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Slowakei vor der Europawahl - Ein Mord wirkt nach

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Die Europawahl ist nicht für hohe Wahlbeteiligung bekannt, am geringsten ist sie in der Slowakei. Ein Jahr nach dem Mord, der das Land erschütterte, kämpfen Politiker um Vertrauen.

Die Slowakei vor der Europawahl
Vertrauen verloren: Der Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak hatte Folgen bis in die Spitzen der slowakischen Politik.
Quelle: Linda Kierstan

Mickrige 13 Prozent Wahlbeteiligung - mehr war bei der Europawahl 2014 nicht drin. Die Slowaken gelten zwar als EU-freundlich. Doch wenn es um die Zukunft Europas geht, schwänzt die Mehrheit den Weg ins Wahllokal. Das Ergebnis: Platz 28 für die Slowakei - in keinem anderen Land der EU haben vor fünf Jahren noch weniger Menschen ihr Kreuzchen gemacht. Umso bedenklicher: Nur sechs Prozent der 18 bis 24-jährigen Slowaken hatten damals abgestimmt. Eine bittere Bilanz, die sich laut Regierung in Bratislava in diesem Jahr nicht wiederholen soll.

Sajfa Matej Cifra ist zwar kein Politiker, doch er kämpft um jede Stimme. Obwohl der 40 Jahre alte Youtuber und Radiomoderator das Durchschnittsalter seiner Zielgruppe längst überschritten hat, folgen ihm Hunderttausende in den sozialen Medien. Im Gegensatz zu vielen seiner Followern hat er den Kommunismus noch erlebt. Heute schäme er sich manchmal für seine und für jüngere Generationen, sagt Sajfa. Viele würden das große Ganze einfach nicht erkennen.

Mord an Enthüllungs-Journalist hat Slowaken erschüttert

Bei jeder Gelegenheit ruft er sein Publikum zur Wahl auf und erklärt, warum die EU wichtig ist. Der Kommunismus, so Sajfa, sei eine Zeit, die er wirklich nicht zurück haben wolle. Er möchte ein Vorbild sein und nutzt seine Popularität. Einen Versuch ist es allemal wert, denn in der Slowakei mangelt es an etwas, was für jedes demokratische Gemeinwesen von existentieller Bedeutung ist: an Vertrauen in die Politik.

In der Slowakei wurden ein Investigativ-Journalist und seine Lebensgefährtin erschossen.
Jan Kuciak
Quelle: dpa

Der Mord an dem Enthüllungs-Journalisten Jan Kuciak vor einem Jahr hat die Slowaken erschüttert wie kein anderes Ereignis seit ihrer staatlichen Unabhängigkeit. Nach dem Verbrechen gingen wochenlang Zehntausende auf die Straße und demonstrierten auch gegen Korruption. Schließlich traten der Regierungschef und sein Innenminister zurück. Doch das Verbrechen an Jan Kuciak und seiner Verlobten prägt das Verhältnis der Menschen zur Politik bis heute. 

Hoffnungsträgerin Zuzana Caputova

Kurz vor der Wahl kämpfen die Parteien in der Slowakei also in erster Linie um Vertrauen. Auch die Progesívne Slovensko ist im Wahlkampfmodus - eine Partei, die es erst seit anderthalb Jahren gibt. Ihre Kandidatin für das höchste Amt in der Slowakei gilt als neue Hoffnungsträgerin. Zuzana Caputova konnte sich bei der Wahl im März durchsetzen und ist die designierte Staatspräsidentin ihres Landes. In Umfragen rangierten ihre Liberalen Anfang Mai auf Platz drei, knapp hinter der rechtsradikalen Partei LSNS.

Bürgeranwältin Zuzana Caputova
Zuzana Caputova, designierte Staatspräsidentin der Slowakei.
Quelle: dpa

Diese "Volkspartei Unsere Slowakei" verdankt ihren Erfolg vor allem der Angst vor Flüchtlingen. Zwar hat die Slowakei nur wenige aufgenommen, doch die Vorbehalte gegenüber Fremden bleiben stark. Im Stadtpark von Bratislava spielt die Herkunft keine Rolle. Hier treffen sich einmal pro Woche Einheimische und Migranten zum Fußball spielen.

Azim Farhadi, Chef des Instituts für Migration und Kommunikation, trommelt die Truppe jeden Dienstag zusammen. Er selbst kam vor 22 Jahren aus Afghanistan in die Slowakei. Man könnte meinen, nur weil es wenige Migranten gibt, wären die Probleme auch kleiner, aber so ist es nicht, sagt Azim Farhadi. Er hofft, dass sich die Slowakei weiter öffnen wird: in Richtung Europa. Aber das sehen längst nicht alle so. Die Slowakei, so scheint es, ist hin und hergerissen: zwischen Ost und West, zwischen mehr und weniger Europa.

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