Sie sind hier:

Prozessauftakt in Slowakei - Mordfall Kuciak: Hoffen auf Neuanfang

Datum:

Der Mord an dem Journalisten Kuciak und seiner Verlobten hat die Slowakei erschüttert. Nun startet der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter - und das Land sieht das als Chance.

Der Doppelmord am Investigativ-Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova im Februar 2018 hat die Slowakei in ihren Grundfesten erschüttert. Vier Tatverdächtige in dem Fall werden jetzt vor Gericht gestellt. Der Prozess dürfte sich unter enormer medialer Aufmerksamkeit über Monate hinziehen. Und auch ein definitives Urteil wird vermutlich noch kein Schlusspunkt in dem Fall sein.

Als der junge Investigativ-Journalist Jan Kuciak am 21. Februar 2018 zusammen mit seiner Verlobten Martina Kusnirova im eigenen Haus, 60 Kilometer östlich von Bratislava, erschossen wurde, hatte man zwar gleich vermutet, dass seine journalistische Arbeit für das Webportal aktuality.sk das Motiv für die grausame Tat sei. Es dauerte aber Monate akribischer Recherchearbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft, um ein ganzes Netzwerk freizulegen, das für den Mord verantwortlich scheint.

Größte Protestwellen seit Revolution 1989

Der Mord führte zu den größten Protestwellen in der Slowakei seit der Revolution 1989. Wenige Tage nach seiner Erschießung wurde der letzte Artikel Kuciaks publik, in dem er über Mafia-Kontakte bis in das Büro des damaligen Regierungschefs Robert Fico geschrieben hatte. Fico sah sich letztlich zum Rücktritt gezwungen, das Ruder übernahm sein Parteikollege Peter Pellegrini.

Doch die Regierungspartei SMER konnte sich dennoch an der Macht halten. Bei den Präsidentschaftswahlen 2019 zeigten sich die Spätfolgen - völlig überraschend wurde die politisch kaum erfahrene Rechtsanwältin Zuzana Caputova zur neuen Präsidentin des Landes gewählt. Ein starkes Zeichen der slowakischen Bevölkerung für den Wunsch nach einem politischen Neuanfang. Umfangreiche Ermittlungen bestätigten am Ende auch den journalistischen Hintergrund des Kuciak- Mordes.

Eine Welt von Betrug, Korruption und Erpressung

Trauerzuege fuer ermordeten Journalisten Kuciak
Trauerzug fuer ermordeten Journalisten Kuciak
Quelle: dpa

Ende September 2018 wurden vier Tatverdächtige festgenommen - einer von ihnen wurde bald darauf geständig. Seine Hinweise führten die Polizeiermittler zum eigentlichen mutmaßlichen Drahtzieher des Journalistenmordes. Im März 2019 wurde schließlich der slowakische Geschäftsmann Marian Kocner beschuldigt, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Jan Kuciak hatte mehrfach über seine dubiosen Geschäfte recherchiert.

Den Polizeiermittlern gelang es, das Mobiltelefon von Marian Kocner auszuwerten und alle kodierten Chats zu entschlüsseln. Heraus kam eine Welt von Betrug, Korruption und Erpressung. Ein Geäst, dessen Arme weit in Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte hineinreichten. Ende Oktober wurde im Fall Anklage erhoben.

Kocner als Hauptverdächtiger vor Gericht

Nun steht Marian Kocner als Hauptverdächtiger vor Gericht, zusammen mit der mutmaßlichen Organisatorin und den beiden mutmaßlichen Durchführern des Doppelmordes an Kuciak und seiner Verlobten. Allen vier Angeklagten droht im Falle einer Verurteilung eine Strafe zwischen 25 Jahren Gefängnis bis lebenslang. Der fünfte Angeklagte im Fall Kuciak bekommt für seine Mithilfe bei den Ermittlungen ein gesondertes Verfahren. Er kann mit einer deutlich niedrigeren Strafe rechnen.

Der Prozess ist aber nur die eine Seite der Geschichte, viel hat sich seitdem in der Slowakei verändert. Teile der slowakischen Gesellschaft sind immer noch fassungslos über die korrupten Verflechtungen von Mafia und Politik, die auch weit in das Justizsystems des Landes hineinreichten.

Kuciaks damaliger Chefredakteur im Gespräch

Uns ist bewusst geworden, dass wir nicht unsterblich sind und wenn das Organisierte Verbrechen Journalisten liquidieren will, dann kann das passieren.
Peter Bardy, Ex-Chef von Jan Kuciak

Kurz vor dem Prozess hat das ZDF die ehemalige Redaktion von Jan Kuciak besucht und mit dem Chefredakteur von aktuality.sk, dem ehemaligen Vorgesetzten von Jan Kuciak, gesprochen. Für Peter Bardy hat sich seit Kuciaks Tod vieles verändert: "Seit diesem Tag haben wir angefangen, den Journalismus aus einer anderen Perspektive zu sehen. Uns ist bewusst geworden, dass wir nicht unsterblich sind - und wenn das organisierte Verbrechen Journalisten liquidieren will, dann kann das passieren. Wir passen mehr auf unsere Sicherheit auf und teilen viel mehr Informationen und Rechercheergebnisse mit Kollegen, damit man weiß, was der andere tut."

Die Verunsicherung ist groß in der Slowakei - umso größer sind auch die Erwartungen an den Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Jan Kuciak. Manche Slowaken sehen in dem Prozess sogar die Chance eines Neuanfangs für das ganze Land. Wenn es gelingt, den Sumpf aus Korruption trocken zu legen, könnte dies vielleicht zukunftsweisend für die Richtung sein, die das Land künftig einschlagen will. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Hauptverhandlung des Prozesses ist frühestens im Januar und wird damit auch bestimmt Wahlkampfthema - die Slowakei wählt am 29. Februar 2020 ein neues Parlament.

Michael Sommer berichtet als Redakteur im ZDF-Studio Wien auch über Themen aus Südosteuropa.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.