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"Britische Politik hat den Verstand verloren"

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Satiriker John Crace - "Britische Politik hat den Verstand verloren"

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Mays Brexit-Deal wurde mehrfach abgelehnt. Um eine Verlängerung der Austrittsfrist wird gepokert. "Eine Lachnummer für den Rest von Europa", sagt "Guardian"-Journalist John Crace.

 John Crace
John Crace
Quelle: ZDF/ Anna Ehlebracht

Seit der letzten Abstimmung wartet die EU darauf, dass Großbritannien sich äußert, wie es mit dem Brexit weitergehen soll. EU-Kommissionspräsident Juncker sagte im Deutschlandfunk, er erwarte, "dass es diese Woche anlässlich des Europäischen Rates zu keiner Beschlussfassung kommt, sondern dass wir uns wahrscheinlich nächste Woche wiedertreffen müssen". May habe weder in ihrem Kabinett noch im Parlament "Zustimmung zu Irgendetwas" beim Brexit. "Solange wir nicht wissen, wozu Großbritannien Ja sagen könnte, können wir auch zu keiner Beschlussfassung kommen."

heute.de: Ihr Job ist es, die Geschehnisse im Parlament zu kommentieren. Was sagen Sie zu den Entwicklungen der letzten Woche?

Das ist völlig absurd. Er müsste diese Woche mit May zum Europäischen Rat gehen und um eine Verlängerung bitten - die er nicht mehr will. Die britische Politik hat den Verstand verloren.

John Crace: Viele, die eine Weile in Westminster gearbeitet haben, sagen: So etwas haben wir noch nie erlebt. Jede Woche bringt ihre eigene, neue Karikatur mit sich. Als Brexit-Minister Stephen Barclay letzte Woche gegen den Antrag der Verlängerung von Artikel 50 stimmte, obwohl er direkt davor noch eine Rede für eine Verlängerung der Austrittsfrist gehalten hatte, dachte ich mir: Das ist völlig absurd. Er müsste diese Woche mit May zum Europäischen Rat gehen und um eine Verlängerung bitten - die er nicht mehr will. Die britische Politik hat den Verstand verloren.

heute.de: Ein völliges Desaster also?

Crace: Ja, schon. Abgeordnete, die man im Gang des Parlaments trifft, sind wirklich verzweifelt. Wir haben eine Premierministerin, die nicht viele Sympathien erntet und von der ihre eigene Partei denkt, sie habe viele Fehler gemacht. Dann haben wir den Vorsitzenden der Opposition Labour, Jeremy Corbyn, den viele in seiner eigenen Partei auch nicht schätzen. Es ist ein absolutes Rezept zur Katastrophe. Großbritannien ist vermutlich eine Lachnummer für den Rest von Europa. Während es natürlich nett ist, solch eine Unterhaltung zu bieten, ist es kein solcher Spaß, sie auch zu durchleben.

heute.de: Ist das britische Mehrheitswahlsystem denn noch angemessen für ein modernes Land voller Vielfalt und Individualität?

Aber der eigentliche Grund hinter unserem Wahlsystem ist ja der, dass dieses eine starke Regierung liefern soll. Aber wir sehen nun am Brexit, dass dieser jenen Vorsatz aufgebrochen hat.

Crace: Nun, weder die Conservative noch die Labour Party wird diesen Zustand ändern - es ist ja in ihrem Interesse, jenes System beizubehalten, das ihnen eine Überrepräsentierung im Parlament beschert. Zudem hatten wir ein solches Referendum bereits im Jahr 2011, bei dem über die Einführung eines alternativen Wahlrechts abgestimmt wurde. Das wurde damals flächendeckend abgelehnt. Aber der eigentliche Grund hinter unserem Wahlsystem ist ja der, dass dieses eine starke Regierung liefern soll. Aber wir sehen nun am Brexit, dass dieser jenen Vorsatz aufgebrochen hat. Der Brexit überwindet Parteitreue - und letztere ist so gut wie kaputt.

heute.de: Die Frage ist ja, ob sie wieder hergestellt werden kann?

Crace: Der Brexit und der ganze Prozess, der dazu gehört, werden sich noch ungefähr zehn Jahre hinziehen. Daher sehe ich keinen Weg, wie das britische Parlamentssystem in dieser Zeit wieder instand gesetzt werden könnte.

heute.de: Aber würde es dann so weitergehen, wie in den letzten Wochen und Monaten?

John Crace: Es ist undenkbar, dass die Regierung in ihrem Zustand von Lähmung, Verwirrung und Chaos für weitere zehn Jahre so weitermacht wie bisher: Und zwar insofern, dass der Brexit alles einnimmt. All die Dinge, die vorher diskutiert wurden und uns beschäftigt haben, die soziale Agenda, Gesundheit, Sozialfürsorge, Schulen - all das ist nicht mehr in der Politik vertreten. Dieser Weitergang ist aber in meinen Augen eine sehr wahrscheinliche Realität. 

heute.de: Könnte sich die Situation zu einer Bedrohung für die Demokratie entwickeln?

John Crace: Es gibt viele Menschen, die "Leave" gewählt haben und sich betrogen fühlen - und es gibt viele Menschen, die "Remain" gewählt haben und sich auch verraten fühlen. Aber momentan denke ich nicht, dass unsere Demokratie daran zerbrechen wird, oder dass wir kurz vor einem massiven zivilen Ungehorsam stehen. Aber ich lag in der letzten Zeit ja öfter mal falsch… Es kann wohl nicht ausgeschlossen werden, dennoch sehe ich uns noch nicht an diesem Punkt.

heute.de: Bedarf es denn überhaupt noch fiktiver Unterhaltung im Fernsehen, wenn es doch die britische Politik gibt?

Nun, das House of Commons, das britische Parlament, verspottet sich selbst.

John Crace: Nun, das House of Commons, das britische Parlament, verspottet sich selbst. Als ich in dem Job angefangen habe, war es meine Aufgabe, die Politik übertreibend darzustellen, zum Spaß, eine Art von behutsamer Verhöhnung. Jetzt ist mein Job eher ein direkter Übertragungsservice, da man die Idioten kein Stück idiotischer darstellen könnte.

Das Interview führte Anna Ehlebracht.

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