unternehmen in heute noch strukturschwachen Dörfern und Kleinstädten ansiedeln", sagt Lang. Steht die digitale Infrastruktur, gibt es keine abgehängte Peripherie mehr, lautet sein Credo. "Früher oder später kommen dann kluge Köpfe und füllen den Raum mit innovativen Konzepten."

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